Dienstag, 15.10.2019

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Ein Sommer mit behinderten Kindern

Nürnbergerin organisierte ein Freizeitcamp in Belarus - 07.08.2016 10:00 Uhr

Die Ferienfreizeit, die die Freiwilligen für die behinderten Kinder organisierten, war für alle spaßig – wie ihr auf dem Bild sehen könnt. © Foto: privat


Es begann damit, dass ich nach dem Abitur weg wollte. Raus aus der gewohnten Umgebung, neue Länder und Menschen entdecken. Und zwar nicht als Tourist, sondern irgendwie „tiefer“. Wie genau, davon hatte ich lange keine Vorstellung. Vielleicht irgendwas mit Freiwilligendienst? Und da stieß ich per Zufall auf eine Organisation mit einem für mich leicht abschreckenden Namen: „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.“ (ASF).

Wofür sollte ich denn bitteschön sühnen? Beim Weiterlesen auf der Internetseite wurde mir allerdings schnell klar, dass ich mich dort bewerben will. Durch einen Friedensdienst, wie es bei ASF heißt, versuchen wir Freiwilligen im Bewusstsein der Verbrechen des Nationalsozialismus etwas Gutes zu bewirken. Und zwar in den Ländern, die davon betroffen waren – zum Beispiel in Belarus, das in Deutschland besser bekannt ist unter dem Namen Weißrussland.

Wenn diese Gegend zwischen Polen und Russland jemals in den westlichen Medien vorkommt, dann meist unter dem Zusatz „letzte Diktatur Europas“ wegen des Präsidenten Alexander Lukaschenko, der das Land seit inzwischen 22 Jahren regiert. Auch wenn das leider stimmt, lässt dieses Etikett nur allzu schnell vergessen, dass hier vor allem Menschen leben. Menschen mit Wünschen, Träumen, Ängsten, spannenden Geschichten, wie überall sonst auf der Welt.

Dass es Menschen sind, die mich interessieren, ist mir in den vergangenen Monaten klar geworden. Was an meiner Aufgabe hier liegt: Ich arbeite mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Manche von ihnen leben zu Hause bei ihren Eltern, wo ich sie besuche. Andere in Novinki, einer staatlichen Einrichtung für Menschen mit „Besonderheiten in der Entwicklung“, wie es auf Russisch heißt.

Die Zustände dort sind allerdings schwierig: Es fehlt an ausgebildeten Fachkräften, die Kinder schlafen oft in Sälen mit zehn Betten, und gerade die Schwerstbehinderten werden eher „aufbewahrt“ als gefördert. Trotz allem gibt es Lichtblicke: Der noch relativ neue Direktor und einige engagierte Pädagogen bemühen sich, das Beste aus der Situation zu machen.

Freiwillige von ASF haben in Novinki schon eine lange Tradition – ebenso wie die Sommerlager, die jedes Jahr von ihnen organisiert werden. Das Besondere dabei ist, dass jedem Teilnehmerkind ein eigener Freiwilliger als persönlicher Betreuer zugeteilt wird. So können auch Kinder, die viel Aufmerksamkeit und Pflege brauchen, mitfahren.

Als ich davon hörte, war ich begeistert, aber ehrlich gesagt auch eingeschüchtert: Wie sollte ich ohne Vorwissen mit meinen begrenzten Russisch-Kenntnissen so etwas auf die Beine stellen? Zum Glück standen mir aber mein Mitfreiwilliger Jakob (der schon ein Jahr länger hier ist) und der Verein „Kanikuli“ zur Seite.

Dieser wurde vor zehn Jahren von ehemaligen Freiwilligen in Deutschland gegründet, um die Sommerfreizeiten zu finanzieren und die Freiwilligen in Novinki zu unterstützen. Konkret heißt das vor allem, dass wir eine persönliche Mentorin bekamen, die uns mit Rat und Tat zur Seite stand, und dass für unsere Freizeit Plätze in der „Nadeshda“ (Russisch für Hoffnung) gebucht wurden: ein im Wald gelegenes Kindererholungszentrum mit Gästehäusern sowie kulturellen und medizinischen Angeboten.

Einige Wochen vor Beginn der Freizeit im Mai begann die heiße Planungsphase: Freiwillige mussten gefunden und geschult werden. Unsere Angst, nicht genügend Volontäre auftreiben zu können, erwies sich zum Glück als grundlos: Wir bekamen einen bunten Haufen aus deutschen Freiwilligen, Klosterbrüdern, Künstlern und belarussischen Studenten zusammen, alle motiviert und entschlossen, die Freizeit zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen.

Und dann waren da noch Svjeta und Lydia, die Pädagoginnen aus Novinki, die uns in fachlichen Fragen weiterhalfen. Jakob und ich sollten noch die Kinder auswählen, die mitdurften. Als wir uns das Programm überlegt und eine Packliste geschrieben hatten, ging es an den anstrengendsten Punkt der Vorbereitung: das Einkaufen.

Zwei Tage durchstreiften wir wohl an die 20 Geschäfte auf der Suche nach Bastel-, Hygiene- und sonstigen Artikeln. Besonders das Schleppen von neun Riesenpackungen Windeln quer durch die Stadt werde ich wohl nicht so schnell vergessen! Doch auch das war bald abgehakt.

Gesa kümmerte sich um „ihr Kind“ Natascha, das ihr zwar manchmal auf die Nerven ging, das sie aber trotzdem in der Zeit liebgewonnen hat. © privat


Und schon brach er heran – der Morgen, an dem das Abenteuer „Sommerfreizeit Novinki 2016“ beginnen sollte. Der erste Tag war anstrengend für alle – Kinder, die sich an ihre Freiwilligen gewöhnen mussten und umgekehrt, Schlafplätze verteilen und Taschen auspacken. Doch schon bald fing das Erholungsprogramm so richtig an: Massagen und Aromatherapie, Spaziergänge an den See, T-Shirts bemalen, mit Salzteig kneten, Puppentheater, Wasserschlachten und das Highlight: die abendlichen Besuche in der Kinderdisko.

Besonders in Erinnerung ist mir Natascha geblieben, „mein“ Kind auf dieser Freizeit: Mit ihrem Eigensinn (einmal blieb sie 30 Minuten steif auf einem Weg sitzen) strapazierte sie zwar oft meine Nerven; ihre Lachanfälle und Neugier auf alles um sie herum machten das aber wieder wett. Dann war da noch Ljoscha, der mit seinem unwiderstehlichen Charme allen weiblichen Freiwilligen den Kopf verdrehte. Und Jascha, der es nicht lassen konnte, jedem, dem er begegnete unglaublich laut und unhöflich „Kak was sawut?!“ (Russisch für „Wie heißen Sie?“) zuzurufen.

Um es kurz zu machen: Es war eine bereichernde Erfahrung, die ich um nichts auf der Welt missen möchte. Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, wie es sein wird, ab September wieder in Deutschland zu leben und Medizin zu studieren, wenn alles nach Plan läuft. Wird das nicht schrecklich normal, schrecklich langweilig?

GESA BAUM

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