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Eltern dürfen Fehler machen: So vermeiden Sie Familienzwist

Mutter und Autorin Nora Imlau und das bedürfnisorientierte Familienleben - ein Essay - 13.01.2021 11:40 Uhr

Was ist dieses Kind: Selbstbewusst und selbstsicher - oder unverschämt und aufmüpfig? 

16.12.2020 © STUDIO GRAND OUEST, NN


Die Pralinen sehen verdammt gut aus. Meine Freundin und ich schauen die kleinen Kostbarkeiten an, schauen uns an, dann fassen wir an diesem regnerischen Tag in Eichstätt einen Entschluss. Wir könnten unserer Familie etwas mitbringen.


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"Wir könnten aber auch", sagt meine Freundin, "wir könnten einfach auch was für uns kaufen." Aus einem Lächeln wird ein Grinsen. Unser Plan: Jedes Mal, wenn sich daheim wieder was zusammenbraut, wenn wir merken, dass sich der Kiefer verkrampft und der Bauch rumort und die Wut in uns anfängt zu blubbern, wenn wir spüren, gleich explodieren wir - "dann drehen wir uns um, nehmen eine Praline, schließen die Augen - und atmen durch".

Das Leben mit Kindern

Die Pralinen sind nach einer Woche weg. Weil der Alltag so dicht und der Druck so groß ist, getoppt nur von der Erschöpfung. Weil man ständig mit einer Backe voller Pralinen durch den Tag mampfen und stampfen müsste, nur um den lauernden Ausbruch rechtzeitig zu erwischen - und dann ein zusätzliches Gesundheits- und ein Zahnproblem hätte. Und, naja, weil die Pralinen einfach auch zu lecker waren.

Das Leben mit Kindern ist, als hättest du Geschichte gepaukt, aber abgefragt wirst du in Physik. Egal wie gut vorbereitet du bist, es kommt anders. Weil du dich als Eltern erst in der Praxis entwickelst, weil du genauso heranreifen musst wie dein Kind, weil das Kind niemals so tickt, wie du es gerne hättest.

„Es gibt niemanden, der mich so an meine Grenzen bringt, wie meine eigenen Kinder“, sagte vor vielen Jahren eine andere Freundin. Ich hab sie nicht verstanden, ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Kinder. Jetzt 13 Jahre und zwei Geburten später, weiß ich genau, was sie meint. Das erzähle ich Nora Imlau am Telefon. Sie sagt: „Würde ich sofort unterschreiben.“

Nora Imlau ist Autorin, Fachjournalistin und Mutter von vier Kindern.

13.01.2021 © Maria Herzog


Nora Imlau muss ich Ihnen vorstellen. Sie ist Mutter von vier Kindern, 13, 11, 4 und 1 Jahr alt. Sie selbst ist 37 Jahre, Fachjournalistin für Familienthemen und Autorin. "Mein Familienkompass" heißt ihr jüngstes Werk, Untertitel "Was brauch' ich und was brauchst du?". Ich hab das Buch gelesen (in Eichstätt fing ich an), danach mit ihr telefoniert. Das Gespräch begann so: "Ich muss zugeben: Ihr Buch hat mich durch ein Wechselbad der Gefühle geworfen. Ich hatte unglaublich viele Aha-Momente, habe viele Zusammenhänge verstanden, wurde schmerzhaft mit meiner Vergangenheit und mir selbst konfrontiert und habe Sie mehr als einmal innerlich verflucht. Die hat leicht schreiben!, hab ich gedacht. Wie soll das denn bitte im echten Leben funktionieren?"

Nora Imlau hat gelacht. Sie weiß, was ich meine. Theorie und Praxis, Ideal und Wirklichkeit: Welche Mutter wollte ich immer sein – und warum brülle ich manchmal so rum? Ein Gegensatz – der sich aber nicht gegenseitig ausschließt, sagt die Autorin. Der Nordstern ist das Ideal, und unser Kompass gibt uns die Richtung an.

Die Diskrepanz zwischen Nordstern und echtem Leben, das ist unser Weg. Und der führt auf und ab, über Hürden und durch dunkle Täler. Beim Erziehen stolpern wir, verlieren den Halt, fallen. Und müssen, wie unsere Kinder: aufstehen, Krönchen richten, weiterlaufen. Nicht nur die Kleinen, auch wir Großen lernen, und zwar täglich.


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Lektion Nummer 1 im Elternunterricht: Wir Eltern machen Fehler, das ist vollkommen normal und okay. Lektion Nummer 2: Wir dürfen sie uns verzeihen – solange wir... – Lektion Nummer 3 – ...unseren Nordstern nicht aus den Augen verlieren.

In welche Richtung zeigt der Kompass? Das ist die Antwort auf die Frage: Wie wollen wir erziehen: autoritär mit Strafen (oder netter: Konsequenzen) oder fürsorglich-führend? Sehen wir das Kind als Projekt, und wenn es später Chefärztin wird, war es erfolgreich?

Oder sind wir gespannt auf die Persönlichkeit, die sich aus dem kleinen Wesen herausschält? Welche Werte wollen wir vermitteln? Und: Was leben wir vor?
Was ist Nora Imlaus Kompass? Sie und ihr Mann sehen sich als bindungs- und bedürfnisorientierte Begleiter ihrer Kinder.

Deine, meine, unsere Bedürfnisse

Dazu gibt es einen Fachbegriff. Er heißt "Attachment Parenting" und bedeutet im Kern: Die Gefühle, Gedanken, Bedürfnisse meines Kindes sind genauso viel wert wie meine. Das Blöde: Die Wirklichkeit schlägt weit entfernt von klugen Büchern und entspannten Wander-Wellness-Auszeiten zu. Das Kawumm lauert im Alltag.

Sind Sie eine schlechte Mutter, wenn Sie manchmal denken: "Lasst mich doch einfach mal in Ruhe!"? Nein. Ausrufezeichen.

13.01.2021 © picture alliance / dpa


Ein Nachmittag unter der Woche. Die Kinder sind nach der Schule müde, Sie nach Ihrem Erwerbsjob auch. Der Lärmpegel ist im roten Bereich. Nur noch schnell die Wäsche...

Und auf dem Weg zur Waschmaschine sammeln Sie rumliegende Klamotten ein, räumen Bücher auf, wischen den Tisch ab, lassen den Hund fix im Garten Pipi machen, setzen drei fehlende Lebensmittel auf die Liste, erklären eine Hausaufgabe und beantworten zwei Fragen, registrieren, wie schmutzig das Fenster/der Boden/der Kühlschrank sind und rufen zum x-ten Mal „Handy weg, du musst noch lernen!!!“; da fällt Ihnen ein, dass Sie dringend noch eine Rechnung überweisen müssen und Mist, der Zahnarzttermin morgen muss verschoben werden, weil sich ein Bürotermin dazwischengeschoben hat.

Ihre Nerven sind lodernde Zündschnüre. Und wenn dann beim Abendessen irgendjemand rumnölt oder die Kids beginnen zu keifen, oder jemand aufsteht, weil: „Ich muss mal!“ – Kawumm!!!

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Eineinhalb Stunden später liegen Sie leer wie eine löchrige Luftballonhülle auf der Couch und malträtieren Ihr Gewissen mit Stecknadeln. Du bist eine furchtbare Mutter! Piks. Ist dir klar, wie kurz die gemeinsame Zeit mit den Kindern ist? Piks. Du machst immer alles falsch! Piks.

Nora Imlau sagt: Schluss damit! Und ich sag das jetzt auch (zu mir). Es treten die Lektionen Nummer 1, 2 und 3 in Kraft. Sie, ich, wir nehmen unser vollkommen überfordertes inneres Kind in den Arm. Holen uns 1, 2 oder 3 Pralinen. Machen einen Tee, trinken ein Glas Wein, gehen in den Wald oder in die Badewanne. Was sagen wir zu unseren Kindern, wenn sie deprimiert sind? Du bist gut genug und du machst das gut genug. Die Küche sieht aber aus wie Sau? Tür zu!


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Und so sieht das bei Imlaus aus: Die Älteste ist krank; die Mittlere hat Schwierigkeiten mit den Hausaufgaben, der Vierjährige hat schlechte Laune und die Kleinste ebenfalls. „Es ist 16 Uhr, ich bin komplett durch und ich merke, wie ich über meine Kleine denke ,Jetzt hör doch mal auf, so anstrengend zu sein!‘ In mir schreit es: Pause!“ Ihr Mann kommt erst in drei Stunden nach Hause. Sie könnte jetzt weiter über ihre Grenzen gehen. Oder?

Bildschirmzeit für Kind 1, 2 und 3, bis Papa da ist. Die Kleinste ist bei Mama auf dem Arm, die ganz viel Schokopudding isst, um nicht auszurasten. „Den Preis für die beste Mutter verdiene ich so nicht.“ Besser als Ausflippen ist der Not-Aus-Schalter.

Bedürfnisorientiert heißt: Es zählen die Bedürfnisse aller Familienmitglieder. Vor allem wir Mütter, berufstätig und permanent am Limit, leisten unglaublich viel, und dieser griesgrämigen Perfektionistin in uns stopfen wir mit einer Praline das Maul.


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Denn die Kinder können am allerwenigsten etwas für unsere Überforderung. „Selbstfürsorge“, sagt Nora Imlau, „ist ein Umparken im Kopf“. Wir – Frauen – müssen dringend raus aus der Opferrolle. Und rein in die Verantwortung, auch für uns selbst. „Ich habe mir angewöhnt, an dem Chaos vorbeizulaufen“, sagt Nora Imlau. Ich arbeite daran. Und Sie?

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