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Fußballspielen ist im Heim verboten

Die Flüchtlingskinder Sidra, Schahrazad, Vika und Kareem zeigen, wie sie in Nürnberg wohnen - 02.02.2017 08:00 Uhr

Im Flüchtlingsheim bleibt nicht viel Platz zum Spielen: Oben auf ihrem Doppelstockbett musizieren die Geschwister Vika und Daniel zusammen. © Peißker


Kareem (10) kocht gerne. Zusammen mit seiner Mama steht der Junge aus Syrien in der großen Küche. Sie kochen syrische Speisen oder arabisches Brot. Um sie herum ist viel los. Denn in dem Flüchtlingsheim, in dem Kareem und seine Familie wohnen, teilen sich alle Bewohner eine Küche.

Sieben Herde stehen hier in einer Reihe nacheinander, auf der anderen Seite Schränke und Kühlschränke. Einen Tisch gibt es nicht. Gegessen wird in den Zimmern.

Im Flüchtlingsheim steht jeder Familie genau ein eigenes Zimmer zu; 14 gibt es auf Kareems Etage. Die Menschen teilen sich außer der Küche auch Toiletten und Duschen.

Das Zimmer, in dem Kareem mit seinen Eltern und zwei Brüdern wohnt, wird beherrscht von zwei Doppelstockbetten und einem normalen Bett. Außerdem stehen hier ein paar Metallschränke, ein Tisch und ein Fernseher. Und in der Ecke ein Fahrrad. Das gehört Kareems großem Bruder Omran, der damit zur Schule fährt.

Bald will er eine Ausbildung anfangen und hat viel zu lernen. "Um Hausaufgaben zu machen, gehe ich in die Stadtbibliothek", erzählt Omran. "Im Heim ist es zu laut dafür. Kareem und seine Freunde kommen oft zu uns ins Zimmer, um zu spielen."

Viel Platz bleibt den Kindern sonst auch nicht. Auf der Etage gibt es noch ein Gemeinschaftszimmer für alle Familien - mit drei alten Sofas, einem Tisch und ein paar Stühlen. Sehr gemütlich wirkt das nicht. Immerhin hat der Hausmeister ein Haus aus Holz gebaut, in dem die Kinder spielen können.

Unten zeigt Kareem sein liebstes Hobby: Fußball spielen - was im Heim eigentlich verboten ist. © Gonda


Kareem liebt Fußball über alles. Im Heim zu kicken, ist eigentlich nicht erlaubt. Wann immer möglich, geht Kareem mit Omran auf einen nahegelegenen Fußballplatz. Ansonsten tollt er mit seinen Freunden durchs Heim. "Wir spielen Fangen, Verstecken und Zombie", erzählt Kareem fröhlich.

Für weitere Abwechslung sorgen ehrenamtliche Helfer, die regelmäßig ins Heim kommen. Bianca und Atalie Gerhard zum Beispiel gaben den Bewohnern ursprünglich Deutschunterricht. Inzwischen organisieren sie aber auch Ausflüge für die Familien. So waren die Kinder schon im Tiergarten, im Museum und auf dem Christkindlesmarkt.

"Und zu Weihnachten waren wir Schlittschuhlaufen", erzählt Vika begeistert. "Das hat so viel Spaß gemacht!" Mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Daniel wohnt sie seit gut einem Jahr in dem Heim. Von einer anderen Freiwilligen haben sie und ihr Bruder eine Gitarre und eine Flöte geschenkt bekommen, so können sie sich die Zeit auch mit Musizieren vertreiben.

Keine Bomben mehr

Auch wenn es im Heim manchmal eng und laut zugeht: Die Familien meckern nicht. Sie sind froh, in Sicherheit zu leben. "Hier gibt es keine Bomben, das ist schön", sagt Kareem.

Trotzdem würden die Familien gern ausziehen, eine eigene Wohnung und mehr Platz haben. Aber bezahlbare Wohnungen sind schwer zu finden. Die Familie von Sidra und Schahrazad hatte Glück: Ende Dezember konnten sie in eine Drei-Zimmer-Wohnung im Süden Nürnbergs umziehen. Nun teilen sich nur noch die drei Schwestern ein Zimmer, der große Bruder hat einen eigenen Raum.

Die Mädchen lieben das große Bad mit Dusche und Badewanne. Und ihre neue Freiheit. Da die Familie der Religion Islam angehört, tragen die Mädchen in der Öffentlichkeit ein Kopftuch. "Im Flüchtlingsheim musste ich das immer aufsetzen, wenn ich nur mal aufs Klo wollte", sagt Sidra. "In unserem eigenen Zuhause kann ich endlich auch ohne Kopftuch gehen. Das ist toll."

Annika Peissker und Aileen Gonda

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