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Gibt es eigentlich noch eine Heimat?

Generation weltweit: Wohin kehrt man zurück, wenn man längere Zeit im Ausland war? - 09.07.2016 10:00 Uhr

Welch Idylle: Unsere Autorin Sarah Munker befindet sich gerade am anderen Ende der Welt, in Neuseeland.

08.07.2016 © Sarah Munker


Manchmal ist es besser, einen Außenstehenden zu fragen – den Rat hört man oft. Ich habe nur noch nie darüber nachgedacht, das auf meine Heimat anzuwenden. Im Moment habe ich den weit entferntesten Blick, den man auf diesem Planeten auf Deutschland haben kann: Ich bin in Neuseeland und frage mich, ob ich wirklich in meine Heimat zurückkommen werde oder nur an irgendeinen Ort.

Nach zwei Monaten in einem fremden Land fange ich an, Dinge, die in meinem Alltag normal für mich sind, zu hinterfragen. Was ist meine Heimat? Was macht sie aus? Und was vermisse ich daran? Beim Gedanken an meine Heimat denke ich zuerst an Menschen: meine Familie, meine Freunde, all die vertrauten und geliebten Gesichter, die fester Teil des Lebens sind. Aber was bedeutet es darüber hinaus noch?

Es ist interessant, dass es für das Wort "Heimat" in der englischen Sprache kein Pendant gibt. Spricht man von "home", umfasst das nicht das, was Heimat für uns bedeutet. Es scheint ein deutsches Phänomen zu sein. Es bedeutet einerseits Kindheitserinnerungen: Erdbeeren pflücken im eigenen Garten, Spaziergänge mit den Verwandten, laue Sommerabende am Lagerfeuer, die ersten Küsse während der Schulzeit.

Typisch deutsch

Aber andererseits macht Heimat mehr aus: Es ist das Kollektiv der Menschen, der Einstellungen, Gewohnheiten und Traditionen, die uns seit Kindheitstagen prägen. Typisch deutsch – das gibt es nicht. Aber langsam habe ich das Gefühl, dass es doch gewisse Dinge gibt, die sich in meiner Seele eingebrannt haben.

Das bemerke ich erst so richtig am anderen Ende der Welt. Habe ich mit meinen Angewohnheiten ein Stück Heimat mit mir hierher gebracht? Und kann oder will ich diese Dinge jemals ablegen? Zum Beispiel bin ich in einem typisch deutsch: Ich bin immer pünktlich und ich muss alles planen.

Wie sehr, das habe ich erst hier so richtig gemerkt. Wenn man zum x-ten Mal auf seine Verabredung wartet, fällt einem auf, dass man irgendwie anders ist als die Einheimischen. Aber hier bleibe ich auch nach meiner bisherigen Zeit im Ausland unverbesserlich. Warum gibt es Menschen, die immer zu spät kommen? Das will einfach nicht in meinen deutschen Kopf, das will ich einfach nicht aufgeben.

Dann gibt es noch andere Dinge, die man auf seine Reisen mitnimmt. Materielle Dinge, die Erinnerungen transportieren und ein Stück Heimat mit in die Fremde nehmen. Früher packte man auf Reisen Briefe und Fotos von den Liebsten ein, heute ist alles im Smartphone gespeichert: Festival-Fotos mit Freunden, das sonntägliche Kuchenessen mit der Familie.

Zudem kann man schnell mit den Zuhausegebliebenen kommunizieren; schnell ein Foto hier geschickt, schnell eine WhatsApp-Nachricht da gesendet. Das Gefühl, immer mit ihnen reden zu können, bringt ein Stück Heimat und Sicherheit vor der Einsamkeit mit sich.

Aber was machen die Menschen, die für immer ihre Heimat verlassen? Was findet zum Beispiel Platz im Schiffscontainer? Ich fand heraus, dass es erstaunlicherweise besonders häufig deutsche Waschmaschinen schaffen, ans andere Ende der Welt mitgenommen zu werden. Ob das wohl auch "typisch deutsch" ist? Verbinden wir Heimat mit der sauberen Wäsche, die uns Mutter früher immer ordentlich gefaltet ins Zimmer legte?

Jörn Klare, der Autor des Buches "Nach Hause gehen. Eine Heimatsuche", sagte in einem Zeitungsinterview über die Rückkehr in seine alte Heimat: "Der Ort ist der gleiche, aber die Zeit ist verschwunden." Das machte mich nachdenklich. Ist der Ort, von dem ich dachte, dass er meine Heimat ist, vielleicht gar nicht mehr meine Heimat, wenn ich zurückkomme?

Zuhause bist du

Denn egal, wie viele Erinnerungen an einem Ort haften, egal, wie oft man hier gemütlich zusammensaß, sich zoffte und liebte. Was ist dieser Ort, wenn diese Zeiten vorbei sind, wenn niemand mehr da ist oder die Beziehungen in die Brüche gingen? Ist dieser Ort dann trotzdem noch Heimat?

Dann muss ich an die Textzeile der Band AnnenMayKantereit denken: "Zuhause bist immer nur du" – und stelle für mich fest: Meine Heimat kann wohl weltweit sein, das wichtigste ist die Person, die mit mir diesen Ort zu einem Zuhause macht.

Sarah Munker

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