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Glücklich ist vor allem, wer mitmachen darf

Bamberger Pädagoge untersucht das Glück in der Kindheit - 10.04.2019 08:00 Uhr

Zusammen etwas Sinnvolles tun - das macht alle Menschen glücklich. Rückblickend wirkt die Kindheit vor allem oft unbeschwert, weil erst Erwachsene anfangen, das Glück zu hinterfragen. © colourbox.de


Die Sonne schien warm auf die Decke im Gras. Sie hatten im See gebadet und ließen sich am Ufer trocknen. Die ganze Familie war dabei. Solche Glücksmomente bleiben in Erinnerung. Bei jedem sind es andere: Das selbst gebaute Baumhaus im Garten oder der Apfelkuchen bei Oma und Opa. Der Geheimclub, den die Freunde gegründet hatten. "Wenn wir von einer glücklichen Kindheit sprechen, passiert das immer im Rückblick", sagt Frithjof Grell. "Kinder würden nicht einfach so von sich sagen, dass sie gerade glücklich sind."

Grell erforscht das Glück in der Kindheit. Er hat eine Umfrage gemacht und als Antwort bekommen: "Ich bin glücklich, wenn ich ein Spielzeug geschenkt bekomme." Doch solches Glück vergeht.

Was länger bleibt, haben 160 Erzieherinnen und Erzieher beim vierten Fachtag der Kindertagesstätten an der Universität Bamberg diskutiert. Der Lehrstuhl für Elementar- und Familienpädagogik und dessen Leiter Frithjof Grell haben dazu eingeladen. Das Thema: "Vom Glück in der Kindheit."

"Wir wollten ein Thema nehmen, das uns zu den Grundfragen der Pädagogik zurückführt, denn die Pädagogik ist nicht nur ein Dienstleistungsbetrieb für gesellschaftliche Erwartungen", sagt Grell. Es gehe nicht darum, möglichst leistungsfähige Erwachsene zu erschaffen, die sich dann ein Regal voll Glücksratgeber kaufen. "Glück sollte in der Pädagogik ein zentrales Thema sein, dem sich jeder stellt, der Verantwortung für Kinder hat."

Grell hat Pädagogik, Psychologie und Heilpädagogik an einer Fachakademie für Erziehung unterrichtet und war stellvertretender Leiter, bevor er 2008 an die Uni Bamberg wechselte. Dort werden Lehrkräfte für Erzieherinnen und Erzieher ausgebildet.

Die Vorstellung von Glück kann ganz verschieden sein. "Ein Kind, das den ganzen Tag Computer spielen darf, wird immer sagen, dass es glücklich ist, weil es nichts anderes kennt", sagt der Diplompädagoge. "Unsere Aufgabe als Eltern oder Erzieher ist es, Alternativen aufzuzeigen und Angebote zu machen." Das können Familienausflüge sein, aber auch gemeinsames Einkaufen und Kochen. "Wenn man zu Hause ist, sollte man Kinder möglichst an allen familiären Aufgaben teilhaben lassen", rät Grell. "Und nicht sagen, du gehst jetzt ins Kinderzimmer und spielst schön, während ich koche."

Der Bamberger Pädagoge Prof. Dr. Frithjof Grell untersucht das Glück in der Kindheit. © Jürgen Schabel/Otto-Friedrich-Universität Bamberg


Sinnvolle Arbeit macht zufrieden

Eltern dürfen ihren Kindern ruhig mehr zutrauen. Sie Gemüse schneiden oder den Tisch decken lassen. "Sie wollen helfen, zeigen, dass sie es können und man ihnen zutraut, mit einem richtigen Messer zu schneiden." Wenn dann mal ein Finger blutet oder ein Teller zerbricht, sei das doch nicht so schlimm. Wer immer nur Plastikgeschirr bekommt, lernt nie aufzupassen. "Kinder möchten ernst genommen werden, sie möchten dazugehören und sehen, dass sie ein Teil dieser Familie sind."

Zu einer glücklichen Kindheit gehören vor allem Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Sicherheit und Wärme. Aber auch soziale Aufmerksamkeit, soziale Anerkennung und soziale Kontakte. "Das sind Dinge, ohne die es nicht geht."

Dazu kommt das Glück, etwas Sinnvolles zu tun, Gemeinschaft zu erfahren und Anerkennung zu bekommen. Wenn Kinder sich im Schulgarten gemeinsam um ein Beet kümmern, macht sie das zufrieden. Das zeigt sich daran, dass sie mit Aufmerksamkeit bei der Sache sind. "Sie sind konzentriert, werden ruhiger und ausgeglichener – ein generelles Merkmal von Glückserfahrungen", sagt der Experte. Das ist oft nichts besonders Schönes, Lautes, Buntes, sondern ganz normale Dinge, bei denen der kleine oder große Mensch ganz bei sich selbst ist.

"Auch Erwachsene sollten für sich ab und an ihre Vorstellung von Glück hinterfragen und sich überlegen, was sie eigentlich wirklich zufriedenstellt." Das ist langfristig meist nicht das neue Smartphone oder der zehnte Pullover. "Dass Kinder so nach neuen Spielsachen schreien, liegt daran, dass sie von klein auf daran gewohnt sind, mit Spielsachen ruhig gestellt zu werden."

Das Neue verliert schnell seinen Reiz, so dass immer wieder Neues her muss. "Das ist eine Erfahrung, die jeder bei sich selbst beobachten kann", sagt Grell. "Wir müssen also dafür geradestehen, welche Werte wir weitergeben und welche Erfahrungen wir vermitteln." Im Umgang miteinander, mit Dingen und mit der Natur.

Das Beste ist, sich wirklich mit den Kindern zu beschäftigen. "Natürlich ist Zeit heutzutage immer knapp, aber die, die man hat, sollte man sinnvoll nutzen." Zum Beispiel zum Reden und Zuhören. Der Experte rät, Kinder auch in familiäre Entscheidungen mit einzubeziehen. Wohin geht der nächste Ausflug? Soll Mama den Job wechseln? Wer kümmert sich um Opa? Eine glückliche Kindheit bedeutet nicht, alles Schwierige fernzuhalten. "Wenn man sich an seine eigene Kindheit erinnert, weiß man, so glücklich war das auch nicht die ganze Zeit", sagt Grell. "Aber Kinder haben die Erfahrungen, die sie dabei machen, so nötig wie wir alle."

Überbehütung ist genauso schlecht wie Vernachlässigung

Der Diplompädagoge erinnert sich vor allem noch daran wie es war, als sein Opa starb als er noch klein war. "Das gehört auch dazu", sagt er heute. Erfahrung bedeutet nicht, Kinder absichtlich etwas Schlimmem oder Gefährlichem auszusetzen. Die Grenze ist immer da, wo die Risiken noch abwägbar sind. "Aber wenn ich einem Kind aus bloßer Sorge wichtige Erfahrungen vorenthalte, ist das zu viel des Guten", erklärt Grell. "Überbehütung kann genauso schlimme seelische Schäden nach sich ziehen wie Vernachlässigung." Allgemein verbindliche Regeln gibt es nicht, weil jedes Kind anders ist. "Manchmal genügt zum Glück ja auch schon, wenn gerade einfach nichts Schlechtes ansteht." 

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