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„Ich bin, was andere Menschen asozial nennen“

Punks pöbeln, schnorren und haben Stress mit der Polizei — Einer von ihnen erklärt, wie er die Szene sieht - 11.05.2013 10:00 Uhr

Sie tragen auffällige Frisuren, gefährlich aussehende Klamotten und sind oft mit einer Flasche Bier in der Hand zu sehen: Punks. © dpa


„Hey, will jemand ,Pfeffi‘?“ fragt Yannick laut. „Ja, hier“, rufen die meisten, die im Kreis sitzen. „Der landet aber wieder bei mir, ich hab einen Deckel“, sagt Yannick und gibt die Flasche Pfefferminz-Schnaps seinem Nachbarn. „Wenn jemand etwas braucht und es selbst nicht hat, dann gebe ich es ihm – und wenn ich in zwei oder drei Wochen etwas brauche und nicht habe, dann krieg ich es!“, erzählt der 21-Jährige stolz.

Ganz schön große Worte von einem Jugendlichen, dessen Seelenverwandte man täglich mit einer Bierflasche in der Hand am Bahnhof herumlungern sieht – bedrohlich wirkende Menschen, denen man stets versucht aus dem Weg zu gehen. Sie tragen dunkle Klamotten, dazu Ketten und Gürtel mit Stacheln oder Spitznieten. Ein besonderes Merkmal: die bunten, oft asymmetrisch rasierten Frisuren.

Punk sein = autonom sein

„Die Gesellschaft sieht uns als asoziale Schmarotzer, die am Bahnhof rumhängen und ehrlich arbeitende Leute um ihr Geld anschnorren“, beklagt sich Yannick. Er selbst hat eine dreieinhalbjährige Ausbildung hinter sich und verdient sein Geld seitdem hauptberuflich als Feinwerkmechaniker – in seiner Freizeit zusätzlich als Tätowierer. „Ich versorge mich komplett selbst und bin autonom. Ich bin selbstständig. Genau! Selbstständig ist ein gutes Wort, um den Punk zu definieren. Unabhängig von dem sein, was die Medien dir Tag für Tag einreden. Unabhängig von taff oder Bild.“

Vielen Punks fällt es schwer, ihren Lebensstil zu definieren. Doch sie alle möchten sich von der Masse abheben, indem sie sich unabhängig vom Konsumverhalten der heutigen Gesellschaft zeigen. „Do it yourself“ lautet die Grundregel und basiert auf anarchistischen Grundlagen. Einfacher gesagt: „Du darfst tun, was du willst, solange du anderen damit nicht schadest.“

Yannik ist seit neun Jahren ein waschechter Punk und weiß um seine Wirkung auf fremde Menschen. © Shiva Kianpoor


Zu den „anderen“ gehören bei Yannick alle Lebewesen auf der Erde. Aus diesem Grund lebt er seit Jahren als strenger Veganer. „Ich kann nicht ertragen, wie Millionen Tiere auf eine qualvolle Weise getötet werden, nur weil die Menschen das so wollen. Ich entscheide, ob ich andere Lebewesen durch mein Konsumverhalten beeinflusse!“

Doch Yannick hatte diese Einstellung nicht immer. Anfangs fand er die Punks „einfach nur cool“ und wollte ebenfalls ein – seiner Meinung nach – freies Leben führen. Als er sich der Szene anschloss, war er zwölf Jahre alt. Mittlerweile ist er seit neun Jahren ein Punk, und für ihn ist es nicht mehr nur eine Phase, sondern sein Leben. „Meine Mutter hat bis zu meinem 18. Lebensjahr stark dagegen protestiert. Bis ich ihr gezeigt habe, was Punk wirklich ist!“ – und zwar nicht der Schmarotzer auf der Straße, sondern ein eigenständig lebender Mensch mit Werten.

Vorurteile wegen Kleidung

Yannick erzählt gerne über seine Lebensweise, aber nicht um sich zu rechtfertigen, sondern um andere Menschen aufzuklären. Damit, dass er sehr oft verurteilt wird, kann er mittlerweile recht gut umgehen. „Was der normale Mensch als asozial betrachtet, das bin ich! Wenn mich jemand auf der Straße als asozial beschimpft, dann lach’ ich ihn aus, weil er der Asoziale ist.“

Die Vorurteile in den Köpfen vieler Menschen kommen wohl von der äußeren Erscheinung von Yannik und seinen Punk-Kumpels. Doch gefährlich sind sie in Wirklichkeit nicht. Punks tragen gerne aussagekräftige Schriftzüge wie „kein Staat, kein Gott, kein Herr“ auf ihren Shirts. Aber auch mit Band-Pullovern unterstreichen sie ihre Subkultur. Obwohl die Reaktionen nicht immer positiv sind, möchten sich Punks durch ihr Äußeres nur bemerkbar machen. Hier gilt das Sprichwort: Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht.

SHIVA KIANPOOR

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