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Nicht für die Schule, für das Leben spielen wir

An einer Nürnberger Akademie bekommen Lehrer Schauspielunterricht - 03.06.2019 18:04 Uhr

Wer Schülern das Theaterspielen beibringen möchte, kann sich hier ausbilden lassen: Auf AEG befindet sich die Akademie für Schultheater und performative Bildung. Das Foto entstand im Rahmen des Aufbaustudiengangs Darstellendes Spiel. © Masken/Projekt/Foto: Susanne Carl


In Nürnberg spielt das Schultheater eine große Rolle. Das zeigt sich durch besondere Projekte – zwei Beispiele stellen wir unten auf dieser Seite vor. Das zeigt sich aber auch an den Ausbildungswegen, die eingeschlagen werden können. Da gibt es den Ergänzungsstudiengang Darstellendes Spiel (DS), der gemeinsam vom Institut für Pädagogik und dem Institut für Theater- und Medienwissenschaften für Lehramtsstudenten aller Schulformen angeboten wird.

Darüber hinaus wurde vor zehn Jahren die Akademie für Schultheater und performative Bildung gegründet (hier geht's auf die Homepage). Sie befindet sich in der Kulturwerkstatt auf AEG und bietet Fort- und Weiterbildungen für Lehrer an. "Hier gehen Forschung, Praxis und Lehre Hand in Hand", sagt Leopold Klepacki. Er leitet den Lehrstuhl für Pädagogik mit Schwerpunkt Kultur und ästhetische Bildung an der FAU Erlangen-Nürnberg.

Ein Ort des Austausches

Für Lehrer ist die Akademie vor allem ein Reflexionsraum, um sich auszutauschen. Weil Darstellendes Spiel kein Studiengang ist, gibt es dafür kein Referendariat. Also sind die Pädagogen auf sich allein gestellt, wenn sie theaterinteressiert sind und dieses Interesse an Schüler weitergeben wollen. Diese Lücke will die Akademie schließen.

Denn: Theaterspielen ist für Kinder und Jugendliche deutlich mehr als bloße Auswendiglernerei: Die Schüler erfahren ein Gemeinschaftsgefühl, wie es in regulären Klassenverbänden nur selten vorkommt. Außerdem können sie sich in einem geschützten Rahmen ausprobieren, ohne Angst zu haben, ausgelacht oder gar gemobbt zu werden.

"Theater fördert die Persönlichkeitsentwicklung auf vielen Ebenen, rational, emotional, individuell, sozial, intellektuell und kreativ", sagt Beate Windhorst, die im Pirckheimer- Gymnasium eine Theaterklasse leitet (siehe Text unten). "Gerade auffälligen Schülern gelingt es im Theaterunterricht, sich in die Gruppe einzufinden – das wirkt sich dann auch positiv auf den Klassenverband aus."

Die Akademie als Gemeinschaftswerk von FAU, Stadt Nürnberg sowie dem bayerischen Kultusministerium ist aber auch ein Ort der Forschung. Vor allem die Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern biete sehr viel Potenzial, sagt Leopold Klepacki, denn Forscher und Lehrer, also Theorie und Praxis gehen Hand in Hand. "Wir müssen Schule als Kulturort denken. Nur, weil wir kulturelles Wissen haben und diese Kultur unseren Kindern vermitteln, gibt es überhaupt Schule."

Was bedeutet performative Bildung?

Wie können Pädagogen diese Kultur vermitteln? Genau an dieser Stelle komme die performative Bildung ins Spiel, also der Zusammenhang zwischen Sprechen und Handeln, sagt Klepacki: Wir alle verhalten uns auf der Arbeit anders als zu Hause bei unserer Familie. In der Schule ist das ebenso: Auch Lehrer schlüpfen in eine Rolle und präsentieren den Unterrichtsstoff auf eine bestimmte Art – abhängig vom eigenen Charakter, aber auch von der Anordnung der Tische im Klassenraum oder von den verfügbaren Unterrichtsmaterialien. Wenn in einem Klassenzimmer ein Smartboard vorhanden ist, sieht der Unterricht anders aus, als wenn nur eine Tafel zur Verfügung steht.

"Das Kulturphänomen Digitalisierung ist ein spannendes Beispiel dafür, wie sich die Praxis in der Schule verändert", erklärt Klepacki. "Sie beeinflusst nicht nur die Art des Unterrichts massiv, auch die Denkweise der Schüler verändert sich: Die Kinder lernen früh, Texte in sozialen Netzwerken zu selektieren, sollen dann in der Schule aber ganze Texte lesen, während das Gehirn darauf eingestellt ist, nur Teile davon zu lesen."

So seien beispielsweise Erklärvideos auf YouTube für Jugendliche häufig verständlicher als der Unterricht in der Schule. Denn die Videos entsprechen ihren Seh- und Lerngewohnheiten. Wie sehr die YouTube-Welt Jugendliche beschäftigt, zeigen Beate Windhorsts Theaterschüler. Sie arbeiten gerade an einem Stück über Influencer. Dabei geht es, passend zum Theaterspiel, vor allem um eins: Authentizität. 

Helke Rüder E-Mail

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