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Schlaraffenland für die Wissenschaft

Skandale eröffnen ein nahezu unerschöpfliches Feld für Forschungsarbeiten - 07.04.2016 16:19 Uhr

Einer der Skandale des Jahres 2015: VW hat einen Mechanismus in die Dieselfahrzeuge eingebaut, der den Schadstoffausstoß bei Kontrollmessungen kurzfristig verringert. © Foto: dpa


Skandalogie, ist das ein neues Fach? Kann man das studieren? „Nein, Skandalogie kann man nicht studieren“, sagt André Haller. „Es ist ein Forschungsfeld, das unterschiedliche Wissenschaften betrifft.“

Schließlich wirken sich Skandale auf viele gesellschaftliche Bereiche aus. Deswegen beschäftigen sich auch viele Fächer mit Skandalen. Vor allem Sozialwissenschaften wie Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft oder Soziologie. Und weil so viele Disziplinen an dem Thema forschen, „haben wir den Titel der Konferenz bewusst offen gewählt“, sagt der Wissenschaftler.

Weil Skandale immer durch unterschiedliche Ereignisse ausgelöst werden, bietet sich hier ein breites Forschungsfeld. Wer sich mit dem Phänomen auseinandersetzen will, kann sich hier also austoben. Aber Vorsicht: Man braucht eine sehr konkrete Fragestellung. Was Skandalogie-Anfänger als Erstes lernen: „Skandale bestehen aus verschiedenen Abschnitten“, erklärt Haller.

Der Startschuss zu einem Skandal ist eine Grenzüberschreitung. Zum Beispiel, indem man Gesetze verletzt. Eine Grenzüberschreitung kann aber auch ein Werteverstoß sein. „Werte und Normen unterscheiden sich innerhalb verschiedener Länder“, sagt Haller. Denn in verschiedenen Kulturen gibt es unterschiedliche Tabus. Wie diese entstehen, ist Thema von Sozialwissenschaftlern. Skandalforschung geht also weit über einzelne Skandale hinaus.

Der nächste Schritt zu einem Skandal: Die Grenzüberschreitung gelangt an die Öffentlichkeit. „Ein Vergehen kann von Journalisten publiziert werden.“ Beispielsweise kommt im Moment viel über die „Panama Papers“ ans Licht. Doch wird die Berichterstattung nicht in allen Ländern gleich sein.

Hier ergeben sich weitere Forschungsfragen: Warum wird besonders über bestimmte Fußballspieler oder Politiker berichtet? Wie reagiert die Gesellschaft auf die Berichterstattungen? Warum wird vielleicht gar nicht berichtet?

Manchmal zerren nicht die „bösen Medien“ einen Skandal ans Licht, sondern es ist der Betreffende selbst. Wie Niels Ruf. Als bekannt wurde, dass Roger Cicero tot ist, hatte der ehemalige Fernsehmoderator in einem Tweet Konzertkarten des Sängers zum halben Preis angeboten. Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten.

Für einen handfesten Skandal muss die Gesellschaft „mit einem Mindestmaß an Empörung reagieren“, nennt Haller den dritten Schritt. Eine Grenzüberschreitung, die der Öffentlichkeit bekannt ist, reicht also nicht aus. „Die Politik ist deswegen skandalanfällig, weil Politiker für Gesetzestreue stehen.“ Generell gilt: Sobald jemand in der Öffentlichkeit steht, kann ihn ein Skandal schneller treffen. Verletzen diese Menschen Gesetze, ist die öffentliche Entrüstung natürlich größer, als wenn eine Privatperson einen Strafzettel bekommt – siehe den Führerschein von Marco Reus.

Die Kommunikationswissenschaft beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie sich Berichterstattungen auf die öffentliche Wahrnehmung auswirken. Und wie die Gesellschaft gleichzeitig die Berichterstattung beeinflusst. Denn, so erklärt Haller: „Interessiert sich die Gesellschaft für ein Thema, wird darüber mehr berichtet.“ Und Skandale erregen generell viel Aufmerksamkeit bei den Rezipienten. 

ALENA WEIGAND

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