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Selbstversuch: So fühlt es sich an, eine Woche Veganer zu sein

Unsere Redakteurin meint: Tofu liegt ziemlich schwer im Magen - 24.10.2015 19:00 Uhr

Darf ich das jetzt essen oder nicht? Beim ersten veganen Einkauf im Supermarkt muss man genau überlegen was in den Wagen kommt, da kann der Kopf schon mal richtig qualmen. © Illustration: Bronislav Hava


Vegan essen ist eine Herausforderung, vor allem für einen Fleischfresser und eine Naschkatze wie mich. Deshalb habe ich ein Experiment gewagt und eine Woche lang auf Eier, Milchprodukte, Honig und Fleisch verzichtet.

Tag 1: Große Aufregung

Am Samstag war ich für mein Experiment einkaufen. Das hat ziemlich lange gedauert, da ich öfters die Zutatenliste studieren musste. Schon im Supermarkt bekomme ich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Die ersten Zweifel melden sich, wie soll ich nur eine Woche ohne Milchprodukte überleben? Montag ist es soweit, das erste vegane Frühstück. Vollkornflakes mit Soja-Hafer-Drink.

Dieser ist ungleich der rein weißen Milch, gräulich. Visuell ansprechend ist das schon mal nicht. Geschmacklich ist es eine Katastrophe, vor allem der leicht getreidereiche Geschmack im Abgang. In der Arbeit gibt es Obst und Gemüse und wieder Obst und Studentenfutter für zwischendurch. Mittags in der Kantine wird es noch frustrierender. Tabletts voll mit leckeren Fleischgerichten werden an mir vorbeigetragen. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen.

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Jetzt heißt es stark bleiben. An der Ausgabetheke ordere ich Tomatenreis und Karotten. Ich bin definitiv nicht satt. Deswegen hole ich mir noch einen Espresso mit viel Zucker. Am Abend packt mich dann der Heißhunger und ich könnte alles essen, was ich in die Finger bekomme. Zwei Schüsseln Vollkornspaghetti mit Tomatensoße habe ich verdrückt, der Parmesan hat gefehlt.

Tag 2: Teure Süßigkeiten

Früh will ich schon gar nichts mehr essen. Hoffentlich ist der gräuliche Soja-Hafer-Drink bald leer! Vor der Arbeit packt mich der Unterzucker, deswegen gehe ich in den Supermarkt. Ein Miniregal mit veganen Süßigkeiten steht vor mir. Die Preise für eine Tafel Schokolade, 100 Gramm, drei Euro aufwärts.

Das kann doch einfach nicht sein. Dann muss es wohl der Nougattaler sein. In der Arbeit verspeise ich die Süßigkeit voller Genuss. Schmeckt gar nicht schlecht. Mittags kommt schon die nächste Hürde auf mich zu. Kloß mit Brokkoli und Tomatensoße. Geschmacklich ein absolutes Desaster, aber für das Auge ein Hingucker. Langsam bekomme ich das Gefühl, dass diese Woche endlos lang für mich wird. Das Essen macht einfach keinen Spaß mehr, wenn ich vorher ständig überlegen muss, was ich essen darf und was nicht!

Tag 3: Futterneid

Heute gehe ich mal zum Bäcker, um zu testen, wie Veganer-freundlich die Backwaren sind. Mit einer Breze kann ich bestimmt nichts falsch machen. Das war natürlich falsch gedacht, denn für die Herstellung der Breze werden verschiedene Fette verwendet, unter anderem Schweineschmalz. Der Tag kann nur noch besser werden, denn zum Abendessen gibt es türkisches FastFood.

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In meinem Lieblingsimbiss bestelle ich also einen veganen Döner mit gegrilltem Gemüse, Salat und Kichererbsensoße, während mein Freund eine ordentliche Fleischportion bekommt. Spätestens beim gemeinsamen Abendbrot kommt der Futterneid zutage. Mein Döner schmeckt auch nicht so gut, da die Humossoße bitter ist. Für ein Stück Fleisch, würde ich mittlerweile morden.

Tag 4: Tiefpunkt erreicht

Heute erreiche ich meinen Tiefpunkt. Auch die Pommes mit Ketchup zum Mittagessen können mich nicht aufheitern. Am Abend suche ich ein veganes Schnellgericht im Supermarkt, das ich die Tage vorher schon ins Auge gefasst hatte. Leider sind nur noch vegetarische Gerichte übrig. Die Zutatenliste schreit mir schon entgegen: Hühnereiweiß und Käse. Dieses Gericht darf ich wohl nicht essen. Wut und aufsteigende Tränen unterdrücke ich, während ich zum Salat greife.

Tag 5: Abschiedsfeier vegan

Gott sei Dank, ist heute endlich die graue Brühe aufgebraucht. Nach meiner miesen Stimmung vom Vortag heitern mich die Nudeln mit Ratatouille-Gemüse zum Mittagessen fast schon wieder auf. Am Abend geht es zur Abschiedsfeier von meinem besten Freund. Auf Veganer ist das üppige Buffet leider nicht ausgerichtet. Dort steht ein toller Schichtsalat mit Tortilla-Chips, Schmand, Käse und Salsa. Leider nichts für mich. Auch die Muffins und Brownies winken mir verführerisch zu und flüstern leise: „Iss mich doch!“ Für meine Nerven ist dieser Abend eine wahre Zerreißprobe. Zum Essen gibt es: Brot.

Tag 6: Selbstgemacht

Das Frühstück lasse ich heute Frühstück sein. Dafür koche ich zum Mittagessen leckeres Curry mit viel Gemüse, Kokosmilch und jeder Menge Reis. Meine Geschmacksknospen explodieren. Nur noch ein Tag, dann ist es vorbei und ich darf wieder normal essen.

Tag 7: Der letzte Tag

Gemüsenudeln mit Tofu stehen heute auf dem Speiseplan. Ich kann keinen Tofu mehr sehen. Meine Gefühle haben in dieser Woche eine Achterbahnfahrt hinter sich. Manchmal fühlte es sich an, als würde ich nur noch kopfüber in die Tiefe fallen. Es ist löblich, wenn sich jemand nur vegan ernährt, aber für mich ist eine gute Mischung von Fleisch, Gemüse und Milchprodukten, die ideale Ernährungsweise. Diese Meinung ist allerdings rein subjektiv, denn schließlich sollte jeder selbst entscheiden, wie er isst. 

STEPHANIE MEISSNER

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