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Sprachen, die das Denken prägen

Ein Schulleiter und ein Jugendlicher erklären, warum Latein und Griechisch so sinnvoll sind - 04.11.2019 17:42 Uhr

Jonathan Roller hat den Landeswettbewerb Alte Sprachen gewonnen. Der lateinische Text oben stand auf seiner Urkunde. Jonathan hat ihn für alle Nicht-Lateiner übersetzt.

© Bearbeitung: Lisa-Marie Polster/Redaktionsservice


Das Höhlengleichnis von Platon. Es ist dieses Beispiel, das beide, Jonathan Roller und Hermann Lind, erwähnen – obwohl die Gespräche zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Tagen stattfinden. Der eine hat in diesem Jahr sein Abitur am Neuen Gymnasium Nürnberg gemacht und den Landeswettbewerb Alte Sprachen gewonnen; der andere leitet das Melanchthon-Gymnasium in Nürnberg und sagt "Altgriechisch ist mein Herzensfach".

Eigentlich ist es exakt (aus dem Lateinischen exactus = genau zugewogen) dieses Beispiel, das alles begründet: Warum Latein und Griechisch keineswegs tot sind, was uns diese beiden uralten Sprachen vermitteln und wie viele Brückenschläge zwischen der Antike und der Neuzeit in ihnen stecken.

Denn dass gerade diese Fächer unter einem Rechtfertigungszwang leiden, basiert auf einem Denkfehler: Im Gegensatz zu Englisch, Französisch oder Spanisch lernt man Latein oder Altgriechisch nicht, um sich mit Menschen aus anderen Ländern zu unterhalten. Man lernt sie, um das Denken zu lernen. Die Antwort auf die Frage "Was bringt mir die Sprache denn?" lautet also: "Zum Sprechen nicht viel – als System alles." (aus dem Griechischen systema = aus mehrern Teilen zusammengesetztes und gegliedertes Ganzes)

Jonathans Freizeitlektüre: der „Hobbit“ auf Latein, „Harry Potter“ auf Griechisch.

© Foto: privat


Jonathan, 17 Jahre, liebt die alten Sprachen. Englisch dagegen findet er langweilig, "weil es so wenige Formen gibt und die Sprache so wenige Möglichkeiten bietet, sie zu erschließen." Es waren diese "genial klingenden" Namen von Dinosauriern, die ihn als Kind reizten, in der 5. Klasse mit Latein zu starten. Jonathan wollte wissen, was diese Bezeichnungen bedeuten. Dann, ab der 8. Klasse, kam das Interesse an der historischen Sprachwissenschaft hinzu, an den Zusammenhängen, den syntaktischen ebenso wie den inhaltlichen (Syntax aus dem Griechischen syntaxis; syn = zusammen, taxis = Ordnung).

Als Schulleiter des ältesten humanistischen Gymnasiums (aus dem Griechischen gymnásion = Ort der körperlichen und geistigen Ertüchtigung für die männliche Jugend im alten Griechenland) im deutschsprachigen Raum sieht sich Hermann Lind nicht selten in der Rolle des Rechtfertigenden. Latein ab der 5. Klasse – sind die Schüler da sprachlich nicht im Nachteil? "Spätestens in der 9. Klasse ziehen sie mit Englisch gleich", sagt er dann pragmatisch (aus dem Griechischen pragmatikós = in Geschäften geschickt, tüchtig).

Doch der Erwerb alter Sprachen hat noch mehr praktischen Vorteile (aus dem Griechischen praktikós = auf das Handeln gerichtet). Denn wer deren Struktur und Aufbau lerne, der lerne auch sehr gut Deutsch und leichter Fremdsprachen, betont Lind. "60 Prozent unseres Wortschatzes kommen aus dem Lateinischen", sagt der Schulleiter. Ob später als Architekt, Jurist oder Mediziner: Der Mehrwert des Erwerbs einer alten Sprache erschließt sich vor allem später. Zum Beispiel in der Terminologie (von Lateinisch terminus = Termin, und Griechisch lógos = Rede, Wort, Vernunft) der Studienfächer.

Der Leiter des Melanchthon-Gymnasiums Hermann Lind bei der Arbeit.

© Foto: privat


"Wer sich durch die Grammatik gekämpft hat, der hat gelernt, genau hinzusehen, sich intensiv und konzentriert mit Texten zu befassen und sie zu verstehen", sagt Hermann Lind. Das Verständnis komplexer (aus dem Lateinischen comlexum = umschlingen, umfassen) Texte oder Sachverhalte – eine Fähigkeit, die immer öfter bei Schülern vermisst und doch vor allem im Beruf elementar (aus dem Lateinischen elementarius = grundlegend) wichtig ist.

Die erste Weltsprache ist Griechisch, Alexander der Große hat überall, wo er hinkam, seine Sprache hinterlassen. Und er reiste weit. Das Neue Testament wurde ursprünglich auf Griechisch verfasst. Die zweite Weltsprache ist Latein. Die dritte Englisch. "Und diese drei Sprachen lernen die Schüler bei uns", sagt Hermann Lind, und ja, er klingt stolz am Telefon.

Im Schulalltag werden die Texte analyisiert (aus dem Griechischen análysis = Auflösung, Zergliederung), und damit verbunden die Grundlagen der europäischen Kultur studiert (aus dem Lateinischen studere = sich wissenschaftlich betätigen, etwas eifrig betreiben). Kaum eine Epoche hat unser heutiges Zusammenleben, unser Denken und unsere Kultur so stark geprägt wie die Antike.

Jonathan macht Latein mehr Spaß als Altgriechisch, "weil ich es flüssiger lesen und leichter verstehen kann". Das liegt schon allein an den Buchstaben, die vertrauter sind. Die Sprache ist klarer strukturiert und kommt direkter auf den Punkt. Altgriechisch dagegen ist komplexer (aus dem Lateinischen complexum = umschlingen, umfassen) und komplizierter (aus dem Lateinischen complicare = zusammenfalten, verwickeln, verwirren) und deshalb schwerer zu durchschauen. "Der Aufbau ist archaischer, es gibt mehr Dialekte und damit mehr Interpretationsmöglichkeiten." Aber die schönere Sprache, "das ist ganz klar Griechisch".

Platon also. "Es ist wirklich erstaunlich, wie gut seine Ideenlehre auf unseren heutigen Alltag angewendet werden kann", sagt Jonathan. Und sagt auch Hermann Lind. Woran erkenne ich, dass eine Zuchini eine Zuchini ist? Was ist wahr, was ein Abbild? Die großen Fragen "Woher komme ich, wohin gehe ich, was ist wichtig?" – diese Fragen stellen sich die Menschen früher und heute. "Die grammatischen Formen vergessen die Schüler später oft. Aber das Denken bleibt und prägt sie."

Und ist die Fähigkeit, kritisch zu hinterfragen, nicht eines unserer höchsten Bildungsziele?

 

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