Mittwoch, 19.02.2020

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Stress in der Schule: Wenn Leistungsdruck krank macht

Professor für Gesundheitspsychologie Nicolas Rohleder im Interview - 20.01.2020 17:32 Uhr

Schulstress beginnt oft schon in der Grundschule mit dem Leistungsdruck vor dem Übertritt. In den weiterführenden Schulen leiden ältere Kinder und Jugendliche oft an Versagensängsten. © Foto: Frank Molter/dpa


Herr Rohleder, Studien belegen, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler unter Stress leiden. Ein Viertel der Schüler zeigt regelmäßig typische Symptome. Äußert sich Stress bei Kindern anders als bei Erwachsenen?

Eine häufige Empfindung bei Stress ist die Nervosität. Auch Kinder können nervös sein, insofern sind die biologischen Auswirkungen von Stress auf Kinder ähnlich wie auf Erwachsene. Das hat mit unserer evolutionären Entwicklung zu tun. Stressreaktionen sind eine Schutzfunktion des Körpers, denn stets geht es um die Frage, ob eine Situation, der wir gegenüberstehen, eine Bedrohung oder eine Herausforderung für uns darstellt.

Und eine Bedrohungssituation ist gleichzusetzen mit Stress?

Eine Bedrohungssituation geht mit Herzrasen, schnellerer Atmung und erhöhtem Puls einher. Der Körper schüttet die Hormone Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin aus. Wir sind in Alarmbereitschaft versetzt. Das ist eigentlich positiv, weil man kurzfristig leistungsfähiger wird. Wenn dieser Zustand dauerhaft auftritt, kann er allerdings gesundheitsbedenkliche Auswirkungen auf Körper und Psyche haben. Solch negativer Stress kann zum Beispiel auftreten, wenn der Schulalltag vollgestopft mit Aufgaben ist oder sich ein Kind dem Leistungsdruck nicht gewachsen fühlt.

Welche Ursachen hat schulischer Stress?

Ein häufiger Grund für Stress, gerade in der Schule, ist Leistungsdruck. Er tritt auf, wenn Lehrer, Eltern oder auch andere Mitschüler Leistungen fordern, die das Kind nicht erfüllen kann. Auch Mobbing unter Mitschülern kann zu Stressreaktionen führen. Es gibt im Schulalltag viele Situationen, die bei einem Kind oder Jugendlichen Stress auslösen können.

Welche Symptome zeigen die Kinder?

Auch da unterscheiden sie sich eigentlich nicht von den Erwachsenen. Körperlich klagen die Kinder oft über Bauch- oder Kopfschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit oder Herzrasen. Die psychischen Auswirkungen reichen von Angst über Nervosität, Aggressivität, Selbstzweifel bis hin zu Traurigkeit und Antriebslosigkeit. Doch jeder Mensch zeigt individuelle Stresssymptome.

Professor Nicolas Rohleder ist seit August 2015 Leiter des Lehrstuhls für Gesundheitspsychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Der 49-Jährige beschäftigt sich unter anderem mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Trauma, Stress und Depressionen. Vor seiner Tätigkeit in Erlangen forschte Rohleder an der Brandeis University in Waltham, im US-Bundesstaat Massachusetts. © Foto: Georg Pöhl/FAU


Ist der Umgang mit Stress eine Typfrage oder wird er uns anerzogen?

Stressresistenz ist nicht genetisch festgelegt, sondern eine Frage des Umfelds, der Interaktion mit dem familiären Umfeld. Man hat festgestellt, dass Kinder aus benachteiligten Umgebungen, aus den sogenannten bildungsfernen Schichten oder sozial schwachen Haushalten, häufig eine schwächere Stressresistenz besitzen als Kinder, bei denen das nicht der Fall ist.

Schulstress kommt ja schon in derGrundschule vor, wenn es zum Beispiel um die Entscheidung geht, auf welche weiterführende Schule das Kind gehen soll. In den weiterführenden Schulen führt dann oft die Angst zu Versagen zu Stressreaktionen. Was können Eltern tun, um diese Situation zu entspannen?

Es ist immer gut, einen Ausgleich für das Kind zu schaffen. Den einen hilft Sport, den anderen eher eine künstlerische Betätigung. Gerade ist das Thema Achtsamkeit ja groß in Mode. Doch dieser Ansatz funktioniert nicht bei jedem. Stressreduktion ist immer eine persönliche Angelegenheit. Meist wissen die Eltern selbst am besten, was ihr Kind braucht. Egal ob es Sport oder das Spielen eines Instruments ist, es ist wichtig, dass das Kind in einem anderen Lebensbereich als der Schule Exzellenz zeigen kann. Auch ein strukturierter Tagesablauf mit festen Lernzeiten und Ritualen kann helfen.

An Schulen in Norwegen und England ist Achtsamkeitstraining fester Bestandteil des Unterrichts. Macht das Sinn?

Ja, aber als Wahlangebot. Die Schüler sollten sich aussuchen können, ob sie daran teilnehmen oder nicht. Besser wären multiple Angebote
zur Stressbewältigung. Sport, Musik oder künstlerisches Arbeiten, denn jeder braucht, wie gesagt, etwas anderes. Wichtig für die Entspannung sind zum Beispiel auch Momente der Ruhe, in denen das Kind völlig frei entscheiden kann, was es mit seiner Zeit anfangen möchte.

Welche Rolle spielen die Lehrer beim Schulstress?

Wir haben unter Lehramtsstudierenden zur Lehrergesundheit geforscht und festgestellt, dass diese Gruppe unter massivem Stress steht und
Burnout gefährdet ist, weil der Leistungsdruck offenbar sehr hoch ist. Wenn Lehrer überfordert sind, weil zum Beispiel die Personalressourcen in der Schule zu knapp sind, dann entsteht bei ihnen Zynismus der Arbeit gegenüber. Das ist eine normale Reaktion. Dieser Zynismus kann
sich dann natürlich negativ auf die Schutzbefohlenen auswirken.

Was können Schulen tun, um den Stress bei Ihrem Lehrpersonal und den Kindern zu reduzieren?

Schule kann mit ausreichend Lehrpersonal schon dafür sorgen, dass Situationen, die für die Schüler mit Stress verbunden, also bedrohlich sind, umgekehrt werden. Letztendlich wäre es hilfreich, im schulischen Umfeld mehr zum Thema zu forschen. Das haben wir versucht, doch es ist sehr schwierig und mit so großem Aufwand verbunden, dass man den Eindruck hat, es ist vom Kultusministerium nicht erwünscht.

Professor Nicolas Rohleder referiert am Dienstag, 11. Februar, 16.30 bis 19 Uhr zum Thema. Sein Vortrag "Stress und Schule: Stress erleben und bewältigen aus gesundheitspsychologischer Sicht" richtet sich vor allem an Lehrer, Eltern sind aber auch willkommen. Ort: Institut für Pädagogik und Schulpsychologie, Fürther Str. 80a, Nürnberg. Unkostenbeitrag: 10 Euro.

INTERVIEW: MICHAELA ZIMMERMANN

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