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Twittering Trees: Bayerische Bäume werden verkabelt

Die Messdaten sollen Aufschluss über Baumreaktionen auf Klimaveränderungen geben - 31.07.2019 15:44 Uhr

Die verkabelten Bäume übertragen Daten wie Wassergehalt in Echtzeit auf eine Webseite. Besonders an dem Projekt von FAU-Professor Achim Bräuning ist, dass Schüler die Messdaten interpretieren und in Twitter-Nachrichten übersetzen. © Foto: LWG Veitshöchheim


50 Jahre hat die Stieleiche bereits auf dem Buckel, und jetzt lernt sie das Sprechen. "Juhuuu, ich wachse wieder", könnte sie sagen, aber genauso: "Die Trockenheit macht mir zu schaffen. Ich schrumpfe gerade sehr, auch die Nacht hilft mir momentan nicht mehr, um wieder zu wachsen." Die Eiche auf dem Gelände der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Garten in Veitshöchheim ist mit technischen Messgeräten ausgestattet worden, um zu erfahren, wie sich unterschiedliche Wetterlagen auf den Baum auswirken.

"Das Dendrometer ist ein Instrument, das Auskunft über die Dickenänderung des Stamms auf fünf Mikrometer genau ermittelt", erklärt Professor Achim Bräuning von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Zudem werde der Saftfluss des Baumes gemessen, also die Menge an Wasser die in einer bestimmten Zeit von der Wurzel in die Baumkrone fließt. "In Echtzeit werden diese Daten auf unsere Homepage übertragen", so der Verantwortliche des Verbundprojekts namens "BayTreeNet".

Dieses wird vom bayerischen Netzwerk für Klimaforschung bis 2023 gefördert und besteht aus einem Netzwerk von elf Twitterbäumen im Freistaat. "Diese stehen in verschiedenen Klimaregionen: Sechs in Bergregionen wie Rhön, Fichtelgebirge und Alpen; fünf in den Beckenregionen dazwischen", erläutert der Geografie-Professor. Ziel des Projekts ist, die Auswirkung der Großwetterlagen und regionalen Klimaeffekte auf den Wald zu erforschen. Über Klimaszenarien des Weltklimarats kann man herausfinden, wie der Wald in 50 Jahren aussehen sollte, um dem Klima standzuhalten. Können sich die Bäume dann noch erholen?

"Wir geben unsere Erkenntnisse an Waldmanager weiter, die ihre Wälder entsprechen umbauen, um klimaresilienter zu sein", sagt Bräuning. "Das Tolle ist, dass sich unsere elf Bäume miteinander unterhalten: Wenn der im Allgäu etwa sagt: ,Hier ist es heiß und trocken, ich reduziere meinen Wasserverbrauch‘, antwortet der im Bayerischen Wald vielleicht: ,Mir geht es blendend, ich wachse vor mich hin‘."

Schüler übersetzen die Daten

Natürlich können Bäume nicht einfach sprechen und Nachrichten auf Twitter schreiben. Hier kommen die Projektpartner ins Spiel: Schulen. Gymnasiasten aus Erlangen, Veitshöchheim, Bad Neustadt, Wunsiedel und anderen bayerischen Städten helfen "ihrem Baum" ab kommenden Schuljahr bei der Kommunikation. "Wir haben das Projekt zwar schon Ende letzten Jahres begonnen, aber es dauert Zeit, alle Partner zu finden und das Thema in den Lehrplan einzuarbeiten", erklärt Prof. Bräuning.

Die Schüler lernen jetzt dann erst mal, mit Hilfe ihrer extra dazu ausgebildeten Lehrer die Messdaten im Bezug zur aktuellen Wetterkarte zu interpretieren, damit sie die Reaktionen der Bäume allgemeinverständlich kommentieren können. Der Kenntnisstand der Schüler zum Thema Klimaveränderungen soll dadurch verbessert werden; gleichzeitig wird von einem Didaktikprofessor überprüft, welchen Einfluss das Projekt auf die Lernpsychologie hat, so dass neue Unterrichtseinheiten für P- und W-Seminare entwickelt werden können.

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In Erlangen gab es vor sieben Jahren schon mal eine twitternde Eiche, die medienwirksam war und 7000 Follower bei Twitter hatte. Der letzte "Tweet" stammt allerdings vom März 2012; trotzdem folgen dem Baum noch mehr als 3000 Menschen. "Das war ein einmaliges Event", erklärt Bräuning, der diesen Baum damals schon betreute. "Die Technik war wackelig, die Kenntnisse daraus begrenzt und nur bedingt auswertbar, weil die Rechte bei einer belgischen Agentur lagen. Das war schade."

Europaweites Netzwerk

Nun arbeiten die Wissenschaftler mit der Uni im belgischen Ghent zusammen, welche auch ein europaweites Netzwerk aufbaut – mit Bäumen von Skandinavien bis zum Mittelmeerraum. "Das ist aber alles auf Englisch und für die Schüler weniger geeignet", meint der Prof. und verweist auf seine eigene Seite www.baytreenet.de, die sich aber gerade im Aufbau befindet. Auf der englischen Seite www.treewatch.net kann man sich den Erlanger Baum schon anschauen – allerdings nur die Messdaten, ohne Interpretation.

Da das Projekt mit den Schule erst im September startet, ist auch erst dann klar, unter welchen "Twitteraccounts" die Bäume zur Bevölkerung sprechen werden. Dass Schüler in der Schule soziale Medien nutzen dürfen, ist rechtlich und technisch übrigens gar nicht so einfach. Bräuning sagt: "Wir stellen jeder Schule einen Account samt SIM-Karte zur Verfügung."

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