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Wahre Helden verlassen die ausgetretenen Pfade

Design-Studenten laden wieder zum Kurzfilmfestival „Ohmrolle“ ins Cinecittà ein - 14.04.2015 19:56 Uhr

Keine Angst vor der Welt da draußen

Christian (Mitte), gespielt von Erich Krieg, will trotz der Kapitänsmütze, die er zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, nicht länger auf einem U-Boot leben.


Dr. Schiwago ist tot. Nach 26 Jahren. Ein stattliches Alter für einen Goldfisch, sollte man meinen, aber das ist gar nicht so ungewöhnlich. Die Tiere haben eine Lebenserwartung von bis zu 30 Jahren. Ungewöhnlicher sind da schon sein Wohnort und seine Besitzer: Er gehört vier Männern, die – seit 26 Jahren – in einem U-Boot leben. „Unsere Idee war es, einen Mikrokosmos zu erschaffen und zu beobachten, was mit Menschen passiert, die über längere Zeit auf kleinstem Raum zusammen wohnen“, sagt Felix Reichert, der ebenfalls 26 Jahre alt ist und den 13-minütigen Film produziert hat. Ein U-Boot als Drehort zu finden, war einfacher als gedacht, denn „da liegen einige in Deutschland rum“. Reichert und seine drei Kommilitonen Hannes Maar, Leonard Billeke und Alexander Ortwein durften im wohl berühmtesten drehen. Die Bavaria Filmstudios stellten ihnen die in München ausgestellte Kulisse des 1981 erschienenen Films „Das Boot“ von Wolfgang Petersen zur Verfügung. „Wir durften nur abends und nachts drehen, wenn keine Besucher da waren“, erzählt Reichert.

Schwieriger sei es gewesen, vier alte Schauspieler zu finden, die sich gleichzeitig in ein U-Boot quetschen wollten. Eine Gage gibt es bei den Studentenfilmen nämlich nicht. Der Gang im Inneren des nachgebauten U96 ist nur 50 Zentimeter breit. Eine Herausforderung für das Filmteam. „Das war knifflig, aber es hat Spaß gemacht“, sagt Reichert. „Unser Hauptdarsteller ist ein absoluter Glücksfall, ihm hat das Drehbuch sehr gut gefallen und er hatte Lust mitzumachen.“ Die vier Männer haben sich nach der Wende 1989 einen Rückzugsort an Bord geschaffen. Erich Krieg spielt Christian, den Kulturmenschen, der in der Hängematte Bücher liest, Filmabende organisiert und Musikposter aufhängt. Der Tod des Goldfischs ist für ihn die zweite Wende. Was, wenn er auch eines Tages, eingepfercht in diesem U-Boot – in seinem Goldfischglas – stirbt? „Wenn sich die Leute Gedanken über ihre Zukunft und ihren alltäglichen Hamsterkäfig machen, dann haben wir schon etwas erreicht“, sagt Reichert.

Ein Elefant versöhnt Russland und Amerika

Berühmtes Vorbild: Russland schoss 1957 die Hündin Laika ins Weltall.


Elefanten leben eigentlich in Afrika oder Indien, trotzdem wählt die amerikanische Weltraumagentur NASA einen für ihre Mission ins unbekannte Weltall aus. Auch im Film gibt es eben Arbeitssklaven. Die Russen sind den Amerikanern voraus, die haben schon ihren Hund Laika auf eine Erdumlaufbahn geschickt – das können sie nicht auf sich sitzen lassen und müssen mit dem größten Landtier natürlich noch eins obendrauf setzen. Also findet sich der Elefant plötzlich im Orbit wieder. Bevor er weiß, wie ihm geschieht, rammt ein zweites Raumschiff seine Kapsel. Hündin Laika, deren reales Vorbild 1957 bei der Mission Sputnik 2 tatsächlich das erste Lebewesen war, das ins All geschossen wurde, ist in Not. Doch soll er dem Feind helfen? Noch dazu, wenn die tierische Profi-Kosmonautin sich derart arrogant gegenüber dem Neuling verhält?

„Wir erzählen eine klassische Heldenreise“, sagt Johannes Engelhardt, der den Animationsfilm „Operation Rising Tusk“, was so viel heißt, wie „Mission aufsteigender Stoßzahn“, mit fünf Studienkollegen im sechsten Semester gemacht hat. „Wir wollen später alle im Bereich Animation arbeiten“, sagt er. „Das macht am meisten Spaß.“ Sie wissen, dass es im Weltraum nicht raucht, wenn etwas explodiert, und kein Geräusch zu hören ist, wenn zwei Raumschiffe aneinanderprallen. „Es sieht aber cooler aus und unterstützt die Handlung“, sagt der 34-Jährige. Deswegen dürfen sich Designer über manche Gesetze der Physik hinwegsetzen.

Finger weg von den täglichen Drogen

Roboter Dave sucht im Film "Devoid" nach Energie. © Alexander Tang


Im 22. Jahrhundert gibt es keine Menschen mehr. Roboter Dave rennt durch eine verlassene Stadt, vorbei an Häuserruinen, die Sonne brennt, Staub wirbelt auf. Er braucht neue Energie – dringend. Auf der Ladeanzeige seines Akkus blinkt der letzte Strich. Doch er ist nicht der Einzige. Ein Roboter namens Goliath macht ihm die gefundene Ladestation streitig. Die beiden kämpfen, der Bösewicht stürzt vom Dach, Dave wird bewusstlos.

„Viele sind ständig auf der Suche nach dem nächsten Schuss und einem neuen Kick“, sagt Alexander Tang. Er und Sebastian Plank haben den 3D-Animationsfilm „Devoid“ für ihre Bachelorarbeit produziert. Ein Jahr lang haben sie daran gearbeitet, jede Woche bis zu 60 Stunden. Die Arbeit lohnt sich, denn die Filme der Design-Studenten laufen auf Festivals und sind so die beste Bewerbung für einen Job nach dem Studium. Ob Energiereserven für Roboter, reale Drogen, Arbeit oder Kaffee – die Studenten glauben, dass sich jeder von seinen Abhängigkeiten freimachen kann und sollte. „Wir
schauen gerne Science-Fiction-Filme und wollten keine Moralpredigt halten“, sagt Tang. „Dave ist unser Revolutionär, der alle anderen aufklärt und von ihrer Sucht befreit.“

Warum Nichtstun so schwierig geworden ist

Wer hat es besser im Leben? Der erfolgreiche und beliebte Anwalt Ben, dem alles gelingt, der sich bewusst ernährt und Sport treibt, oder die dicke Katze, die tagein, tagaus im Englischen Garten in der Sonne liegt?


Ben ist ein junger, aufstrebender Anwalt. Er schafft alles, was er sich vornimmt. Er hat eine Freundin, raucht nicht, trinkt keinen Alkohol und ernährt sich gerne gesund. Jeden Morgen joggt er durch den Englischen Garten in München, denn Sport macht schlank, ist gesund und ein guter Ausgleich zu seinem Büroalltag. So steht es in den zahlreichen Life-Style-Büchern und Blogs. Selbstoptimierung ist angesagt. Dann stolpert Ben über eine Katze.

„Am ersten Tag ist er genervt, dass sie ihn aufhält, am zweiten Tag freut er sich, sie wiederzusehen, und am dritten schaut er sogar im Park nach ihr“, sagt Anne Weberndörfer, die beim Animationsfilm „Do a barrel roll“ Regie geführt hat. Mit Rollerfässchen würde man im Fränkischen das übersetzen, was die Katze da tut. Sie wälzt sich im Gras, das ist das höchste Maß ihrer Anstrengung, ansonsten liegt sie in der Sonne und genießt das Nichtstun. Ben hat verlernt, wie das geht. Er ist ein Vorzeigetyp, ein Macher. Nichtstun steht nicht im Kalender. Veronika Burganova hat ihn kantig gezeichnet. Die Katze von Alina Filenberg ist rund und flauschig und Zeina Azouqah hat die Hintergründe und den Ton gestaltet.

Als sich die Katze auf Bens Schoß setzt, wird der Film langsamer. Sie zwingt ihn zum Innehalten. Er spürt das Gras, hört das Vogelzwitschern und das Rascheln der Blätter. „Moderne Menschen tun nie einfach so nichts“, sagt Weberndörfer. „Sie machen Wellness oder kaufen sich ein Boot und wollen gezielt runterkommen.“ Doch das widerspricht sich. „Niemand kann ständig produktiv und perfekt sein – Pausen sind wichtig und auch Fehler sind erlaubt.“

Die „OHMrolle 2015 spring collection“ läuft am Donnerstag, 16. April, um 19.30 Uhr im Cinecittà Nürnberg am Gewerbemuseumsplatz 3. Einlass ist um 19.00 Uhr. Informationen zum Studienfach „Film & Animation“ gibt es auf http://fa.ohmrolle.de.

Christina Merkel

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