Sonntag, 15.12.2019

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Warum die Schule von gestern ist

Jamila Tressel macht sich stark für eine Umwandlung des Bildungssystems - Vortrag am Freitag - 24.09.2019 18:27 Uhr

In einer idealen Welt haben Schüler und ihre Lehrer Spaß miteinander und am Lernen. Von dieser Welt träumt Jamila Tressel. © SolStock


Die "Schule im Aufbruch", das ist . . ..?

Jamila Tressel: . . . eine Initiative mit dem Ziel, Schulen zu transformieren, indem die Grundhaltung zu Bildung und Lernen verändert wird. Dabei verfolgt die Initiative kein bestimmtes pädagogisches Konzept, sondern will Schulen inspirieren, einen neuen Weg zu gehen. Wir brauchen eine Lernkultur, die auf der natürlichen Neugier der Schüler aufbaut. Einen solchen Weg geht die Evangelische Schule Berlin-Zentrum.

. . . die Sie besucht haben, aber zuerst waren Sie auf einem Regel-Gymnasium.

Jamila Tressel: Ja, ich habe die Schule gewechselt, weil es mir nach einem Jahr sehr schlecht ging. Ich war zehn Jahre alt, hatte kaum noch Zeit für mich, zum Spielen oder für meine Hobbys. Druck, Konkurrenz und der Fokus auf Noten entspricht nicht meinem Lern- und Arbeitsverhalten. Ich habe eine Schule gesucht, die sich an meine Bedürfnisse anpasst und nicht andersrum. Eben die Evangelische Schule Berlin-Zentrum.

Diese Schule hat Margret Rasfeld bis 2017 geleitet. Was ist dort anders?

Jamila Tressel: Viel. Die Schule wurde auf die Frage hin konzipiert, "In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?". Im Schulalltag wird das zum Beispiel so umgesetzt, dass es bis zur 13. Klasse keine Noten gibt, sondern Berichte, Zertifikate, Feedbacks zur Lern-Leistung. Mit einer Note hat man keinen konkreten Anhaltspunkt: Woran soll ich denn jetzt arbeiten? In den Feedbacks gibt es zuerst Wertschätzung, "Das hast du gut gemacht", und anschließend Tipps, was du noch besser machen kannst.

Was müsste im Regelsystem sofort geändert werden?

Jamila Tressel: Dazu zwei wesentliche Stichworte: Zeit und Beziehung. Zuerst zum Stichwort Zeit: Ich habe das Gefühl, dass Schüler entweder unter- oder überfordert sind. Dann fangen sie an, Blödsinn zu machen, entweder weil sie nicht mitkommen oder weil sie gelangweilt sind. Mit dem Frontalunterricht können die wenigsten was anfangen. Dabei gibt es heutzutage Tonnen an Material, mit dem Schüler selbstständig arbeiten können. Es geht also nicht mehr darum, ob ein Lehrer gut erklären kann oder nicht. Er muss wissen, wie er gezielt Material einsetzt, um individueller für seine Schüler da sein zu können. Die Wissensvermittlung tritt in den Hintergrund.

Lehrer stehen also im Zentrum der Transformation?

Jamila Tressel: Ja, und damit kommen wir zum Stichwort Beziehung. Beziehung ist einfach der Schlüssel für gelingendes Lernen und gelingende Bildung. Wenn die Beziehungsebene stimmt, ist die Wissensvermittlung kein Problem mehr. Aktuell sind Lehrer aber bloße Wissensvermittler. Ich finde, der pädagogische Aspekt, Beziehung vorzuleben, ist viel wichtiger. Lehrer sollten als fachliche und menschliche Vorbilder fungieren. Wie gehen sie mit dir um? Der Lehrer sollte eine Rolle als Lernbegleiter übernehmen, der das Ziel verfolgt, dass der Schüler lernt, Eigenverantwortung für sich, sein Leben und Lernen zu übernehmen.

Bemängeln Sie auch die Fächer?

Jamila Tressel: Es geht in der Schule darum, dass man lernt, wie man am besten lernt. Das kann man ausprobieren anhand der verschiedenen Fächer. Aber mir fehlen andere Fächer. Persönlichkeitsentwicklung, Mut zum Handeln, Herausforderungen meistern, Kreativität fördern – das hat im Regelunterricht keinen oder zu wenig Platz. Sinnvoll wäre auch eine bessere Verknüpfung. Der Stundenplan ist linear, die Welt ist es nicht. Sie ist komplex und vernetzt.

Aber das Schulsystem ändert sich doch auch.

Jamila Tressel: Natürlich entwickelt sich das Schulsystem weiter, Stichwort Digitalisierung. Aber das sind nur Reparaturen, keine fundamentalen Änderungen, wie sie aus meiner Sicht nötig sind. Die Gesellschaft fordert mündige junge Bürger, die die Herausforderungen anpacken und nicht aussitzen. Dafür brauchen sie aber eine Grundbildung und Grundhaltung dem Leben gegenüber. Sie brauchen Mut, aber auch die Sicherheit, Fehler machen zu dürfen. Gerade hier in Deutschland haben wir solche Angst, Fehler zu machen, darum machen viele lieber gar nichts. Mir wurde zum Beispiel auch systematisch auf dem Gymnasium abtrainiert, Fragen zu stellen. Weil es dann hieß, "Tja, Mädchen, hättest du mal besser zugehört". Da wirst du vor der ganzen Klasse bloßgestellt. Wertschätzung geht anders. Interview: Kathrin Walther

Mehr über die Initiative "Schule im Aufbruch" finden Sie hier.

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