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Ungehobene Schätze Mit dem alten Föhn tanken

Der Verfahrenstechniker Peter Hense recycelt erfolgreich Elektro-Schrott-Reste, die sonst keiner will - 10.08.2018 11:59 Uhr

Peter Hense gewinnt aus dem E-Schrott auch Öl, das dann wieder verfeuert werden kann.Foto: privat

10.08.2018


Jahrelang hat er heiße Luft produziert, dann trifft ihn der Schlag. Der Föhn verabschiedet sich mit einer eindrucksvollen Darbietung aus glühendem Draht, Qualm und Schmorgeruch. Seine letzte Ruhestätte findet er auf dem Wertstoffhof, neben alten Toastern und Staubsaugern.

Es ist ein Abschied, wie er jeden Tag in unzähligen Haushalten vorkommt. 22,8 Kilogramm Elektroschrott häuften sich laut Global E-Waste Monitor 2016 in Deutschland pro Person an. Weltwelt hätte man im gleichen Jahr 1,23 Millionen 40-Tonner-Lkw mit ausrangierten Kühlschränken, Handys oder Fernsehern beladen können, rechnet die Universität der Vereinten Nationen vor, einer der Herausgeber des Global E–Waste Monitors. Elektroschrott, so warnt die Universität, ist der am schnellsten wachsende Zweig des Haushaltsmülls.

In Deutschland fallen ab dem 15. August auch Bekleidung oder Möbel mit elektrischen Funktionen in dieses Raster, die Gesetzesänderung soll die Quote bei der Wiederverwertung erhöhen.

"Der bei uns gesammelte Elektroschrott wird von Recyclingunternehmen geschreddert und recycelt, aber etwa ein Viertel bleibt übrig, mit dem bisher niemand etwas anfangen kann", fasst Dr. Peter Hense, Gruppenleiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft des Fraunhofer-Instituts UMSICHT in Sulzbach-Rosenberg den Status Quo zusammen. Der ungeliebte Schredder-Rest landet in der Müllverbrennung, obwohl das Granulat noch jede Menge Rohstoffe birgt. Hense will sie retten – mithilfe eines Reaktors, der aus dem Elektromüll noch Metalle wie Gold, Silber oder Kupfer herauslöst.

Das Vorhaben beeindruckt: Für seine Arbeit ist der 29-Jährige kürzlich von der deutschen Ausgabe der Technical Review, dem Magazin des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT), zu einem von zehn "Innovatoren unter 35" in Deutschland gekürt worden.

"Bisher hat man beispielsweise Rohstoffe wie Tantal oder Indium nicht recycelt", sagt Ulrich Teipel. Der Professor für Verfahrenstechnik an der Technischen Hochschule in Nürnberg hat im Vorfeld mit Hense an der Frage gearbeitet, welche Beschaffenheit die Teilchen für eine ideale Zersetzung im Reaktor haben müssen. "Deutschland ist bei solchen Rohstoffen von anderen Ländern abhängig, denn wir haben sie selbst nicht im Land", gibt Teipel zu bedenken. "Deshalb müssen wir sie unbedingt zurückgewinnen."

Bisher geschieht das nicht, weil die Konzentration im E-Schrott gering und das Recycling aufwändig ist. Doch das natürliche Vorkommen von Indium, das in jedem Bildschirm steckt, ist begrenzt. Auch Tantal, das in Kondensatoren von Hochleistungselektronik zum Einsatz kommt, ist ein versorgungskritisches Metall und gilt zudem wegen des Abbaus in Ländern wie dem Kongo als Konfliktmineral.

Hense kann beide Stoffe bergen. Im Fall von Indium schlägt er dabei sogar zwei Fliegen mit einer Klappe: Er nutzt stark chlorhaltige Abfälle wie PVC, ebenfalls ungeliebte Reststoffe, um das Indium aus den Bildschirmen zu lösen. "Das ist ein Grund, warum unser Recycling-Verfahren auch wirtschaftlich ist." Rentabel ist auch das Metallkonzentrat, das der Reaktor am Ende ausspuckt. Es enthält neben Tantal unter anderem Gold, Silber und Kupfer. Musste ein Recycler bisher für die Verbrennung der letzten Schredder-Reste 140 bis 180 Euro pro Tonne bezahlen, könnte er nun das gewonnene Metallkonzentrat für mehrere hundert bis tausend Euro pro Tonne an Kupferhütten verkaufen.

Aus dem Kunststoff, der in dem mehr als 600 Grad heißen Reaktorinneren unter Sauerstoffabschluss – sonst würde er verbrennen – als Dampf entweicht, lassen sich außerdem in weiteren Schritten brennbares Gas und Öl in Dieselqualität gewinnen. "Im Prinzip kann ich mit meinem alten Föhn dann mein Auto betanken", beschreibt es Hense. Oder der Brennstoff geht direkt wieder in den Betrieb der Anlage.

Ein eigenes Start-Up-Unternehmen soll das Verfahren nun vermarkten, an Anfragen von Recyclern mangelt es nicht. Die Pläne des Preisträgers reichen aber noch weiter. "Mein persönlicher Traum ist es, solche Anlagen zukünftig auch in Afrika aufzustellen, um dort auf den riesigen Elektro-Müllhalden vor Ort die Rohstoffe zurückgewinnen zu können."

Von Christine Thurner

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