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Vorbilder und Brückenbauer

Netzwerk wirbt bei Migranten für Lehrerberuf - 15.09.2010 23:11 Uhr

Integration leicht gemacht: Die Lehrkräfte des bayerischen Netzwerkes für Lehrer mit Migrationshintergrund sehen sich in erster Linie als wichtige Ansprechpartner und Vorbilder für Schülerinnen und Schüler mit eigener Einwanderungsgeschichte. Und sie wollen möglichst viele Migranten für den Lehrerberuf werben. Bislang sind die Hemmungen oft noch zu groß, zu wenige entscheiden sich für ein Lehramtsstudium. Die Mitglieder des Netzwerkes verstehen sich aber auch als Schnittstelle zwischen Schülern, Eltern und Behörden. Die Vorstandsmitglieder (Bild unten) haben ihre Berufswahl nicht einen Tag bereut (v.li.): Vasiliki Dourakaki (Lauf), Alparslan Bayramli (München), Hatice Tanirgan-Lutz (Nürnberg) und Ilknur Celik (Memmingen). © dpa/Harald Sippel


Vier Geschichten von vier Menschen mit Migrationshintergrund – so unterschiedlich sie sind, so stark ähneln sie doch einander: Denn bei jedem von ihnen schlagen die berühmten „zwei Herzen in der Brust“. Und alle haben sich ganz bewusst für ein Leben in Deutschland entschieden. Und für den Lehrerberuf.

Gemeinsam wollen sie nun auch anderen jungen Menschen mit Einwanderungsgeschichte vermitteln, wie toll dieser Beruf sein kann.

Das Quartett bildet gemeinsam mit zwei weiteren Lehrern den Vorstand eines neuen, bayernweiten Netzwerkes, das dieses Ziel auf breiter Ebene angehen will. Seit der Gründung des Netzwerkes Anfang des Jahres ist bereits einiges passiert: 110 Lehrer aus ganz Bayern – allesamt mit Einwanderungsgeschichte – sind inzwischen im Netzwerk aktiv. „Es sind Kollegen aus Rumänien, Polen, Russland und sogar aus Togo darunter“, erzählt Hatice Tanirgan-Lutz. Auch eine Holländerin und eine Österreicherin hätten sich dem Netzwerk angeschlossen, ergänzt sie lächelnd. Ein offizielles Logo und ein Namenskürzel werden derzeit auf den Weg gebracht, erste Gespräche mit dem Kultusministerium hat es ebenfalls bereits gegeben. Mit dem Netzwerk sollen neben Schülern auch Eltern, Behörden und sonstige außerschulische Partner angesprochen werden. „Ziel ist es, all diese verschiedene Gruppen miteinander in Kontakt zu bringen“, sagt Tanirgan-Lutz.



Für die Lehrer wiederum bietet sich eine gute Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch. „Das war schön, mal zu sehen, dass es noch mehr von unserer Sorte gibt“, erinnert sich Ilknur Celik an das erste Treffen im Januar. An der Memminger Grundschule, an der sie unterrichtet, ist die 31-Jährige fast die einzige mit ausländisch klingendem Namen. Immer wieder wird sie daher in speziellen Sprachförderklassen eingesetzt.

„Eine verlässliche Statistik darüber, wie viele Lehrer in Bayern Migrationshintergrund haben, gibt es derzeit noch nicht“, sagt Tobias Haaf vom bayerischen Kultusministerium. Dass es angesichts des hohen Migrantenanteils unter den Schülern – dieser liegt in einigen Großstädten, darunter auch in Nürnberg, bei etwa 40 Prozent – deutlich zu wenige sind, kann Haaf aber guten Gewissens sagen.

Vom Kultusministerium und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ging auch die Initialzündung zur Gründung des Lehrernetzwerkes aus. „Es ist Teil des großangelegten Gesamtkonzeptes, das Migrantenkindern gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe und mehr Bildungsgerechtigkeit verschaffen will“, erläutert Haaf.

Ausländische Eltern fassen schnell Vertrauen

Auch der Schülercampus, der im März dieses Jahres erstmals in Bayern stattfand, ist Teil dieses Projekts. 30 Schüler aus 16 Nationen trafen sich in der Nürnberger Jugendherberge zu einem mehrtägigen Orientierungswochenende. „Zwei der Teilnehmer haben sich bereits für ein Lehramtsstudium entschieden“, berichtet Tanirgan-Lutz stolz. Die Realschullehrerin war an allen Campus-Tagen mit im Einsatz, beantwortete bereitwillig sämtliche Fragen der Schüler und versuchte dem Nachwuchs, auch am Beispiel ihrer eigenen Geschichte, die Scheu vor dem Beruf zu nehmen.

„Solche Lehrer sind positive Beispiele und authentische Vorbilder für die Schüler“, sagt Haaf. Durch ihren Migrationshintergrund könne man sie auch als eine Art Mittler zwischen den Kulturen bezeichnen. „Türkische Eltern haben mir gegenüber zum Beispiel keine Angst, dass sie missverstanden werden könnten“, erzählt Ilknur Celik, die bei Bedarf auch mal auf Türkisch vermitteln kann.

Auch Alparslan Bayramli, der an einem Münchner Gymnasium Mathematik, Physik und Informatik unterrichtet, erlebt es immer wieder, dass gerade ausländische Eltern rasch Vertrauen zu ihm aufbauen. „Ich bin lange Zeit extra etwas auf Distanz gegangen, nur um dem Eindruck zu entgehen, ich würde türkische Schüler bevorzugen“, sagt er. Seit er sich im Netzwerk engagiert, hat er diese Distanz aber abgelegt. Und bislang nur gute Erfahrungen gemacht.

Dass – unter anderem ausgelöst durch das umstrittene Buch von Thilo Sarrazin – aktuell wieder intensiver über das Thema Integration diskutiert wird, hält das Quartett für positiv. „Die aktuelle Debatte verläuft aber leider viel zu sehr in Klischees und Stereotypen“, kritisiert Vasiliki Dourakaki. So werde, betont die Gymnasiallehrerin aus Lauf, „bei dem Ganzen vergessen, dass viele Bemühungen in diese Richtung seit langem im Hintergrund stattfinden und vieles bereits auf den Weg gebracht wurde“.

Der Schülercampus etwa ist so eine Erfolgsgeschichte. Er soll – so denn die Finanzierung gesichert werden kann – fortgesetzt werden. Und auch die Mitglieder des Lehrernetzwerks würden sich über weitere Engagierte freuen. Eine wichtige Voraussetzung neben dem Migrationshintergrund sollte jeder Neuling aber mitbringen: Humor und die Fähigkeit auch mal über die eigene Kultur lachen zu können. Vasiliki Dourakaki durfte das am eigenen Leib erfahren. Sie grinst: „Mir haben sie erklärt, sie würden einer Griechin die Kasse lieber nicht anvertrauen.“
 

Stephanie Händel

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