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Sonntag, 29.11.2020

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Was ist Heimat?

Eine persönliche Betrachtung von KATHARINA WASMEIER - 11.09.2020 09:20 Uhr

Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl.

15.09.2020 © Foto: David Dieschburg/Photocase


Es war ein bisschen so, als würde man Milch mit Honig aufkochen, was da im April dieses Jahres geschah. Genau genommen wie das Verpassen des einen Moments. Danach steht man kopfschüttelnd an der Herdplatte, schrubbt und wundert sich, wie das eigentlich passieren konnte.

Alles klebt. Zäh und dick und süßlich hat er sich ins Land ergossen, ein Begriff, über den beinahe schon immer diskutiert und gestritten wurde, den Herrscher sich zu Nutze und Revoluzzer zum erklärten Feind gemacht hatten. Der geformt, missbraucht, geschluckt und wieder ausgespien wurde, dekoriert und etikettiert und oft von größter Skepsis begleitet. Plötzlich war er in aller Munde und pappte auf Zungen und Zeitungsseiten: Heimat.

Die galt es zu lobpreisen, kaum dass der oberste Staatspolizist und Landesvater erklärte, alle müssten nun wochenlang daheim bleiben und dürften nur zum Spazierengehen oder Sporttreiben das Haus verlassen. Sogleich schwang sich der Mensch aufs Rad, durchstrampelte, -wanderte, -kreuzte die Region, und statt Pilzen sammelte er Erkenntnis. Wie schön es doch hier sei!, rief er aus. Wie wenig man doch gewusst habe über die Region. Wie erstaunlich nett doch die Umgebung sei. Wie entzückend selbst der nächste Umkreis, den zu betreten man sich in den letzten 30 Jahren nicht imstande gesehen habe. Doch jetzt habe man ja Zeit, sein Zuhause zu entdecken. Und schwupps durchmaß man selbiges mit Planquadraten, die es fortan zu erkunden galt. Endlich musste man nicht mehr Backpacken im Outback. Es ist ja eh viel schöner daheim, ach ja.

Heimat, das Wort der Stunde. "Heimat, der zerfaselte Begriff" schrieb 2018 Martin Wölzmüller, einst Geschäftsführer des derzeit 8000-Mitglieder starken Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege, der im vergangenen Jahr im Alter von 63 Jahren verstarb. Im Grabe, muss man leider sagen, würde er sich drehen, wüsste er von der erneuten Inflation dieses Wortes, dessen Verwendungshäufigkeit laut Digitalem Wörterbuch der Deutschen Sprache bis zum Jahr 1700 kaum erwähnenswert war und sich bis 1900 zum Höhepunkt gefiebert hat.

Im Jahr 2019 lauten von einer Million Wörter 64 "Heimat". Wie das wohl im kommenden Jahr aussehen wird? "Heimat ist ein Reflexionsbegriff", sagt Professor Georg Kamphausen, Soziologe an der Universität Bayreuth: Er beschreibe einen Sachverhalt, der nicht mehr selbstverständlich, sondern begründungspflichtig sei und zur Sprache gebracht werden müsse.

Das obliegt gewissermaßen einer Tradition, deren Betrachtung 1806 mit dem Königreich Bayern und der notwendigen Identitätsstiftung beginnen sollte, galt es doch, Franken und Schwaben unter sich zu versammeln und gemeinsam auf die Sache einzuschwören.

Einverleibt haben sich diesen Begriff dann die Nazis, die ihn einem ganzen Volk überstülpten, was dieses in der Nachkriegszeit mit pastellsüßen Heimatfilmen zu verdrängen suchte und dafür in den 1960er Jahren von der linksgerichteten Studentenbewegung die Quittung kassierte. Was in seiner Radikalität, so Wölzmüller, der Begriffsdifferenzierung allerdings wenig förderlich war.

Heutzutage — so schrieb er in Schöne Heimat auf vielen klugen Seiten —, also in einer Zeit von diversifizierter Gesellschaft und glorifiziertem Nomadentum, zeige sich das Bedürfnis des Menschen zum Bleiben. Gleichwohl entsteht die Notwendigkeit, Heimat als Raum für Handlung und Gestaltung zu beschreiben.

Der Begriff zerfalle, werde nach Gusto verwendet, als Vermarktungshilfe missbraucht. Café Heimat. Heimatbrauerei. Heimatministerium, das selbst nur quasi-konservatorisch tätig ist. Heimat als populistische Parole, die Ausgrenzung proklamiert statt Integration. Dabei, so Martin Wölzmüller, bedeute Heimat, "mit den Menschen in Verbindung treten, das Umfeld gestalten und prägen." 

Katharina Wasmeier, Magazin-Autorin: Architektur und Balkonbepflanzung, eine Sprachmelodie, der winzig vorbeiwehende Geruch – Gefühle von „Daheim“ können plötzlich um die Ecke kommen, Behaglichkeit über einem ausbreiten, Lächeln auf die Seele legen. Je weiter nach Süden ich fahre, desto mehr spüre ich: Hoamat is koa Ort, Hoamat is a Gfui.

15.09.2020 © Illustration: Alfred Schüssler


Geschieht das? Vereine bemängeln Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel, selbst Feuerwehren haben’s schwer. Volksmusik im klassischen Sinne ist ein Nischenprodukt, der Mensch schindet sich lieber am Square Dance, Pole Dance, Belly Dance statt Zwiefachen und Dreher zu memorieren. Stadtcoole und Landakademiker erleiden Reflexschluckauf bei "Heimat" & Co. und demonstrieren sozialverpflichtete Distanzhaltung zum Nationalistischen und Völkischen, während sie wegen der Pflicht zur Individualisierung in die möglichst weite Ferne streben.

Plötzlich muss einer daheimbleiben wegen dem Corona – was ihm ermöglicht, mit ironisch-arrogantem Lächeln die Heimat, die er doch eigentlich verachtet, zu entdecken, in staunender Romantik zu versinken und schön zu finden, wie die am Land das so machen.

Und während der Blick durch die Auen schweift, schmiert er gleichsam ab. Man schielt nach Simbabwe und den Seychellen, bucht umgehend den nächsten Flug, weil man nie weiß, wie lange das noch geht. Mit Heimat kann man sich ja später beschäftigen, wenn man alt ist. Vielleicht. Es geht einen doch nichts an. Und so schiebt sich die Entfremdung fort.

"Wer seinen Platz finden will in dem Raum, in den er hineingestellt ist, in dem er entweder geboren und geblieben ist, oder für den er sich als Heimat entschieden hat, der tut gut daran, auch dessen Geschichte zu kennen", schreibt Wölzmüller. Und Kamphausen verdeutlicht: "Bei der puren Verklärung der Heimat zur ‚schönen alten Zeit‘ vergisst man gänzlich, welch grauslige Verpflichtungen die Menschen früher hatten, in welchem Bündel aus Normen und Zwängen sie sich bewegen mussten." Dass der Luxus der schönen Gefühle eine unvollständige und egomanische Vorstellung, dass Heimat keine romantische Idee, sondern blanke Notwendigkeit zum Überleben sei.

Heimat ist da, wo ich gebraucht werde und Verantwortung übernehme. Wo ich Zeit opfere für die Belange anderer, mich in Anspruch nehmen lasse für bestimmte Sachen – "vom hohen Ross herunterkomme." Heimatliebe? Lächerlich.

Der Mensch sei völlig entwurzelt, sehne sich eigentlich nach Alltäglichem statt Extravaganz – und brauche dies als "Ordnungskategorie, um klarzukommen." Das heißt: Wechselseitige Verpflichtungen eingehen mit den Menschen in der näheren Umgebung durch Nachbarschaftshilfe oder Engagement im Verein und daraus die tiefe menschliche Befriedigung des Eingebettetseins ziehen. "Verbunden sein geht mit Verpflichtung einher", doch nur durch Handlungen, die auf Wechselseitigkeit beruhen, könne man auch derlei Erfahrungen machen, also aus der eigenen Geschichte die kollektive formen.

"Heimat lebt also in erster Linie von inspiriertem Tun vieler, von einer breiten Basis, vom Mut, sich selbst an kulturelles und gesellschaftliches Wirken heranzuwagen", schrieb der verstorbene Martin Wölzmüller, für den Heimatpflege eine Berufung war. Also gilt es, nicht nur Muster in den Milchschaum zu malen und zu gucken, ob er erstarrt, sondern den Nachbarn etwas davon anzubieten. "Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl", hat Grönemeyer mal gesungen. Hoffen wir, dass das Gefühl überdauert.

 

 

Illustration: Alfred Schüssler EINE PERSÖNLICHE BETRACHTUNG Von Katharina Wasmeier

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