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Biete Mut und Ideenreichtum, suche Netzwerk!

Start-up in Altmühlfranken!? - 15.06.2020 10:12 Uhr

Tobias Wagner hat den „Ballboo“ erfunden.

© Spiegelhof-Fotografie


Für das Interview treffe ich Stefan Neumüller in einem Café in Weißenburg. Zum einen, weil Kaffee für ein gutes Gespräch nie verkehrt ist, zum anderen aber, weil wir nicht wissen, wo wir uns sonst treffen sollten. Denn Freiberufler, die mit ihrem Job zwar locker ihren Lebensunterhalt bestreiten können, verfügen trotzdem selten über eigene Büroräume (geschweige denn Konferenzräume). Und Stefan Neumüller sowieso nicht, denn er lebt in einem 28 Quadratmeter großen Tiny House, wo er nicht mal ein eigenes Arbeitszimmer hat. Muss er auch nicht, die meiste Zeit ist der 32-Jährige beruflich ohnehin in ganz Europa unterwegs. Neumüller ist Wirtschaftsingenieur, vor zwei Jahren hat er in Burgsalach die NeSt Engineering GmbH gegründet. Er testet und entwickelt Klimaanlagenkonzepte für die Automobilbranche und ist damit ziemlich erfolgreich.

Doch Menschen wie er sind  in der Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar. Freelancer, Firmengründer, Start-ups: Wer gerade ein Unternehmen hochzieht oder freiberuflich arbeitet, hat vor allem zu Beginn in der Regel keine eigenen Räumlichkeiten. Hier wird Wirtschaft am Küchentisch gemacht.  Und so erweist sich die Suche nach Start-ups in Altmühlfranken als gar nicht so leicht.  Es gibt keinen Raum, wo sie sich sammeln, keinen Stammtisch, an dem sie sich treffen. Keinen Coworking-Space, kein Gründerzentrum, kein Netzwerk. Wenn die Unternehmer nicht gezielt an die Öffentlichkeit gehen, bleibt ihre Arbeit und Innovationskraft weitgehend verborgen.

Felix Durst und David Ziegler sind an die Öffentlichkeit gegangen. Für ihr neu entwickeltes Aquabook, eine Kunststoff-Trinkflasche im Buchformat, haben sie eine Crowdfunding- Kampagne gestartet. Das heißt: Sie haben online nach Investoren für ihr Projekt gesucht. Auch mit geringen Beträgen kann man dem Start-up-Unternehmen eine Anschubfinanzierung geben, wenn man vom Produkt und Businessplan überzeugt ist.

„Was ich vermisse,
ist eine Gemeinschaft, ein Netzwerk.“

 

2015 war das, da waren Felix Durst und David Ziegler noch Studenten. Mittlerweile ist Aquabook in die Produktion gegangen und nur eines von zahlreichen Produkten, das die beiden jungen Männer mit ihrem Unternehmen ZED Innovations vertreiben. Unter der Marke Freigeist entwickeln sie Alltagsgegenstände, die speziell für den Outdoor-Gebrauch geeignet sind. Neben Trinkflaschen haben die zwei Unternehmer auch selbst entwickelte Rucksäcke, Besteck oder Hängematten im Sortiment. Innerhalb weniger Jahre haben sie von ihrem Büro im Weißenburger Industriegebiet aus ein international agierendes Online-Business aufgezogen. Produzieren lassen sie rund um den Globus: in China, den USA oder Frankreich. Das Logistikzentrum, wo die Bestellungen aus dem Online-Shop einlaufen und von wo aus die Produkte verschickt werden, liegt in Augsburg.

Die „Freigeister“: Felix Durst und David Ziegler


Theoretisch könnten sie ihr Business von überall aus betreiben, erzählen sie mir bei unserem Treffen (übrigens wiederum in einem Café). Dass sie Altmühlfranken als Firmensitz gewählt haben, lag nicht an wirtschaftlichen Überlegungen, weil etwa der Standortvorteil gar so groß ist. Eher im Gegenteil. „Bei vielen Standortfaktoren, etwa Breitband-Internet oder Fachkräften, ist Weißenburg sogar denkbar schlecht“, sagt David Ziegler. Günstige Immobilienpreise und Mieten in der ländlicheren Region seien auch nicht ausschlaggebend. Dass ZED Innovations trotzdem von hier aus agiert, sei schlicht „familiär und historisch bedingt“, denn beide sind in Weißenburg groß geworden.

„Was ich vermisse in Weißenburg, ist eine Gemeinschaft, ein Netzwerk“, sagt Felix Durst. „Die etablierte Automobilindustrie hat das hier, aber Start-ups, Freelancer oder Online-Handel nicht.“ Dabei ist es gerade für Gründer ein großes Bedürfnis, sich untereinander auszutauschen, bestätigt Stefan Neumüller: „Ich will andere fragen: Wie machst du das mit der Altersvorsorge? Welchen Steuerberater kannst du empfehlen? Wo hast du deinen Firmenwagen geleast?“

Und dann geht es beim Netzwerk ja auch darum, Mitarbeiter oder Dienstleister zu finden. ZED Innovations hat neben den beiden Geschäftsführern nur eine fest angestellte Mitarbeiterin im Backoffice, der Rest läuft über Externe und Freiberufler. Die vor der Haustür zu finden, ist aber sichtlich schwer.

Das bestätigt mir auch Tobias Wagner, mit dem ich mich in einem Café in Gunzenhausen verabredet habe. Der Absberger hat für sich vor zwei Jahren eine Marktlücke entdeckt und mit dem „Ballboo“ einen Nasenhaarrasierer aus einer gerundeten Edelstahl-Klinge ent-
wickelt. „Ich habe verzweifelt nach 

einem Webdesigner gesucht, der mir eine stylische Homepage baut“, erzählt er. Denn man will ja die regionale Wertschöpfung unterstützen, Ansprechpartner vor Ort haben. „Ich bin durch den halben Landkreis gefahren, bis ich durch reinen Zufall einen Mediengestalter in Kalbensteinberg gefunden habe - nur ein Dorf weiter.“

Bei den Café-Meetings wird mir schnell klar: Das, was sich die Firmengründer und Freiberufler am meisten wünschen, ist ein gutes Netzwerk. Und zwar idealerweise eines, das sich an einem Ort bündelt. Ein Coworking-Space etwa, wo man Schreibtische, Büroräume oder Konferenzzimmer stunden-, tage-, oder wochenweise mieten kann.

Vor allem in größeren Städten sind das mittlerweile etablierte Treffpunkte für Kreative und Firmengründer, aber auch im ländlichen Raum kann so etwas funktionieren, um humane Ressourcen zu bündeln. Im 5000-Einwohner-Ort Bad Berneck im Fichtelgebirge etwa ist 2017 die „Schaltzentrale“ in ein ehemaliges Industriegebäude eingezogen. Sie ist Coworking-Space, Logistikzentrum und Werkstattgemeinschaft in einem und soll Unternehmer und Freiberufler aus unterschiedlichsten Branchen und Bereichen zusammenbringen.

„Ein berufliches
Netzwerk spielt eine exorbitante Rolle.“

Ein Konzept, das in Altmühlfranken nicht gänzlich unbekannt ist, sich aber nicht dauerhaft durchsetzen konnte: In Gunzenhausen eröffnete 1996 ein Gründerzentrum, in dem  zum Beispiel Hetzner online seine ersten Gehversuche machte und der heute ein Global Player im Bereich Webhosting ist (siehe Seite 62/63). Geschäftsführer der GmbH war gleichzeitig auch der Leiter der städtischen Wirtschaftsförderung, über Miteinnahmen und Finanzspritzen vom Freistaat wurden die Kosten gedeckt. Doch das Ende der finanziellen Förderung gut zehn Jahre später war auch das Ende des Gründerzentrums. Wie es auch gehen könnte, zeigt wiederum das Beispiel der Schaltzentrale im Fichtelgebirge: Hier haben  das Regionalmanagement des Landkreises, Kommunen, Vereine, Netzwerke und ortsansässige Gewerbe ein gemeinsames Finanzierungs- und Umsetzungskonzept erarbeitet.

Ein berufliches Netzwerk spielt eine „exorbitante Rolle“, dieser Meinung ist auch die Wirtschaftsförderung der Zukunftsinitative Altmühlfranken (ZIA).
„Durch Kontakte können Ideen ausgetauscht, Kunden generiert, Kooperationspartner gewonnen oder der Bekanntheitsgrad erhöht werden. Auch die Rekrutierung von geeigneten Arbeitskräften kann durch ein breites Netzwerk erleichtert werden.“ Es gebe im Landkreis durchaus verschiedene Netzwerke, sagt die ZIA, etwa die Wirtschaftsjunioren. Und mit dem kunststoffcampus bayern habe man einen Anlaufpunkt für Gründer im Bereich der Kunststoff- und Automobilzuliefererindustrie.

Außerdem werde gerade eine Kooperation mit dem Digitalen Gründerzen-
trum Ansbach angestrebt. „Ein Coworking-Space in Altmühlfranken ist eine Projektidee der Wirtschaftsförderung und könnte idealerweise eine Heimat am Technologie- und Studienzentrum in Weißenburg finden“, heißt es aus dem Landratsamt. „Entsprechende Pläne existieren, konnten jedoch aufgrund fehlender dauerhaft zur Verfügung stehenden Raumkapazitäten 2019 nicht umgesetzt werden.“

Stefan Neumüller aus Burgsalach ist Spezialist für Klimaanlagen-Konzepte.


Bis es so weit ist, hält die ZIA für Unternehmensgründer ein Beratungsangebot bereit. Da gebe es beispielsweise Unterstützung bei der Suche nach Gewerbeflächen und -immobilien, natürlich in enger Zusammenarbeit mit den Kommunen. Außerdem biete man zusammen mit der IHK Existenzgründerseminare an und gebe Broschüren rund um Gründerthemen an Interessierte weiter (allerdings fällt auf, dass sich darunter keine eigenen Publikationen und damit spezifisch regionalen Informationen finden). Auch die monatliche Beratung der Aktivsenioren sei „ein sehr beliebtes Angebot“, freut sich die ZIA. „Rund 120 Beratungen konnten so in den letzten Jahren durchgeführt werden.“ Zudem koordiniert das Landratsamt Treffen mit der LfA Förderbank Bayern, um Fördermöglichkeiten für Start-ups auszuloten.

Ein Angebot, das auch Stefan Neumüller angenommen hat. Weitergeholfen hat es ihm aber nur bedingt, sagt er – und Felix Durst und David Ziegler sind erst gar nicht auf die Idee gekommen, sich an das Landratsamt zu wenden. Was wünscht sich ein Gründer stattdessen?  „Reale Kontakte“, sagt Neumüller und landet wieder bei dem Netzwerk-Problem. Als er vor einigen Jahren an der Hochschule Ingolstadt an einem Existenzgründerseminar teilgenommen hat, gab es Vorträge von Steuerberatern, Patentanwälten, Webdesignern. Ähnliches kennen Ziegler und Durst aus München.

Aber warum ist es eigentlich so wichtig, Start-up-Unternehmen und Freiberufler in der Region zu haben? „Es geht um die Bildung neuer Cluster“, führt Felix Durst aus. Darum, nicht nur etablierte Branchen in einer Region auszubauen, sondern auch neue Zweige anzusiedeln. „Diese ziehen wiederum Subunternehmer und andere Firmen an und bilden dadurch ein neues Cluster.“

„Viele gute Leute
wollen hier bleiben und sich trotzdem beruflich verwirklichen.“

Der Landkreis weiß das natürlich auch. „Nur durch Ideenreichtum, Innovation und unternehmerischen Mut bleibt ein Wirtschaftsstandort zukunftsfähig“, erklärt die Wirtschaftsförderung der ZIA. Obwohl nicht aus jeder Gründung ein umsatzstarkes Unternehmen mit vielen Angestellten entstehen würde, sei der Stellenwert von Start-ups hoch zu bewerten, teilt das Landratsamt mit.

Doch geht es nicht um mehr als Arbeitsplätze und Gewerbesteuer-einnahmen? Für die jungen Unternehmer geht es vor allem darum, in der Region Altmühlfranken arbeiten und leben zu können. „Nicht jeder will ja nach Berlin ziehen, sondern viele gute Leute wollen hier bleiben und sich trotzdem beruflich verwirklichen“, sagt Tobias Wagner aus Absberg. Diese Menschen müsse man im Landkreis halten. Ähnliches sagt mir Stefan Neumüller: „Wir bilden Leute in der Schule aus, dann gehen sie weg zum Studieren und kommen nicht mehr zurück, obwohl sie vielleicht gerne hier wohnen und arbeiten würden. Stattdessen profitieren dann andere Regionen von diesen Leuten – die leben dort, essen dort, kaufen dort ein und gründen dort ihre Familien.“ Dabei lebt der Burgsalacher gerne hier, ebenso wie David Ziegler. „Das Besondere an unserer Region ist ja der hohe Freizeitwert, die Nähe zur Natur“, schwärmt der Unternehmer. Ein Start-up in Altmühlfranken: ein klares Bekenntnis zur Heimatregion also.

Miriam Zöllich WIKO

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