Donnerstag, 04.03.2021

|

zum Thema

„Ganz gleich, welche Szenarien man durchspielt, in 100 Jahren wird man die Erde kaum wiedererkennen

Ein Interview mit Zukunftsforscher Bernd Flessner - 27.04.2020 14:41 Uhr

Bern Flessner: „Statt fatalistisch, pessimistisch und passiv eine ungewisse Zukunft abzuwarten, sollte man sich prä- und proaktiv an der Gestaltung der Zukunft beteiligen.”

27.04.2020 © Andreas Riedel


Herr Flessner, Sie beschäftigen sich täglich mit der Zukunft? Macht Ihnen diese keine Angst?

Bernd Flessner: Bisweilen schon, denn die Art und Weise, wie wir Menschen mit der Erde umgehen, verringert die Möglichkeiten, unsere Zukunft zu gestalten. Der Klimawandel, die Ressourcenverknappung – Wasser inklusive – und die Vermüllung der Meere sind da nur die Spitze des Eisbergs. Andererseits sind dies genau die Entwicklungen, die dringend Korrekturen erforderlich machen. Und die wiede-
rum spielen wir in Szenarien durch.

Was ist der Trend der Zukunft?

Flessner: Was wir im Moment betreiben, hat der Philosoph Theodor W. Adorno als „Verwandlung der Welt in Industrie“ bezeichnet. Wir betreiben also eine Art Terraforming. Dies wird auch weiterhin Bestand haben, Landwirtschaft, Tourismus, Kultur und andere Formen der Industrie inklusive. In diesen Verwandlungsprozess werden wir auch das All einbeziehen. Auf dem Mond, dem Mars und Asteroiden werden wir Bergbau betreiben und produzieren. Die Grenzen des Wachstums werden wir soweit wie möglich hinauszögern. Es sei denn, wir geben diese Verwandlung auf, bevor die Natur zu einer musealen Kategorie wird, die menschliche Spezies inklusive. Anzeichen dafür gibt es bekanntlich. Eng mit diesem Trend verbunden ist ein großes Zukunftsproblem, nämlich die asymmetrische Verteilung der Gewinne, die aus dieser Verwandlung der Welt in Industrie resultieren. Die globale Gesellschaft steht vor wichtigen Entscheidungen.

Welche Ihrer Zukunfts-Vorhersagen war nicht zutreffend und hat sich als falsch herausgestellt?

Flessner: Ich mache ja keine Prognosen im engeren Sinn, sondern versuche mithilfe von Szenarien den vor uns liegenden Möglichkeitsraum zu beschreiben. Ich befasse mich also mit Zukünften, nicht mit der Zukunft. Sie ist nämlich nicht vorhersagbar, da sie offen ist. Andererseits enthalten diese Szenarien natürlich auch Prognosen, nur dass sie nicht konkret sind und andere Prognosen nicht ausschließen. Die häufigsten Irrtümer basieren auf der Fehleinschätzung von Zeithorizonten. Denn oft geht es ja nicht um die Frage, ob sich etwas ereignen wird, sondern wann es sich ereignen wird. Häufig irrt man sich auch in Bezug auf kulturelle oder soziale Erfindungen. Eine Erfindung allein – ob Auto, Inter-
net oder Smartphone – gibt ja keineswegs eine klare Nutzung vor. Diese ergibt sich später, ist schwer vorherzusehen und oft anders, als man gedacht hat. Wie sehr etwa das Smartphone die Rezeption von Konzerten verändert hat, war überraschend.

Wie oft irren sich Zukunfts-Forscher?

Flessner: Oft genug. Andererseits liegen sie auch oft richtig. Quantitativ lässt sich das nicht beziffern. Für viele prognostischen Irrtümer sind auch gar nicht Zukunfts-Forscher verantwortlich, sondern sogenannte involvierte
Experten, die sich gar nicht näher mit Zukunfts-Forschung befassen, sich
aber dennoch berufen fühlen, Prognosen abzugeben.

Beschäftigen Sie sich mit der nahen Zukunft oder fragen Sie sich, wie wir in 100 Jahren leben werden?

Flessner: Es geht in den Studien weniger um einen nahen Zeithorizont, sondern um 10, 20, 30 oder mehr Jahre. Ganz gleich, welche Szenarien man durchspielt, in 100 Jahren wird die Erde kaum wiederzuerkennen sein. Niemand aus unserer Zeit würde sich da zurechtfinden. Aber das zu skizzieren, würde den Rahmen sprengen.

Man hat das Gefühl, dass es ständig Neuerungen gibt; viele kommen da nicht mehr mit. Was raten Sie diesen Menschen?

Flessner: Der Hauptgrund ist natürlich, wie Odo Marquard es genannt hat, der „beschleunigte Wirklichkeitswandel“, der zu einer „tachogenen Weltfremdheit“ führt. Durch den beschleunigten Wandel wird uns die Welt fremd. Sie wird rasant komplexer und somit auch unbeherrschbarer, und das auch in einem objektiven Sinn. Ab einem gewissen Komplexitätsgrad verlieren wir die Kontrolle, während das System an Autonomie gewinnt. Manche Menschen verweigern sich dann auch noch der Komplexität und wenden sich simplen Erklärungsmustern zu, zu denen auch Verschwörungstheorien zählen. Das sind natürlich Sackgassen.

Was sollte man dann tun?

Flessner: Wir sollten versuchen, unsere Systeme und Projekte weniger komplex zu gestalten, damit sie beherrschbar bleiben. Und der einzelne Mensch sollte versuchen, sich besser und in seriösen Quellen zu informieren. Statt fatalistisch, pessimistisch und passiv eine ungewisse Zukunft abzuwarten, sollte man sich prä- und proaktiv an der Gestaltung der Zukunft beteiligen. Das beginnt schon beim Konsum. Durch die Änderung vertrauter Konsummuster können die Menschen das Verhalten von großen Konzernen ändern.

Gerade im Bereich des Konsums hat sich extrem viel verändert in den vergangenen Jahren…

Flessner: Die Innenstädte werden sich umfassend wandeln, Shopping Malls werden Event Malls weichen, die Gründe, eine Innenstadt zu besuchen, werden also andere werden. Es kommt darauf an, die Attraktivität unserer Innenstädte bewusst zu inszenieren. Gleichzeitig müssen sie mittels ÖPNV kostengünstig oder kostenlos erreichbar sein. Das Auto wird aus den Innenstädten verschwinden.

Wie wird sich unser Konsumverhalten ändern?

Flessner: Schon alleine der Klimawandel wird unsere Ernährungsmuster ändern. Hinzu kommt noch der Generationswechsel. Junge Menschen sehen die Komfortzone der älteren Generation verstärkt als Destruktionszone unserer Lebensgrundlagen. Der Wandel muss also nicht unbedingt per Legislative durchgesetzt werden, zumal die Politik in vielen Bereichen der Entwicklung hinterherhinkt.

Von der jüngeren Generation ging auch der Siegeszug des Smart-
phones aus. Welche Rolle werden die digitalen Alleskönner künftig spielen?

Flessner: Medien bedeuten heute für viele Menschen die Welt, ihre Welt, eine selektierte Welt. Das wird in 20 Jahren auch noch so sein, wenn wir die Medien und deren Eigenschaft, diese selektierten Welten zu generieren, nicht umfassender reflektieren. Wir haben noch nicht gelernt, kritisch mit den Medien umzugehen. Schaffen wir das nicht, werden wir in 20 Jahren in Fake News ertrinken. Wir sind aber dabei, es zu lernen. Dazu gehört auch, die heute üblichen Konsummuster zu verlassen und z. B. nicht nur Schlagzeilen und Teaser von Nachrichten zu lesen, nicht nur sekundäre oder tertiäre Informationen schnell und häppchenweise zu konsumieren. Wir lesen, was Journalisten oder Menschen, die sich als solche ausgeben, über wichtige Studien schreiben. Stattdessen sollten wir ab und zu einmal selbst einen Blick in eine Studie werfen.

Ohne gute, schnelle Internetverbindungen geht das nicht. Wir streben nach 5G, aber auf dem breiten Land gibt es vielfach noch nicht mal 3G. Haben Sie diesbezüglich gute Nachrichten für all diejenigen, die sich für ein Leben auf dem Dorf entschieden haben?

Flessner: Was technologische Entwicklungen angeht, sind wir ein sehr persistentes Land, also ein sehr träges, schwerfälliges Land. Der digitale Transformationsprozess ist das beste Beispiel. Er ist, wie gesagt, von manchen Politikern noch immer nicht verstanden worden. Somit bleiben die notwendigen Entscheidungen aus – seit Jahrzehnten. Das kann also noch dauern.

Wenn der Ausbau dann doch geschafft ist, wie wird sich das digitale Angebot für uns Laien verändern?

Flessner:Ein weites Feld. So oder so wird die Automatisierung weiter fortschreiten und viele Institutionen und Prozesse überflüssig machen. Algorithmen erstellen bessere Diagnosen als Ärzte und entwerfen bessere Häuser als Architekten. Die Zahl der Apps und Tools wird sich vervielfachen, den Anwendungen sind kaum Grenzen gesetzt. Hinzu kommen noch die sprechenden Assistenten aller Art. Schreitet die Entwicklung der KI weiter voran, kassiert eine KI irgendwann alle Apps und übernimmt alleine alle Aufgaben und Funktionen.

KI ist also nicht nur ein Hype?

Flessner: Das war KI schon immer, seit der Name auf der legendären Dartmouth Conference 1956 geprägt worden ist. Der Hype ist nur mal schwächer, mal wieder stärker. Dennoch: Die Fortschritte beim Deep Learning, bei künstlichen neuronalen Netzen sind beachtlich und können uns helfen, viele Probleme zu lösen und viele Prozesse zu automatisieren.

Welche Sorge verbinden Sie mit KI?

Flessner: Dass sie von Autokraten und Konzernen eingesetzt wird, den Bürger zu überwachen, zu kontrollieren und sein Verhalten vorauszuberechnen. Ein Schlüssel ist etwa die Gesichtserkennung. Die totale Überwachung wäre das ebenso totale Ende der Privatsphäre wie der Demokratie.

Regieren uns irgendwann intelligente Computer?

Flessner: Das hat die Gesellschaft zu entscheiden. Lässt sie es zu, könnte es so sein. Der Mensch lebt dann in einer intelligenten Technosphäre, die sein Leben in vielen Bereichen vorgibt. Entsprechende Szenarien gibt es. Aber natürlich auch andere, in denen KI ein sehr hilfreiches und nützliches
Instrument ist, ein sinnvoller Partner des Menschen.

In welchen Bereichen?

Flessner:KI kann uns vor allem helfen, besser mit den bereits erwähnten Komplexitätsproblemen fertigzuwerden. Sie könnte Lösungen aufzeigen, die wir alleine so nicht sehen können. Und sie wird die Automatisierung
vorantreiben und keineswegs nur Arbeitsplätze vernichten, sondern uns im Gegenteil von lästigen Arbeiten befreien. Sie führt nur fort, was Technik schon immer gemacht hat.

Der technische Wandel zeigt sich auch in der Mobilität. Wie wird sich die verändern? Wird sich das E-Auto durchsetzen?

Flessner: Der Mobilitätswandel wird stattfinden, jedoch langsamer, als lange Zeit gedacht. Industrie, Politik und Konsument kämpfen mit ihrer Persistenz, also mit einer tief verankerten Trägheit. Sie wird dafür sorgen, dass sich der Mobilitätswandel hinzieht. Aufzuhalten ist er aber nicht. Das gilt auch für das Fliegen. Natürlich werden und wollen wir weiterhin mobil bleiben. Nur müssen wir die entsprechenden Technologien wechseln, andere Treibstoffe wie Wasserstoff verwenden, die kein CO2 emittieren. Machbar ist das. Und je eher, je besser.

Kann es überhaupt eine Alternative zum Auto geben?

Flessner: Natürlich. Die entsprechenden Szenarien sind längst bekannt. Ein Modell ist ein moderner und kostenloser ÖPNV, On-Demand-Fahrzeuge inklusive. Das konventionelle Auto wird im Gegenzug immer teurer und kann immer weniger Straßen befahren, schon gar nicht in der Stadt. Die Mobilität bleibt dennoch weitgehend erhalten.

Neben Mobilität ist auch Wohnen ein großes Thema. Stirbt das Landleben aus?

Flessner: Wie gesagt, der ÖPNV muss neu erfunden und finanziert werden, das Land stärker integriert werden. Das gelingt zum Beispiel durch das urbane Outsourcen von Arbeit aufs Land. Dazu brauchen wir dort allerdings ein schnelles Internet.

Wie wichtig werden Vernetzungen im ländlichen Raum sein?

Flessner: Sehr, sehr wichtig, denn die zunehmende Urbanisierung bleibt ein starker Trend. Ein Gegentrend wäre eine gesellschaftlich gewollte Ruralisierung, die jedoch nur gelingt, wenn die rurale Infrastruktur an die der Stadt angeglichen wird. Auch das Dorf muss also neu erfunden werden.

Wir müssen also bereit sein, uns für Neuerungen zu öffnen. Wie wird sich das World Wide Web weiterentwickeln?

Flessner: Ein zweites Netz, ein Quantennetzwerk oder Quanteninternet, das auf Verschränkung basiert, wird bereits entwickelt. Es hat den Vorteil, sehr sicher zu sein.

Wie groß wird die Abhängigkeit vom Internet künftig sein?

Flessner: Noch viel umfassender und globaler. Die soziale und kulturelle Bedeutung wird weiter zunehmen.

Was ist der große Trend der Zukunft?

Flessner: Was wir im Moment betreiben, hat der Philosoph Theodor W. Adorno als „Verwandlung der Welt in Industrie“ bezeichnet. Wir betreiben also eine Art Terraforming. Dies wird auch weiterhin Bestand haben, Landwirtschaft, Tourismus, Kultur und andere Formen der Industrie inklusive. In diesen Verwandlungsprozess werden wir auch das All einbeziehen. Auf dem Mond, dem Mars und Asteroiden werden wir Bergbau betreiben und produzieren. Die Grenzen des Wachstums werden wir soweit wie möglich hinauszögern. Es sei denn, wir geben diese Verwandlung auf, bevor die Natur zu einer musealen Kategorie wird, die menschliche Spezies inklusive. Anzeichen dafür gibt es bekanntlich. Eng mit diesem Trend verbunden ist ein großes Zukunftsproblem, nämlich die asymmetrische Verteilung der Gewinne, die aus dieser Verwandlung der Welt in Industrie resultieren. Die globale Gesellschaft steht vor wichtigen Entscheidungen.

Wenn Sie eine Glaskugel hätten, was würden Sie darin gern sehen?

Flessner: Die Welt in 200 Jahren. Also zu jener Zeit, in der Star Trek spielt und Captain Kirk in den unendlichen Weiten unterwegs ist.

Zur Person: Bernd Flessner, geboren 1957 in Göttingen, studierte Theater- und Medienwissenschaft, Germanistik und Neuere Geschichte in Erlangen, Promotion 1991 bei Theo Elm über die Zukunftsentwürfe von Arno Schmidt und Stanislaw Lem, lehrt seit 2011 als Zukunfts-Forscher am Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen (ZiWiS) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

 

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus dem Ressort: WiKo