Sonntag, 18.04.2021

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Green Business im Landkreis – Ideen mit Perspektive

Nachhaltige Energieversorgung ist ein Megatrend. Wir haben uns im Landkreis umgesehen. - 26.03.2021 11:05 Uhr

Nachhaltige Energieversorgung

24.03.2021 © Envato Elements


„Schuld“ an dem Druck ist eine Einsicht, die nicht mehr weggehen wird: dass die Menschheit nämlich seit eineinhalb Jahrhunderten auf Pump wirtschaftet, dass sie Ressourcen schneller verbraucht, als sie entstehen, dass sie mit ihrer Art zu leben den Planeten aus dem Gleichgewicht bringt.

Wir wollen in dieser Geschichte aber nicht von schmerzhaften, aber keineswegs aussichtlosen Transformationsprozessen der alten Industrie erzählen, sondern den Blick auf diejenigen werfen, die sich gar nicht erst verändern müssen, um in die Zukunft zu passen. Wie ist Altmühlfranken im Bereich des neuen Green Business aufgestellt? 

Ortstermin bei drei Unternehmen der Region. Wir beginnen in Maicha und Heidenheim. In Orten, die ein wenig abseits liegen. Und das ist ganz passend, denn auch Heizomat, das in diesen beiden Orten ein kleines Imperium des Heizens mit Holz aufgebaut hat, war lange ein bisschen abseits. Als Robert Bloos senior das Unternehmen 1982 gegründet hat, war Heizen mit Holz mehr Vergangenheit als Zukunft. Heute hat das Unternehmen 270 Mitarbeiter, gerade zehn Millionen Euro in ein neues Gebäude investiert und muss im Moment den Export nach Kanada und Japan reduzieren, um auf dem deutschen und europäischen Markt hinterherzukommen.

„Potenzial am Markt hätten wir wahrscheinlich das Zehnfache, wenn ich auf die Bestellungen schaue“, sagt Robert Bloos junior und schnauft kurz durch. Er teilt sich die Geschäftsführung mit seinem Vater.  Und er stellt gerade wieder einmal fest, dass Erfolg auch anstrengend ist. Erst recht, wenn er der eigentlichen Leidenschaft im Weg steht, Dinge immer noch ein kleines bisschen besser zu machen. Durch Entwickeln, Tüfteln und Erfinden.

Heizomat

24.03.2021 © Heizomat


„Im letzten Jahr hatten wir kaum Zeit für Entwicklung und Innovation, weil wir uns um die Produktion kümmern mussten“, erzählt Bloos junior. „Aber wir haben gemerkt, dass das nicht gut für uns ist.“ Der Erfolg der Gegenwart kann dafür sorgen, dass der Erfolg der Zukunft zu kurz kommt. Dieses Jahr hat man sich fest vorgenommen, wieder mehr Zeit im Zukunftslabor zu verbringen.

Im Moment steht Heizomat international vor allem für zwei Dinge: Biomasseheizungen und Holzhackmaschinen. „Da sind wir einfach besser als die anderen“, sagt Bloos auf die Frage, wa-rum denn Kanadier Holzheizungen aus Maicha und Heidenheim bestellen. „Wir setzen auf Fertigung in Deutschland und hohe Qualität. Das überzeugt die Kunden.“ Außerdem können die „Heizomaten“ in vielen Fällen mehr als die Konkurrenz. Von Anfang an ging es Robert Bloos senior darum, eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu etablieren. In der wandern keine wertvollen Stämme in den Heizkessel, sondern Holzreste. Dieser Ansatz legte den Grundstein für robuste Heizungssysteme, die man mit den verschiedensten Materialien befeuern kann. „In Spanien haben wir Anlagen, die mit Olivenkernen betrieben werden, und in Afrika sind Kakaoschalen ein Riesenthema“, erklärt Robert Bloos junior. Längst geht es nicht mehr nur um Holzpellets, das in den Kesseln zu Energie gemacht wird, sondern viel allgemeiner um Biomasse. In Europa sind das etwa Rinde, Durchforstungsholz oder sogenanntes Straßenbegleitgrün, in anderen Ländern eben Olivenkerne oder Kakaoschalen.

Das klingt einfacher, als es ist. Was alles an technischen Klein- und Kleinst- Innovationen in den Heizomat-Anlagen steckt, ahnt man erst, wenn man sich durch die technischen Neuerungen liest, die in steter Regelmäßigkeit aus der Ideen-Werkstatt von Heizomat kommen. Die ist ein elementarer Teil des speziellen Erfolgs dieses Unternehmens. Denn Heizomat hat zwar eine eigene Entwicklungsabteilung, aber Ingenieur ist bis heute kein Einziger angestellt. „Wir sind immer noch ein Handwerksbetrieb“, sagt der Juniorchef. Und an dem Tonfall merkt man, dass man hier einen nicht verhandelbaren Punkt entdeckt hat, einen Teil der Heizomat-Identität.

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24.03.2021 © Giulia Iannicelli


Man kommt nicht von der klassisch deutschen Ingenieurs-Entwicklung, sondern aus dem gut ausgebildeten und klugen Handwerk. Hier wird weniger gerechnet und gezeichnet, hier wird gebaut, geschraubt und in der Praxis ausprobiert. „Das ist Learning by Doing mit Visionen“, formuliert der Junior das Geschäftsprinzip.

Bei dem setzt man vor allem auf Handwerker, die etwas können und dazulernen wollen. Allerdings gibt es die kaum mehr auf dem Arbeitsmarkt, weil immer mehr Jugendliche den Weg ins Studium wählen. „Wir kriegen im Monat 50 Bewerbungen von Studenten oder technischen Zeichnern, aber wir brauchen Schlosser, Schweißer, Schreiner, Lackierer, Maurer, Monteure …“, so Bloos.

Hinter den Kulissen ist man längst in der Entwicklung neuer Themen. Während die eigene Lkw-Linie eher eine Liebhaberei ist und man das automatisch drehende Solar-Paneel aus Kapazitätsgründen zurückgestellt hat, richtet man das Augenmerk auf eine der Techniken der Zukunft: die Speicherung von erneuerbaren Energien in Wasserstoff. „Da sind wir schon dran“, sagt Bloos. „Wir sind ja nicht mit dem Holz verheiratet, sondern unser Thema sind die Elemente, die uns Energie schenken.“

Ortswechsel, Besuch in Weißenburg, auf dem Werksgelände der Firma Ossberger am Rande der Weißenburger Innenstadt. Hier ist ein Weltmarktführer im Bereich der kleinen Wasserkraft zu Hause. Nirgends baut man Turbinen, die es besser verstehen, mit unterschiedlichen und schwankenden Wassermassen zurechtzukommen. Kein Kontinent, auf dem nicht Wasserkraft made in Weißenburg steht.

Und diese Energieform hat weltweit noch eine Menge Potenzial, wie Studien zeigen. Ihr großer Vorteil ist, dass sie planbares Energievolumen liefert.

Anders als Sonnenschein oder Windstärke lässt sich mit dem Durchstrom eines Gewässers vergleichsweise konstant rechnen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass dieses konstante Energievolumen auch dann anfällt, wenn es gar keine großen Abnehmer für diese Energie gibt, etwa nachts.

Hier kommt ein neues Geschäftsfeld ins Spiel, das man bei Ossberger in Weißenburg gerade in den Blick nimmt. Von der Wasserkraft zum Wasserstoff ist es nicht weit und Wasserstoff ist das Thema der Stunde. Die Bundesregierung hat milliardenschwere Förderpogramme aufgelegt, um Deutschland zum Wassrstoff-Land zu machen. Man glaubt, dass das Gas der Energieträger der Zukunft sein wird. Und die Bundesregierung ist ganz offenbar nicht die Einzige, die diesen Glauben pflegt. An den Börsen begeistern sich Anleger gerade nahezu blind für alles, was mit dem Gas zu tun hat, aus dem die Träume sind.

Das hat einen nachvollziehbaren Grund: Wasserstoff verbrennt nahezu emmissonsfrei und ist zudem fast endlos vorhanden. Der Traum von der grünen, von der nachhaltigen, von der dekarbonisierten neuen Wirtschaft scheint greifbar. Ein verlockendes Szenario, weil es nahelegt, dass man doch gar nicht so viel ändern müsste, wenn man nur den Grund-
energieträger austauscht. Wasserstoff statt Erdöl und die Sache ist erledigt?

So einfach ist es allerdings nicht. Die Sache hat einen nicht unerheblichen Haken. Wasserstoff kommt nahezu ausschließlich in gebundener Form vor. Und zwar als H2O, also Wasser. Um ihn aus dieser Verbindung zu lösen, braucht es Energie. Erheblich mehr Energie als man nachher über die Verwertung des Wasserstoffs in einer Brennstoffzelle wieder zurückbekommt. Ist die Wasserstoffwirtschaft also im Grunde eine dumme Idee?

Natürlich nicht, sie muss aber richtig aufgezogen werden. Und damit wären wir wieder in Weißenburg und bei der Firma Ossberger. „Die Wasserstoffwirtschaft macht nur dann Sinn, wenn man den Wasserstoff auch mit nachhaltigen Energien erzeugt“, erklärt Geschäftsführer Dr. Karl-Friedrich Ossberger. Bei diesem Ansatz bleiben die erneuerbaren Energien – Wind, Sonne, Wasser – die eigentliche Rettung, aber Wasserstoff ist das Medium, das die Speicherung dieser Energie ermöglicht. Eine Art Batterie in Gasform. Nur dass man für die Produktion dieser „Batterie“ nicht endliche Rohstoffe verbraucht, tonnenweise CO2 und Müll produziert, von dem man noch nicht so recht weiß, wie man ihn entsorgt.

Ossberger denkt nun über dezentrale Wasserstoff-Produktionsanlagen nach, die mit den eigenen Wasserkraftwerken gekoppelt sind. Tagsüber wird der Strom von den Besitzern der Turbinen selbst genutzt oder zu guten Preisen ins Stromnetz eingespeist, nachts aber, wenn den Strom keiner haben will, nutzt man ihn für kostenlose Produktion von Wasserstoff. Mit dem kann man dann die eigene Fahrzeugflotte betreiben, ihn an Wasserstofftankstellen verkaufen oder auch gleich selbst eine eröffnen. Firmenchef Ossberger ist mit Nachdruck an dem Thema dran und baut sich ein Netzwerk, das erste Impulse für die Entwicklung geben soll. „Dass das Zentrum für Wasserstoff in Bayern in Nürnberg beheimatet ist, bietet gute Chancen für Kooperationen“, ist Ossberger überzeugt. Zumal sein Unternehmen bereits zweimal bewiesen hat, dass man sich aus eigener Innovationskraft heraus diversifizieren kann. Man gründete in den vergangenen Jahrzehnten mit der Kunststoff- und der Oberflächentechnik zwei Bereiche fast aus dem Nichts, die heute längst eigenständig funktionieren und wichtige Teile des Unternehmens sind.

Warum sollte das in einer Weiterentwicklung im historischen Kernbereich der Firma nicht funktionieren, wo man in Sachen Know-how so gut aufgestellt ist wie kaum einer auf der Welt? Und das noch in einem Gebiet, in dem gerade nichts weniger als die Zukunft der weltweiten Wirtschaft verhandelt wird.

Dezony

24.03.2021 © Andreas Benz


In Gunzenhausen kümmert man sich im Moment eher um die Zukunft des Individualverkehrs, die man nicht im Wasserstoff, sondern in der E-Mobilität zu Hause sieht. 2018 hat sich in der Altmühlstadt das Start-up Dezony gegründet. Die Idee: eine intelligente Ladestation für Einfamilienhäuser, die die Energiewende vom Dach in den Tank bringt. „Das Zuhause ist unsere Nische“, erklärt Marco Schomber, der zusammen mit Rüdiger Sonntag und Davide Di Bella als Gründer hinter dezony steht. „Der Markt bei den Ladesäulen im öffentlichen Bereich kommt stark, da sind auch große Unternehmen schon drin. Aber da wurden vor allem Allzwecklösungen entwickelt“, analysiert Schomber. „Unser System aber ist von der ersten Schraube bis zum letzten Algorithmus ausschließlich auf das Einfamilienhaus ausgelegt.“

Klingt gut, aber gibt es zu Hause nicht schon eine Vorrichtung, aus der Strom kommt und mit der man E-Autos laden kann? Besser bekannt als Steckdose? Schomber lacht, er hört diesen Einwand nicht zum ersten Mal. Dann beginnt er schnell und strukturiert mit der Erklärung, warum die Dezony-Ladestation von einer Steckdose so weit entfernt ist wie die Fackel von der LED.

Beginnen wir bei der Strommenge. „Früher konnte man sein E-Auto wirklich noch mit der Steckdose laden, aber mittlerweile sind die Akkus so groß, dass man da teilweise 40 Stunden bräuchte.“ Bald kamen deshalb die ersten sogenannten Wallboxen auf den Markt, die E-Auto-Ladungen mit Starkstrom zu Hause möglich machten. „Die sind dann einfach stur mit 11 kW ins Auto, komme, was da wolle.“

Hier setzt Dezony an. Ihre Ladestation ist nämlich nicht nur eine technische Einrichtung zur Abgabe von Strom, sie ist auch eine umfangreiche und komplizierte Softwarelösung. Die zielt vor allem darauf ab, eigenen Strom in die Autobatterie zu bekommen. Mit Photovoltaik auf dem Dach wird die Dezony-Station zur Solar-Tankstelle. Und zwar ohne – für den Hausbesitzer teuren – Umweg über das allgemeine Stromnetz.

„Unsere Station ist intelligent, das heißt, sie kommuniziert mit der PV-Anlage auf dem Dach und dem Speicher im Keller“, erklärt Schomber. So viel wie möglich eigener Strom, so wenig wie möglich Netzstrom soll im Akku landen.

Aber das ist nicht alles an Intelligenz, was die Säule zu bieten hat. Denn eines der Hauptprobleme der individuellen E-Mobilität wird die Kapazität der Stromversorgung auf den letzten 200 Metern sein. Also von der Trafostation ins Einfamilienhaus. Schomber: „Auf der Strecke sind die Energieversorger praktisch blind.“ Nicht unproblematisch, denn wenn in einigen Jahren in einer Wohnsiedlung am Abend die Hälfte aller Autos 20 Kilowatt aus ihrem Starkstromanschluss ziehen, kann es in der Straße schnell dunkel werden.

„Wir haben die Technik und die Software, das zu verhindern, weil unser
System auch in die Richtung kommunizieren kann“, so Schomber. Eine Sache, die auch für lokale Energieversorger noch sehr spannend werden kann. Wie genau die technischen und die Softwarelösungen für ihre Dezony- Station aussehen, dazu wollen sich die drei Gründer nicht äußern. 

Das ist zentrales Geschäftsgeheimnis. Fakt ist, dass Technik und Software funktionieren: Es gibt bereits eine Testanlage in Gunzenhausen. Jetzt muss der fertige Prototyp noch für die serielle Fertigung fit gemacht und ein Vertriebssystem aufgebaut werden. „Dazu braucht es Geld und einen Investor“, erzählt Schomber. 700.000 Euro will man einsammeln, um diese Schritte gehen zu können.

Und es sieht gut aus. „Wir haben bereits einen an Bord, nun brauchen wir noch einen zweiten. Wir gehen davon aus, dass wir das in den nächsten Monaten closen können“, so der Gunzenhäuser Unternehmer. Schon im dritten oder vierten Quartal soll die Ladestation als Ergänzung zur PV-Anlage auf dem Dach dann auf dem Markt sein. Im Vertrieb will man auf Automobilkonzerne, PV-Installateure und Online-Portale setzen. Auch hier laufen die Gespräche.

„Produktion und Firmensitz sollen in Gunzenhausen sein“, stellt Schomber klar. „Wir alle drei kommen aus Gunzenhausen und wir wollen hier zeigen, dass man als Start-up auch auf dem Land erfolgreich sein kann.“  Ein Nachteil sei ein möglicher Sitz auf dem Land nicht. „Im Gegenteil: Wir haben es nicht weit nach Nürnberg, München und Augsburg und es gibt schon starke Industrie im Kunststoff.“ Und außerdem ist die Region einfach wunderschön, sagt Schomber und lacht. Wenn es an etwas fehlt, dann vielleicht an guten Strukturen für Gründer. Aber da wollen sie ja jetzt mit gutem Beispiel vorangehen. Mit einer Ladestation, die die Energiewende nach Hause bringt und die der Beginn eines dezentralen, intelligenten Stromnetzwerks sein könnte.

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