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Lieber künftiger Arbeitgeber … 

Die WIKO-Projektklasse durfte ihre Utopie vom perfekten Unternehmen entwickeln - 08.04.2021 08:07 Uhr

Ermutigung zum „Herumspinnen“ in der Schule: Die WIKO-Projektklasse durfte ihre Utopie vom perfekten Unternehmen entwickeln

08.04.2021 © WIKO


Der Wirtschaftskompass Altmühlfranken hat genau das herausfinden wollen und daher die WIKO-Projektklassen gestartet. Abschlussklassen von der Gunzenhäuser Wirtschaftsschule und der Weißenburger Mittelschule wurden ausgewählt und sollten während der Projektstunden ihre ganz persönliche Utopie vom idealen Arbeitsplatz entwickeln. „Es ist eine richtig gute Idee, dass die Arbeitgeber erfahren: Wie tickt denn eigentlich so ein Jugendlicher? Diese Stimmen sollten gehört werden“, findet Wolfgang Förtsch, Schulleiter der Wirtschaftsschule Gunzenhausen.

Der Wirtschaftskompass ist – so selbstbewusst darf man sein – durchaus eine geeignete Plattform, um sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Bietet es doch den Schülerinnen und Schülern eine recht gute Übersicht zum regionalen Arbeitsmarkt. „In unserer Schule haben wir mit dem Magazin schon sehr intensiv gearbeitet“, bestätigt auch Markus Scharrer, Schulleiter der Weißenburger Mittelschule. Er konnte beobachten, dass die Jugendlichen den persönlichen und realen Bezug zur lokalen Wirtschaft begeistert angenommen haben. „Gerade in unserer Schulart ist es am realistischsten, dass die jungen Leute nach dem Abschluss in der Region bleiben. Darum ist es wichtig, dass sie die örtliche Wirtschaft kennen – aber auch, dass die Betriebe unsere Schule und unsere Schüler kennen.“ Und auch, dass die Gunzenhäuser Wirtschaftsschule an dem Projekt teilnimmt, passt für Wolfgang Förtsch gut in ihr Gesamtkonzept. „Praxisbezogene Arbeit und praxisbezogenes Unterrichten ist ein Wesenszug unserer Schule, wir haben an vielen Stellen immer wieder Bezug zur lokalen Wirtschaft.“ Gerade in der jetzigen Zeit, in der zum Beispiel die Berufsausbildungsmesse abgesagt werden musste, ist das eine Möglichkeit, wie die Unternehmen mit potenziellen Azubis und Fachkräften in Kontakt kommen können, hat auch WIKO-Projektleiter Kevin Ruff festgestellt. „Genau deswegen ist der Wirtschaftskompass  für uns viel mehr als nur ein Magazin. Es ist ein Netzwerk der lokalen Wirtschaft mit einem ganz besonderen Spirit, und dazu gehören selbstverständlich auch die Arbeitnehmer von morgen.“

Einfach mal rumspinnen

Die WIKO-Projektklasse soll diesen Austausch und die Beschäftigung junger Menschen mit der lokalen Wirtschaft nun noch weiter vertiefen. Regelmäßig durften die Schülerinnen und Schüler nun in einer Schulstunde eigenständig ihre Visionen und Vorstellungen vom idealen Unternehmen erarbeiten. Und zwar mit möglichst wenig Einmischung der Lehrkräfte. „Wir lassen uns überraschen“, freute sich Wolfgang Förtsch, Schulleiter der Wirtschaftsschule Gunzenhausen, auf die Ergebnisse. Er wünschte sich, dass die Jugendlichen „einfach mal das Spinnen anfangen“. Aus der Erfahrung weiß er, dass man gerade aus solchen Spinnereien am Ende eine konkrete Idee in der Hand hat. Neue Impulse aus den SchülerInnen herauskitzeln, sie ermutigen, kreativ und neu zu denken – das alles erblüht gerade in solchen Projektformaten abseits des Regelunterrichts.

Freilich haben die pandemiebedingten Einschränkungen des Unterrichts teilweise einen Strich durch die Rechnung gemacht und den Schulalltag ordentlich durcheinandergewürfelt. An der Weißenburger Mittelschule haben mehrere Quarantänefälle und der Lockdown das intensive Arbeiten mit dem Projekt fast im Keim erstickt, sehr zum Bedauern von Schulleiter Markus Scharrer. Er ist überzeugt, dass die jungen Leute am Ende spannende Ergebnisse im WIKO hätten präsentieren können. „Wenn man ihnen diese Möglichkeit gibt, können sie sehr kreativ sein“, weiß er.

Scharrer nutzt gerne Chancen an seiner Schule, um die Lernkultur ein wenig zu verändern und das Selbstbewusstsein der Mittelschule zu stärken. Bei ihm rennt man mit solchen Projekten parallel zum regulären Lehrplan offene Türen ein. Weit offene Türen. So gibt es an der Mittelschule etwa seit Jahren eine erfolgreiche Schülerfirma, in der Produkte wie Flaschenöffner und Schmuck hergestellt und verkauft werden. Über den Daumen gepeilt einmal im Monat findet eine Schülervollversammlung statt, die von den Jugendlichen selbst initiiert und zu einem selbst ausgewählten Thema gestaltet wird. In der Mountainbike-AG, gemeinsam mit Velovita (S. 6), treffen Sport und Fahrrad-Know-how aufeinander. Und einmal im Jahr steigt mit „Miniwug“ ein riesiges Planspiel-Projekt, in dem die Kinder und Jugendlichen die regionale Wirtschaft für eine Woche nachstellen. Sie erwirtschaften Spielgeld und bringen es in den Wertschöpfungskreislauf ein. Der Schulleiter glüht für diese Art von lebensnahem Vermitteln: „In dieser einen Woche lernen manche Schüler mehr als in einem ganzen Schuljahr.“

Nette Kollegen sind sehr wichtig

Die WIKO-Projektklasse in Gunzenhausen hatte mehr Glück und es sich nicht nehmen lassen, ihre Utopie vom perfekten Arbeitgeber zu entwickeln. Zunächst wurde grundlegend erfragt, wie es für die Jugendlichen nach dem Abschluss weitergeht. Mehr als drei Viertel der 20 SchülerInnen haben bereits konkrete Pläne: Sie beginnen Ausbildungen im kaufmännischen Bereich, im gewerblich-technischen Bereich, im sozialen Sektor oder in der Pflege oder gehen auf eine weiterführende Schule. Zwei Branchen hingegen sind in der WIKO-Projektklasse in keinem konkreten Zukunftsplan enthalten: die Landwirtschaft und die Gastronomie beziehungsweise Hotellerie.

Leider sind nicht alle künftigen Jobs auch im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen: Nur knapp ein Drittel der SchulabgängerInnen  der Projektklasse bleibt hier, der Rest geht nach Ansbach, Roth-Schwabach oder anderswohin. Nur das Donau-Ries scheint kein beliebter Standort zu sein – dorthin verschlägt es niemanden aus der WIKO-Klasse. Generell sind die Jugendlichen bereit, für den Traumjob ihre Zelte abzubrechen: Von den 20 Befragten wären acht bereit, den Landkreis dauerhaft zu verlassen, vier würden auch das Bundesland wechseln und drei sogar Deutschland den Rücken kehren. Nur fünf sähen es als Option, für den Job zu pendeln. Hier kann man eine wichtige Botschaft an die Wirtschaftsregion Altmühlfranken herauslesen: Sich nahbar und attraktiv für hier aufgewachsene und ausgebildete junge Leute zu präsentieren, kann langfristig Arbeits- und Fachkräfte im Landkreis halten.

Interessant wird es bei der Frage, was die Teenager von ihrem Traumjob erwarten. Denn nicht etwa ein gutes Gehalt oder Aufstiegschancen sind die wichtigsten Faktoren. Mehr als ein Drittel der Befragten gab an, dass ein sicherer Arbeitsplatz am wichtigsten ist, gefolgt von netten Kollegen bzw. einem guten Arbeitsklima (ein Viertel). Berechnet man die Zweit- und Drittstimmen aus der Umfrage mit hinein, sind nette Kollegen sogar auf Platz eins – noch vor dem guten Gehalt, das immerhin im Durchschnitt aller Priorisierungen dann auf Platz zwei landet (siehe Grafik). An dritter Stelle der Gesamtnennungen kommt die Nähe zu Freunden und Familie – viele Jugendliche scheinen eine gute Portion Heimatverbundenheit mitzubringen. 

Die Schülerinnen und Schüler formulierten zudem eine Art „Wunschzettel“ an die künftigen Arbeitgeber. Etwas, das im „richtigen“ Leben natürlich undenkbar wäre: bei einer Bewerbung einfach mal einen Wunschzettel abgeben, was man sich vom Unternehmen erwartet. Doch in der WIKO-Projektklasse darf gewünscht werden. Im gewerblichen und kaufmännischen Bereich stehen ganz oben auf der Liste: regelmäßige Mitarbeitergespräche, ein gutes Arbeitsklima,  nette Kollegen, flexible Arbeitszeiten und „coole“ Firmenevents. Außerdem bezahlte Weiterbildungsmöglichkeiten, Aufstiegs- chancen und finanzielle Anreize wie etwa Leistungsprämien, Urlaubsgeld, ein Firmenwagen oder Fahrradleasing. Außerdem eine breite Ausbildung mit Einblick in unterschiedliche Bereiche, kurzum: Spaß und Abwechslung im Beruf.

Im Bereich Soziales und Pflege zeigt sich anhand der Wunschliste deutlich, wo die Knackpunkte in dem Sektor liegen: Es geht um Wertschätzung und Finanzielles. Die künftigen ArbeitnehmerInnen stellen sich einen sicheren Arbeitsplatz mit besserer Bezahlung vor, eine Fahrtkostenerstattung (etwa für die Aus- und Weiterbildung) oder auch regelmäßig neue Arbeitskleidung. Auch eine größere Flexibilität bei den Arbeitszeiten und Vereinbarkeit von Beruf und Familie stehen auf dem Wunschzettel. Das Miteinander im Team sollte kollegial sein und der Chef oder die Chefin sollte „nicht nur anschaffen, sondern mitarbeiten“.

Und dann wurden schon auch spezielle Wünsche genannt. Etwa ein schöner Arbeitsplatz, im Sinne von ansprechend gestaltet. Rücksicht auf die Umwelt,  Verwendung neuer Technologien und Homeoffice. Eine gute Work-Life-Balance ohne Wochenendarbeit, dafür aber mit Berücksichtigung familiärer Belange und Arbeitszeiten, die sich dem Lebensalter beziehungsweise Lebensabschnitt anpassen. Mehr Akzeptanz für Piercings und Tattoos stehen auf dem Zettel. Und: kostenlose Pizza als Belohnung einmal in der Woche. Wunschzettel ist halt Wunschzettel. Unterm Strich aber zeigt sich: Das, was sich die meisten jungen Menschen von ihrem künftigen Job wünschen, sind eigentlich alles andere als unmögliche Utopien. Sondern selbstbewusste, ehrliche Wünsche an die Arbeitswelt.

Das „echte Leben“ in die Schule bringen

Auch wenn es mit der WIKO-Projektklasse heuer aufgrund von Corona nicht geklappt hat: Die Kinder auf diese Arbeitswelt und das Leben überhaupt vorzubereiten, sieht Weißenburgs Mittelschule generell als ihre wichtigste Aufgabe. „Das ist das echte Leben, und das müssen wir in die Schule reinbringen“, ist Schulleiter Markus Scharrer überzeugt. „Wir sind doch so entscheidend für die Biografie unserer Schüler.“ Um immer wieder neue Ideen zu entwickeln, wie man den Lehrplan anreichern könnte, ist die Mittelschule auch recht umtriebig in Sachen Netzwerken. Durch die Bildungspartnerschaft mit der Hermann Gutmann Stifung steht man in Kontakt mit 15 weiteren Schulen in ganz Mittelfranken, die Aufnahme in die Deutsche Schulakademie brachte auch einen „ordentlichen Schub“, freut sich Scharrer. Wenn er einen Wunschzettel schreiben dürfte, stünde darauf wohl ein Umdenken in der Bildung – weg vom Notendruck, hin zum Menschen als Ganzes. „Ich bin überzeugt: Die Arbeitswelt braucht kreative Leute, kritikfähige Leute. Menschen, die über Resilienz verfügen, mit Leidenschaft, Visionen, Mut und guter Selbsteinschätzung.  Alles andere werden künftig Algorithmen übernehmen.“

 

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