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Die Suche nach dem Traumjob - 18.05.2020 09:43 Uhr

Die Suche nach dem Traumjob © shutterstock/Maridav


Nervöses Fußwippen, schwitzende Hände. Prüfende Blicke, ein Räuspern. Vorstellungsgespräche gehören zu den eher unbeliebten Situationen in der beruflichen Laufbahn, und es gibt unzählige Tipps für Bewerber, wie man sich beim Chef in spe ins beste Licht rückt und den Traumjob ergattert. Das nötige Know-how wird in Bewerbungstrainings, Knigge-Regeln und Ratgebern vermittelt.

Aber: Braucht’s das tatsächlich? „Viele der Arbeitgeber in unserer Region
haben bereits verstanden, dass sie mit einem Bewerbermangel konfrontiert sind. Der Arbeitsmarkt hat sich verändert. Insbesondere bei Fachkräften und Berufsbildern mit Studienabschluss sind Bewerber mittlerweile in einer stärkeren Position – und auch der Arbeitgeber muss sich attraktiv darstellen“, weiß Volker Ritter.

Der Diplom-Psychologe arbeitete bereits für Volkswagen im Bereich Personalentwicklung, mittlerweile ist er selbstständiger Berater und Personalcoach mit Sitz in Ellingen. Er unterstützt Unternehmen in Altmühlfranken, aber auch in ganz Deutschland im Auswahlprozess neuer Mitarbeiter.

Das Finden von Personal ist eine große Herausforderung für die Unternehmen geworden. Fehlbesetzungen oder offene Stellen können sogar zum Pro-blem werden: „Dann können eventuell Projekte und Aufträge nicht erfüllt werden oder ich muss Service einschränken – ein für alle gut sichtbares Beispiel sind etwa gekürzte Öffnungszeiten im Bereich Hotellerie und Gastronomie.“

Diplom-Psychologe Volker Ritter


Eine gute Nachricht also für alle, die sich auf Jobsuche befinden: Engagierte Mitarbeiter werden auf dem hiesigen Arbeitsmarkt in den unterschiedlichsten Branchen händeringend gesucht. „Und es muss nicht immer der Bewerber sein mit lauter Einser im Zeugnis – er muss in seinen Interessen, seinen Grundfähigkeiten und seiner Motivation zum Unternehmen passen“, betont der Experte. Das bestätigt auch eine
Umfrage des Staufenbiel-Instituts unter 300 Personalern aus dem Jahr 2017: Darin gaben 100 Prozent der Befragten an, dass Eigeninitiative und Einsatzbereitschaft die wichtigsten Soft Skills eines Bewerbers sind. Und praktische Erfahrungen finden mehr als drei Viertel der Personaler wichtiger als einen sehr guten Abschluss.

Die Suche nach der perfekten Arbeitsstelle ist  also ein bisschen mit der Partnersuche vergleichbar. Nicht mehr einer bewirbt sich um die Gunst des anderen, sondern beide – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – lernen sich kennen und schauen, ob sie zusammenpassen und eine gemeinsame Zukunft haben. „Am besten sucht man zuerst den persönlichen Kontakt, etwa durch ein Telefonat oder ein Praktikum“, rät Volker Ritter. 

„Gerade für Azubis ist etwa die Ausbildungsmesse BAM eine gute Anlaufstelle, oder man unterhält sich mit Leuten, die bereits im Unternehmen oder in der Branche arbeiten“, so Ritter. „Das ist in unserer Region ja nicht schwer, da mit Menschen in Kontakt zu kommen – man kennt immer irgendjemanden.“

Natürlich gibt es aber einige Schnitzer, die man sich im Bewerbungsprozess nicht leisten sollte. Sorgfalt ist wichtig: Im Anschreiben sollten natürlich Firmenname und Ansprechpartner stimmen, auch Rechtschreibfehler werden nicht gerne gesehen. Für mehr als die Hälfte der befragten Personaler aus der Staufenbiel-Umfrage wäre das schon ein K.-o.-Kriterium. „Ich fände es zum Beispiel unpassend und auch irritierend, wenn man eine schriftliche Bewerbung als ungesichertes Word-Dokument verschickt – vor allem, wenn man sich für eine Stelle im kaufmännischen Bereich oder in der Verwaltung bewirbt“, nennt Ritter als weiteres Beispiel. Besser ist es, eine PDF zu verschicken oder einen Scan.

Im persönlichen Gespräch mit dem potenziellen Arbeitgeber sollte der Bewerber natürlich interessiert und aufmerksam sein und auf die gestellten Fragen auch prägnant antworten. „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass der Arbeitgeber mit der Personalentscheidung ein Risiko eingeht: Er holt jemanden an Bord und investiert in ihn. Das sollte ich dann als Bewerber auch entsprechend würdigen und mich respektvoll verhalten.“

Eine untergeordnete Rolle spielt hingegen die Kleidung beim Vorstellungsgespräch. „Da geht mittlerweile sehr viel, aber natürlich darf man mit seiner Kleidung niemanden verschrecken. Man sollte sich der Branche entsprechend kleiden, aber auch authentisch auftreten“, rät Volker Ritter. „Und wenn man sich bei einer Bank vorstellt, sich aber in Anzug oder Kostüm unwohl fühlt, sollte man sich fragen, ob das dann überhaupt der richtige Job für einen ist.“

Und was antwortet man auf die klassische Frage im Vorstellungsgespräch nach den persönlichen Schwächen? „Die Frage ist eigentlich nicht sehr professionell und gibt wenig Aufschluss über den Bewerber“, gibt der Personalexperte zu bedenken. „Denn kaum einer liefert sich ja selbst ans Messer.“ Auch der viel gehörte Tipp, Stärken als vermeintliche Schwächen auszugeben, ist nicht zielführend und liefert ja keine ehrlichen Antworten. Wenn aber die Frage doch kommt: „Dann könnte man zum Beispiel mögliche Lücken in seinem Lebenslauf erklären“, schlägt Volker Ritter vor. „Warum man da eine Lücke hat, was man gemacht hat – und was man daraus gelernt hat.“

Wie schon erwähnt, muss aber auch der Arbeitgeber seine Stärken in die Waagschale werfen und dem Bewerber das Unternehmen schmackhaft machen. Wichtig ist es auch hier, mit offenen Karten zu spielen und dem Arbeitnehmer nicht etwas zu verkaufen, was man nicht einhalten kann, warnt der Experte.

Und wenn dann nach all den strategischen Überlegungen und objektiven Faktoren auch noch die zwischenmenschliche Ebene stimmt, steht dem Traumjob nichts mehr im Weg.

Miriam Zöllich WIKO

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