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Und plötzlich ging es doch

Die Corona-Pandemie gibt dem Homeoffice einen ordentlichen Schub - 21.04.2021 10:04 Uhr

Die Corona-Pandemie gibt dem Homeoffice einen ordentlichen Schub. Doch die anfängliche Euphorie weicht der Erkenntnis: Die Erfahrungen sind vielfältig, das Meinungsbild diffus, und das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen.

21.04.2021 © envato elements


Wer jetzt denkt, das liegt an der ländlichen Struktur im beschaulichen Altmühlfranken, hat weit gefehlt: Auch bundesweit war die Arbeit von zu Hause bis 2020 nur eine Randerscheinung. Die Hans-Böckler-Stiftung forscht seit Jahren zum Thema Homeoffice. Und trotz des technischen Fortschritts konnten vor Corona gerade einmal vier Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland die Flexibilität genießen, ihren Job von zu Hause aus zu erledigen.

Warum das so ist, lässt sich halbwegs valide mutmaßen. Kein Chef und keine Chefin gibt gerne zu, in Wirklichkeit nicht genug Vertrauen in die Eigenverantwortlichkeit der Mitarbeiter zu haben. Dass Arbeitgeber gerne die Kontrolle behalten wollen, erfährt man aber durch sekundäre Daten: So hat die Hans-Böckler-Stiftung festgestellt, dass die Hersteller von Überwachungssoftware derzeit hohe Zuwachsraten verzeichnen. Und in einer  Umfrage aus Prä-Corona-Zeiten gaben 70 Prozent der Arbeitnehmer an, sie würden nicht von zu Hause aus arbeiten, weil „Vorgesetzte Anwesenheit erwarten“.

Hört man sich in Altmühlfranken um, so bestätigen Angestellte aus unterschiedlichsten Branchen diesen Eindruck. Da war Homeoffice in den Chefetagen gar nicht gern gesehen. Körperliche Abwesenheit wurde nur in seltenen Ausnahmefällen mal toleriert oder mit ein bis zwei Tagen pauschal im Monat gedeckelt. „Die denken halt, wir tun daheim weniger“, so die Einschätzung. Dann kam das Virus und mit ihm der erste Lockdown, was wie ein Brandbeschleuniger für die mobile Arbeit wirkte. Fast ein Drittel  der deutschen Arbeitnehmer wechselte ins Homeoffice. Auch in Weißenburg-Gunzenhausen wurde hektisch umgestellt, Amro und andere IT-Dienstleister konnte sich vor Kundenanfragen kaum retten. Glücklicherweise ist der Schritt zum mobilen Arbeiten nur klein, wenn die IT von vornherein professionell aufgesetzt wird.

Ein Beispiel: Das Landratsamt startete bereits 2019 eine einjährige Testphase mit zehn Beschäftigten zum mobilen Arbeiten, um erste Erfahrungen zu sammeln. „Ziel war es, technische, organisatorische und rechtliche Fragestellen zu klären“, erläutert die Behörde. Wohl auch dank dieser Vorarbeit konnte in der Corona-Krise die Zahl der Arbeitsplätze im Homeoffice verzehnfacht werden, etwa 100 MitarbeiterInnen im Landratsamt – also mehr als ein Fünftel – können derzeit mit Laptops von zu Hause aus arbeiten. Da ist allerdings noch Luft nach oben: Es könnten noch mehr Sachbearbeiter ins Homeoffice wechseln, wenn Anträge nur noch digital gestellt, bearbeitet und zugestellt werden könnten. Wenn also auch die gesamte Aktenführung digitalisiert wird.

„Am Homeoffice-Standort der Mitarbeiter muss ein geeigneter Internetanschluss zur Verfügung stehen, was selbstverständlich Grundvoraussetzung ist“, räumt Pressesprecherin Claudia Wagner ein. Dass es im Landkreis stellenweise noch Probleme mit Breitbandversorgung gibt, hat auch Amro-Chef Reutelhuber festgestellt. Aber das seien Einzelfälle. Im Großen und Ganzen habe man für die meisten Unternehmen die Arbeitsplätze zu Hause schnell realisieren können. Eigentlich erschreckend, wie schnell und umkompliziert die Umstellung auf Homeoffice technisch dann doch einzurichten war – also scheinen die Hürden zuvor tatsächlich eher im „Wollen“ als im „Können“ gelegen zu haben.

War vor Corona das Arbeiten zu Hause ein schwer zu erreichendes Ideal, so zeigen sich nun, da man es vorläufig erreicht hat, zwar die vielen Vorteile – aber auch ein paar Probleme. Die guten Nachrichten zuerst: Profitieren können vom Homeoffice vor allem Pendler. Wer im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen wohnt und einen Arbeitsplatz in Nürnberg hat, kann ein Klagelied davon singen, wie viel Lebenszeit im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke bleibt. Sei es im Stau auf der A6 oder wartend an der Bahnsteigkante, weil mal wieder ein Zug Verspätung hat. Die vormaligen Pendler berichten, dass sie nun im Homeoffice viel entspannter an die Arbeit gehen und glücklich über die gewonnene Lebenszeit sogar freiwillig noch die eine oder andere Überstunde dranhängen. Ganz klar: ein Punkt fürs Arbeiten von zu Hause.

In der Gesamtbetrachtung ist das ein Vorteil nicht nur für den einzelnen Arbeitnehmer, sondern für den Wirtschaftsstandort Altmühlfranken. Räumliche Distanzen zwischen Unternehmenssitz und Mitrbeiterwohnsitz werden aufgeweicht. Qualifizierte Arbeitskräfte können einfacher im ländlichen Raum bleiben oder dort hinziehen, wenn die ständige Präsenz im Büro in der Großstadt nicht mehr notwendig ist. Und wer nicht im teuren Speckgürtel von München oder „der Audi“ wohnen muss, sondern mit seiner Familie in Altmühlfranken lebt, hat mehr Zeit und mehr Geld zur Verfügung, um es auch in der Region auszugeben. Und Steuern zahlt er hier auch noch.

Andersherum eröffnen sich den Firmen mit Sitz in Weißenburg-Gunzenhausen ganz neue Märkte auf der Suche nach Fachkräften. Ob das Personal nun in Gunzenhausen, Pappenheim oder Pleinfeld wohnt oder in Nürnberg, München oder Augsburg, spielt mit der Möglichkeit zum Homeoffice keine Rolle mehr. Es hat allerdings erst Corona kommen müssen, damit erste lokale Firmen diese Möglichkeit tatsächlich erkennen und nun verhalten anfangen, sie auch zu nutzen.

Im Wandel ist auf individueller Ebene auch die Struktur und Qualität des Arbeitens. Vor allem jene Arbeitnehmer, die vor der Corona-Krise im Großraumbüro saßen, schätzen derzeit die Ruhe zu Hause. „Ich kann viel konzentrierter arbeiten“, ist ein Satz, den man häufig hört. Der ständige Geräuschpegel aus Telefonläuten, Gesprächen und Bewegungen fällt weg – und das wird als sehr wohltuend empfunden.

Ein zweischneidiges Schwert scheint das Homeoffice für Eltern zu sein. Zwar profitieren sie grundsätzlich von der Flexibilität, was auch die Hans-Böckler-Stiftung in einer Umfrage aus 2020 bestätigt: Von den rund 6.300 befragten Erwerbstätigen gaben 77 Prozent an,  dass sie Beruf und Familie mit der Arbeit von zu Hause aus besser vereinbaren können. Aber  gerade mit zusätzlichem Homeschooling oder dem coronabedingten Wegfall der Kinderbetreuung durch die Großeltern steigt bei einigen Eltern auch die Belastung. Ein konzentriertes Arbeiten zu Hause

 

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