11°

Dienstag, 23.04.2019

|

Wo der Star ein "Schwarzer Schwan" ist

Zu Besuch im Deutschen Dampflokomotiv Museum in Neuenmarkt - 24.11.2018 08:00 Uhr

Die Dampflok 86 283 aus dem Baujahr 1937 trägt einen hellen Anstrich mit dunkleren Kanten - um die Details auf Werbefotos besser sichtbar zu machen. © Mathias Orgeldinger


Beim Anblick einer 2500 PS starken, 26 Meter langen und 150 Tonnen schweren Dampflok kann man sich leicht vorstellen, warum kleine Jungs früher Lokomotivführer werden wollten. Der Mann im Führerstand trug die alleinige Verantwortung. Kein Sensor und kein Computer überwachten sein Handeln. Er herrschte über eine Technik, die noch analog und verständlich war. Kleinere Reparaturen konnten während der Fahrt mit Hammer und Schraubenschlüssel erledigt werden.

Denn im Gegensatz zu vielen "Maschinen" des 21. Jahrhunderts war das schwarze Dampfross keine Black Box. Jeder Zeitgenosse wusste, wie sie funktioniert. Und auch der Museumsbesucher von heute kann das Prinzip einer Dampflok am aufgeschnittenen Original leicht nachvollziehen: In der Feuerbüchse brennt ein Steinkohlefeuer, dessen Wärme Wasserdampf erzeugt, der über einen Kolben die Räder antreibt.

Die Segmentdrehscheibe ermöglicht die platzsparende Umsetzung von Fahrzeugen. © Mathias Orgeldinger


Der Teufel steckt allenfalls im Detail. So muss die Feuerbüchse über viele Stehbolzen mit der Kesselwand verbunden werden, damit sie in Form bleibt. Der Abdampf aus den Zylindern wird nicht einfach ins Freie entlassen, sondern über ein Blasrohr in die Rauchkammer geführt. Dort erzeugt er einen Unterdruck, der Verbrennungsluft ansaugt und die Rauchgase aus dem Kamin treibt. Ohne diese Vorrichtung müsste der Schornstein einer Dampflok 20 Meter hoch sein.

Museumsleiter Jürgen Birk. © Mathias Orgeldinger


Zwei unabhängig arbeitende Wasserstandsanzeiger informieren den Lokomotivführer darüber, wieviel Kesselwasser über dem höchsten Punkt der Feuerbüchse steht. Denn die Außenwand der Brennkammer muss immer von Wasser bedeckt sein. Sonst droht ein "Kesselzerknall". Wie geschehen im November 1977 im Bahnhof Bitterfeld. Weil der Zug Verspätung hat, nimmt er an einer Versorgungsstation nur Kohle, nicht aber Wasser auf. Der Lokführer ignoriert die Wasserstandsanzeiger, Teile der Feuerbüchse fallen trocken und das Sicherheitssystem versagt. Beim Bremsen kommt Wasser mit dem heißen Metall in Kontakt und dehnt sich explosionsartig aus. Der Kessel der Lokomotive wird 40 Meter weit durch die Luft geschleudert. Glücklicherweise landet er auf den Gleisen und nicht auf dem voll besetzten Bahnsteig. Trotzdem sterben acht Menschen und etwa 50 werden verletzt.

Als das Unglück in der DDR unter den Teppich gekehrt wurde, war die Dampflokzeit in Franken schon beendet und das Bahnbetriebswerk Neuenmarkt stillgelegt. "In den 1970er Jahren waren Loks für 20 000 DM zu haben", sagt Jürgen Birk, wissenschaftlicher Leiter des DDM. "Man brauchte nur genügend Platz, um sie auszustellen."

Der Mythos Dampfross reicht nicht mehr

Ein finanzkräftiger Eisenbahnfan war zur rechten Zeit am rechten Ort. Er sammelte Loks, erwarb das ehemalige Betriebswerk und gründete im Juli 1977 das Deutsche Dampflokomotiv Museum. 1984 übernahm ein Zweckverband, bestehend aus dem Bezirk Oberfranken, dem Landkreis Kulmbach und der Gemeinde Neuenmarkt die Einrichtung. Seit 2013 greift ein modernes Ausstellungskonzept. Denn der Mythos vom Dampfross reicht heute nicht mehr aus, um die Besucher scharenweise anzulocken. "Die Zahl der Dampflokfans ist deutlich zurückgegangen", weiß Birk. Auch die Nostalgiefahrten seien keine Selbstläufer mehr. "Man muss den Leuten zusätzlich ein attraktives Fahrziel oder eine besondere Veranstaltung anbieten."

Bei den Sonderfahrten ist das Museum sowieso auf Dritte angewiesen, denn keine der 30 Dampfloks ist betriebsbereit. "Allein die Hauptuntersuchung, die alle sechs bis acht Jahre anfällt, würde 500 000 Euro kosten", erklärt Birk. Betriebsbereitschaft sei ohnehin kein Museumsziel. Denn aufgrund der hohen Sicherheitsstandards für den Fahrbetrieb müssten die Originalteile in kürzester Zeit durch Nachbauten ersetzt werden.

Trotzdem muss der Eisenbahnfan nicht ganz auf das Fahrerlebnis verzichten. Auf dem Museumsgelände dreht eine dampfbetriebene Kleinbahn ihre Runden, und während der "Pfingstdampftage" kommen fahrtüchtige Lokomotiven zu Besuch.

Auch die Liebhaber von Modelleisenbahnen kommen auf ihre Kosten. Das 42 Quadratmeter große Modell der "Schiefen Ebene" überwindet den Höhenunterschied maßstabsgerecht. Schaut der Besucher im ersten Raum noch von oben auf den Modell-Bahnhof Neuenmarkt-Wirsberg, so muss er im vierten Raum schon den Hals recken, um den Bahnhof Marktschorgast zu sehen.

Ein Schneepflug mit Pflugscharen, die durch Druckluft beweglich sind. © Mathias Orgeldinger


1848 wurde die 6,8 km lange "Schiefe Ebene" als wichtigstes Teilstück der Ludwig-Süd-Nord-Bahn in Betrieb genommen, die von Lindau über Augsburg und Nürnberg nach Hof führte. Da die Zahnradbahn noch nicht erfunden war, sollten die Züge ursprünglich von sechs stationären Dampfmaschinen mit Seilen über drei steile Rampen gezogen werden. Denn aufgrund der geringen Reibung zwischen Radreifen und Schiene ist die Steigfähigkeit einer Lokomotive äußerst begrenzt. Erst die Entwicklung neuartiger Loks mit beweglichem Fahrwerk, das enge Kurvenfahrten zuließ, machte es möglich, eine einzige weniger steile Rampe zu bauen, die sich an das Gelände anpasste und aus eigener Kraft zu befahren war. Je nach Gewicht des Zuges waren allerdings bis zu vier Zug- und Schiebeloks nötig, um den Höhenunterschied von 158 Metern zu überwinden. Bei der durchgängigen Steigung von 2,5 Prozent wurde doppelt so viel Kohle verbraucht, wie auf ebener Strecke.

Ein Dampfkran der DEMAG AG aus dem Jahr 1927. © Mathias Orgeldinger


Die "Schiefe Ebene" ist in voller Länge von einem Lehrpfad erschlossen. Auch der Bahnhof, das Eisenbahnerdorf, der Ringlokschuppen und das riesige Betriebshofgelände, auf dem die Dampflokomotiven für die Bergfahrt stationiert, repariert und mit Kohle und Wasser versorgt wurden, sind museumstechnisch aufbereitet.

Mit etwas Glück begegnet der Besucher, nachdem er den Schienen-Dampfkran der DEMAG AG (1927), den Ruge-Einheitsbekohlungs-Kran aus den 1930er Jahren und den Klima-Schneepflug von 1960 besichtigt hat, auch der amtierenden Kohlenhofprinzessin Ramona I.. Sie vertritt das DDM bei Veranstaltungen im In- und Ausland. Der unumstrittene Star des Museums hört jedoch auf den Namen "Schwarzer Schwan". Die Schnellzuglokomotive 10 001 von 1956 ist das letzte erhaltene Modell der Baureihe 10, mit der die Dampflokära der Deutsche Bundesbahn zu Ende ging.

Deutsches Dampflokomotiv Museum, Birkenstraße 5, 95 339 Neuenmarkt, Telefon 0 92 27/57 00, E-Mail: info@dampflokmuseum.de, Internet: www.dampflokmuseum.de
Öffnungszeiten: Wintermonate (2.11. - 15.03.) Di.-So. 10-15 Uhr, Sommermonate (16.03.-1.11.) Di.-So. 10-17 Uhr.
 

Mathias Orgeldinger

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Ressorts