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Schärfere Corona-Regeln: Wirte und Veranstalter sehen Beschlüsse kritisch

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Stefanie Taube

Lokalredaktion Nürnberg

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4.11.2021, 17:32 Uhr
Die Lage in den Kliniken ist ernst. Deshalb verschärft Bayern die Corona-Regeln - vor allem für Ungeimpfte.

Die Lage in den Kliniken ist ernst. Deshalb verschärft Bayern die Corona-Regeln - vor allem für Ungeimpfte. © NEWS5 / Merzbach, NEWS5

Aus 3G wird 3G-Plus, aus 3G-Plus wird 2G – so hat es das bayerische Kabinett am Mittwoch beschlossen. Das bedeutet, unter anderem Gastrobetriebe, Clubs und Veranstalter müssen umdenken – und Gäste gegebenenfalls auch abweisen.

Etwas, das Thomas Förster, Chef des Bratwurst Rösleins in Nürnberg und Vizepräsident des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), nicht will: „Ich möchte als Gastgeber niemanden aussperren. Das führt uns in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.“ Nach den aktuellen Kabinetts-Beschlüssen muss er das auch nicht, egal ob die sogenannte Krankenhausampel auf Gelb steht oder auf Rot springt. Für Gastrobetriebe ebenso wie für körpernahe Dienstleistungen (Friseure) oder Hotels gilt so oder so die 3G-Plus-Regel.

Heißt: Rein darf, wer geimpft oder genesen ist oder einen negativen PCR-Test vorweisen kann. Förster kritisiert: „Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass die Menschen, die derzeit auf Intensiv liegen, nicht aus der Gastro oder den Clubs kommen. Bei uns funktioniert auch 3G, aber jedesmal wird die Gastronomie mit neuen Regeln an die Wand genagelt. Wir sind aber nicht das Problem.“

Förster schätzt, dass bislang etwa zehn bis 15 Prozent der Gäste mit einem negativen Test sein Lokal besucht haben, der Rest sei geimpft oder genesen gewesen.

Keine "kleinen Ausnahmen"

Einen noch niedrigeren Anteil an Getesteten registrierte David Hlavacek. „Etwa fünf Prozent unserer Gäste kamen mit einem negativen Testergebnis“, sagt der Chef des Clubs „Schimanski“ in der Nürnberger Innenstadt. Dass er seinen Betrieb ab dem kommenden Samstag nun von 3G-Plus auf 2G umstellen muss, bereitet ihm deshalb kaum Sorgen. Eine „kleine Ausnahme“ gebe es im Schimanski jedenfalls für keinen Gast, stellt Clubbetreiber schon jetzt klar: „Was bringt es mir, wenn wir fünf Ungeimpfte reinschleusen im Vergleich dazu, dass ich dafür meine Konzession entzogen bekomme? Dieses Risiko geht meiner Meinung nach kein Clubbetreiber ein.“

Ähnlich sieht es Evangelos Koliousis, Geschäftsführer des Hinz&Kunz in Nürnberg. „Wir hatten in den vergangenen Wochen so viel Zulauf, die Leute mussten teilweise lange vor der Tür warten. Deswegen denke ich, auch mit 2G bekommen wir den Club voll.“ Probleme mit uneinsichtigen Gästen hatten seine Türsteher bislang kaum, was Koliousis zusätzlich zuversichtlich stimmt: „Unser Publikum ist da sehr aufgeklärt und loyal.“

Ein kleines bisschen mehr Unsicherheit schwingt bei Christopher Dietz mit. Der Geschäftsführer von „werk:b events“ hat gerade am Nürnberger Flughafen alle Hände voll mit dem Aufbau seiner Winterhütten zu tun. Die urigen Räume werden von Firmen für Feiern gemietet.
Dietz war der Politik einen Schritt voraus, er hat für seine Veranstaltungsräume direkt ein 3G-Plus-Konzept eingeführt. „Deswegen trifft uns der Beschluss jetzt nicht. Unsere Kunden wussten vorher schon, dass sie geimpft, genesen oder PCR-getestet sein müssen“, sagt Dietz.

Er verzeichne deshalb bislang keine nennenswerten Stornierungen, aber: „Man merkt, dass die Kunden unsicherer werden. Uns erreichen viele Nachfragen, bis wann storniert werden kann.“ Dietz hofft deshalb, dass es bei 3G-Plus in seinen Winterhütten bleiben wird, denn mit 2G würde das Konzept wohl nicht mehr funktionieren. „Wir erleben da bei Firmen, die die Hütten für ihre Feiern buchen, eine andere Sensibilität. Die möchten jedem in ihrer Belegschaft das Angebot machen, mitzukommen. Da geht es um das Thema Loyalität“, ist Dietz überzeugt.

Ice Tigers nutzen die Länderspielpause

Bei den Thomas Sabo Ice Tigers hat man in den vergangenen Wochen auch die damals von der Politik eingeräumten Vorteile einer 3G-Plus-Regelung genutzt. Schon jetzt durften Zuschauer die Arena Nürnberger Versicherung bei Heimspielen nur mit Impf- oder Genesenennachweis oder einem negativen PCR-Test betreten. Dafür konnte die Halle voll ausgelastet und Bier verkauft werden, die Fans mussten auf ihren Plätzen außerdem keine Masken tragen. Da nun aus 3G 3G-Plus wird, ändern sich aber die Regeln: Blieben die Ice Tigers bei 3G-Plus, dürften sie jetzt ihre Plätze nur noch zur Hälfte auslasten, kein Bier mehr ausschenken und es gäbe eine Maskenpflicht. Ein Umstand, über den man sich in der Geschäftsführung Gedanken machen will.

„Für unser Spiel am Freitag gegen Wolfsburg bleibt alles noch beim Alten, da die Beschlüsse erst ab Samstag gelten. Danach haben wir Länderspielpause. Diese Zeit werden wir nutzen, um das zu besprechen“, sagt Pressesprecher Roman Horlamus. Wie die Entscheidung ausfällt, sei derzeit noch offen. Horlamus deutet aber bereits an: „Wenn wir die bisherigen Vorteile beibehalten wollen, bleibt uns nichts anderes übrig als 2G.“ Der Anteil der Fans, die bislang mit PCR-Test zu den Spielen kamen, sei zudem „verschwindend gering“.

Consumenta findet weiterhin mit 3G statt

In der Nürnberger Messe, wo gerade die Consumenta läuft, war man sich zunächst nicht ganz sicher, wie es weitergeht. Gespräche mit der Stadt Nürnberg ergaben dann: „Die Consumenta ist mit einem 3G-Konzept genehmigt und gestartet und endet auch so“, sagt Kathrin Winkler, Sprecherin der AFAG Messen und Ausstellungen GmbH, die die Messe veranstaltet. Die Verbrauchermesse läuft noch bis kommenden Sonntag.

Bedeutet: Für zwei Tage hätte der Veranstalter von 3G auf 3G-Plus umstellen müssen. Das ist bei einer laufenden Veranstaltung aber nicht nötig – zumindest „höchstwahrscheinlich“, denn: „Entscheidend ist, ob dazu noch etwas Schriftliches aus München kommt“, so Winkler. Man sei sich aber „ziemlich sicher“.

Neben 3G-Plus und 2G für viele Bereiche des öffentlichen Lebens nahm die bayerische Staatsregierung in ihrer Sitzung auch die Kliniken in den Fokus. Krankenhausleiter berichteten, dass Personal zunehmend von Ungeimpften bedrängt werde, so Söder. Kündigungen, reduzierte Arbeitszeiten und daraus resultierende Engpässe seien die Folge. Das Kabinett hat deshalb eine Aufwandsentschädigung für Kliniken beschlossen, 50 Euro pro Tag für jeden Covid-19-Patienten auf Normal- und 100 für jeden auf Intensivstation. Mindestens die Hälfte soll insbesondere an die Pflegekräfte gehen.

Lediglich eine nette Geste

Eine nette Geste, aber keine langfristige Lösung, findet Dr. Karin Becke-Jakob, Pandemiebeauftragte der Diakoneo Klinik Hallerwiese-Cnopfsche Kinderklinik und Chefärztin der Abteilung für Anästhesie, Kinderanästhesie und Intensivmedizin: „Eine Prämie tut sicher allen gut, wird aber keinen langfristigen Effekt haben. Um die Pflege zu unterstützen, braucht es nachhaltige Konzepte zur Stärkung und Aufwertung des Berufsbildes.“ In der Klinik Hallerwiese-Cnopfsche Kinderklinik gebe es im Bereich der Intensivmedizin zwar keinen Personalschwund, aber „eine starke und schon lange andauernde Belastung der Pflegekräfte.“

Der Rettungsdienstbereich Nürnberg-Fürth-Erlangen befindet sich trotz enger Kooperation aller Akutkrankenhäuser in einer angespannten Situation: Die Zahlen hospitalisierter Covid-Patienten im Normal- und Intensivstationsbereich steigen, gleichzeitig sind die Kliniken im Regelbetrieb ausgelastet. „Dazu kommt, dass Personal wegen Erkältungen und Atemwegsinfekten ausfällt. In der ersten, zweiten und dritten Welle konnte die Versorgung der Covid-Patienten nur durch Verschiebung von Operationen sichergestellt werden. Dies ist eine Ultima-Ratio-Maßnahme und darf nur sehr kritisch eingesetzt werden“, so Becke-Jakob.

Finanzierung ist ein großes Problem

Ein großes Problem stelle außerdem die Finanzierung der Krankenhäuser selbst dar: Der OP-Betrieb während der Pandemie findet wegen der Corona-Schutzmaßnahmen für Patienten und Personal unter erschwerten Bedingungen und erhöhten Kosten statt. Eine zusätzliche Verlagerung von personellen Ressourcen in die Covid-Versorgung ohne finanzielle Kompensation ist für viele Klinken existenzgefährdend – mit oder ohne die beschlossene Aufwandsentschädigung der Regierung.