Samstag, 14.12.2019

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Schlaglöcher im Himmel

Im Institut für moderne Kunst eröffnet Etel Adnan Welten. - 08.11.2019 17:47 Uhr

Zeitlos wie das Sonnenlicht: Dieses Ölbild malte Etel Adnan mit 92 vor zwei Jahren. © Foto: Etel Adnan Sfeier-Semler Gallery Hamburg/Beirut


Im Galeriehaus Defet wird heute Adnans Ausstellung "Départ" eröffnet. Sie ermöglicht Einblicke in das Schaffen einer Frau, deren Biografie sich allein schon wie ein Kunstwerk liest.

1925 im Libanon geboren, wuchs Adnan als Tochter einer orthodoxen Griechin und eines muslimischen Syrers auf. In Beirut besuchte sie die französische Schule, in Paris die Sorbonne. Um dann selber zu lehren, in Berkeley und Harvard. Adnan unterrichtete Philosophie. Das waren die 1960er Jahre. Nicht nur ihre! Die halbe Welt hat in den Himmel geblickt.

Denn Juri Gagarin wurde als erster Mensch ins All geschossen – um wenige Jahre später ausgerechnet bei einem Flugzeugabsturz zu sterben. Die Künstlerin hat das sehr bewegt. Entsprechend sind ihre Aquarelle jener Jahre von Fliehkräften und Wirbeln durchdrungen. Ein lyrisches Meisterinnenstück gelang ihr überdies: "Ein Trauermarsch für den ersten Kosmonauten".

Das seitenlange Gedicht, in dem "Schlaglöcher im Himmel" aufscheinen und nach Lichtexplosionen eine Reise zu Ende geht (oder eine andere beginnt), ist die Initialzündung für die Nürnberger Schau.

Denn um den kosmischen Trauermarsch erstmals ins Deutsche zu übersetzen und die Grande Dame zu interviewen, reisten Joshua Groß und Moritz Müller-Schwefe für das Institut für Moderne Kunst nach Paris. "Wir wurden kosmisch" heißt ihr Ergebnis als Buch, das die Ausstellung mit Wort und Bild flankiert.

Adnans Werke liefern starken Stoff, Grenzen zwischen den Genres werden genommen. Ölbilder und Aquarelle, Skizzen und Leporellos, ein Film sowie eine Tapisserie zählen zu den Exponaten. Vom Aufbruch handelt die Schau, von dem auch philosophisch aufgeladenem Sog, den der Flug Gagarins als moderner Ikarus nach sich zog. Adnan wählt zwar den Weg der Abstraktion in ihren Bildern, doch sie fächert Assoziationsflächen auf, die zeitlos wirken. Wer will, kann Endlichkeit und Unendlichkeit darin deuten. Wer nicht, einfach auf Urformen und sonnenhelle Farben blicken. 2012 wurde sie damit zur documenta eingeladen.

Dass sie als Künstlerin mit der Malerei zur glücklichen Seite ihres Schaffens übergegangen sei, hat Adnan einmal gesagt, die sich als Dichterin, Romanautorin und Philosophie-Lehrerin ja auch mit viel Weltschwere herumschlug.

Nach dem Interview für das Nürnberger Buch hat sie übrigens noch einmal zur Tuschfeder gegriffen und losgelegt. Auch diese sieben Blätter sind zu sehen. "Départ" heißt hier: Lebenserfahrung leuchtet.

Gustav-Adolf-Str. 33. Bis 19. Januar, Sa./So. 12–17 Uhr. Publikation "Wir wurden kosmisch", 18 Euro.

CHRISTIAN MÜCKL

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