Neue Studie der Barmer Ersatzkasse

Schlechte Aussichten: Pflegenotstand in Bayern wird noch größer als erwartet

André Ammer
André Ammer

Region und Bayern

E-Mail zur Autorenseite

16.2.2022, 20:55 Uhr

© Jürgen Blume/epd

Die jüngsten Hochrechnungen der Barmer, für die Daten von rund 1,1 Millionen bayerischen Krankenversicherten ausgewertet wurden, zeigen auf, dass bis 2030 allein im Freistaat mehr als 4000 Pflegerinnen und Pfleger zusätzlich zu dem bisher erwarteten Bedarf gebraucht werden. Insgesamt steige die Zahl der benötigten Pflegekräfte somit von 115.000 im Ausgangsjahr 2019 auf rund 146.000 im Jahr 2030, sagte Barmer-Landesgeschäftsführerin Claudia Wöhler.

"Das sind in Summe rund 30.000 Mitarbeiter mehr - und wir wissen schon heute um die erheblichen Engpässe in der Pflege." Pflegeberufe müssten deshalb unbedingt attraktiver gemacht werden, sonst drohe eine humanitäre Katastrophe.

Mit rund 751.000 Pflegebedürftigen steige außerdem die Zahl der Betroffenen gegenüber bisherigen Hochrechnungsmethoden um rund 135.000, heißt es im aktuellen Barmer-Pflegereport. Dies wäre gegenüber dem Ausgangsjahr 2019 eine Steigerung um 45 Prozent. Bis 2040 betrage das Plus dann mit insgesamt 869.000 Pflegebedürftigen knapp 70 Prozent.

Menschen leben immer länger in Pflegeheimen

Gründe für den Anstieg in dieser neuen Hochrechnung sind die Einbeziehung mehrerer Faktoren. Unter anderem habe sich die Verweildauer in Pflegeheimen verlängert. Inzwischen leben knapp ein Viertel der Heimbewohner im Freistaat länger als vier Jahre in diesen Einrichtungen, und auch die Phasen, in denen diese Menschen die höchste Pflegestufe in Anspruch nehmen müssen, werden länger. Darüber hinaus berücksichtigt die Studie der Barmer im Gegensatz zu anderen Rechenmodellen die jüngsten Gesetzesänderungen wie die beiden Pflegestärkungsgesetze, die 2015 und 2017 verabschiedet worden waren.

Um eine angemessene Versorgung dieser pflegebedürftigen Menschen zu gewährleisten, müssten sich laut Claudia Wöhler im Jahr 2030 etwa 67.000 Pflegefachkräfte, 27.000 Pflegehilfskräfte und 52.000 Pflegehilfskräfte ohne Ausbildung kümmern. "Der Bedarf ist und bleibt enorm", betonte die Landesgeschäftsführerin der Barmer. Deshalb müssten der Berufsstand attraktiver gemacht, die physisch wie psychisch oft belastende Arbeit auch durch digitale Hilfen erleichtert und der Fachkräftemangel entschlossen bekämpft werden. "Die Pflege muss neu gedacht werden", fordert sie

Zu diesem Zwecke sei es richtig, zum Beispiel geteilte Dienste abzuschaffen und den Anspruch auf familienfreundliche Arbeitszeiten einzuführen, erläuterte Wöhler. Auch um Auszubildende müsse nicht nur mit angemessener Bezahlung, sondern auch mit flexibleren Arbeitszeitmodellen gezielt geworben werden. Und die Einrichtungen müssten sich zu beliebten Arbeitgebern wandeln.

Die meisten werden von ihren Angehörigen gepflegt

Weil auch die Zahl an pflegenden Angehörigen anwachsen werde, müssten deren Belange ebenfalls mehr in den Blick genommen werden. So werden laut dem jüngsten Pflegereport des Krankenversicherers drei Viertel der pflegebedürftigen Menschen in Bayern von ihren Angehörigen versorgt - und mehr als 50 Prozent dieser Angehörigen sind selbst schon im Rentenalter. Sie müssten frühzeitig unterstützt, umfassend beraten und von überflüssiger Bürokratie entlastet werden, forderte Wöhler. Gerade unter dem Aspekt des Fachkräftemangels sei auch ihre Gesundheit ein wichtiges Thema.

Andreas Krahl, Sprecher für Pflegepolitik der Grünen im Landtag, forderte zudem, dass Pflege für wirklich alle Lebensbereiche mitgedacht werden müsse. Das gehe von der Pflegeprävention ("Wir müssen die Pflegebedürftigkeit von Menschen hinauszögern oder im Optimalfall verhindern") bis zur entsprechenden Gestaltung des öffentlichen Raums. Zum Beispiel durch Sitzgelegenheiten, deren Verteilung sich nicht nur an ästhetischen Gesichtspunkten, sondern auch an den Bedürfnissen alter und gehandicapter Menschen orientiert.

Statt Applaus und Boni brauche es zudem eine grundlegend bessere Bezahlung und Work-Life-Balance für Pflegekräfte. Auch der Zugang zu einem Studium im Bereich der Pflege müsse erleichtert werden, forderte der Grünen-Politiker, der vor seiner Tätigkeit als Landtagsabgeordneter als Krankenpfleger in einer Intensivstation arbeitete.

"Ja, das wird sowohl die Länder als auch den Bund Geld kosten, viel Geld", räumte Krahl ein und forderte unter anderem Investitionen in strukturelle Verbesserungen. Mittelfristig werde man auch nicht um die Erhöhung der Beiträge für die Kranken- und die Pflegeversicherung herumkommen.

Keine Kommentare