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Schutzimpfung gegen Hasstiraden

Projekt "Shalom Aleikum" fördert den interreligiösen Dialog - 28.07.2019 18:56 Uhr

Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, im Gespräch mit Büsra Tascan (links) vom Verein Selam Mainfranken und Erzieherin Seyma Akdeniz, bei der jüdisch-muslimischen Dialog-Veranstaltung „Schalom Aleikum" in Würzburg.

© Foto: Michael Kasperowitsch


Die Schüler verstehen einfach nicht, wer sich so äußert. Die drei etwa zwölfjährigen Kinder, eine Jüdin, eine Muslima und ein Christ, sehen im Saal des jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrums in Würzburg auf einer Leinwand die Ergebnisse einer Suchmaschine. Die Moderatorin hat zum Test lediglich "Juden sind ..." und "Moslems sind ..." eben eingegeben. Es erscheint sofort eine Reihe von Beleidigungen, herabwürdigenden Begriffen oder Schmähungen.

Die Kinder sitzen mit ihren Müttern auf einem Podium zu dem "Schalom Aleikum" eingeladen hat. Der Titel setzt sich aus der hebräischen und arabischen Begrüßungsformel zusammen. Es ist ein Projekt des Zentralrats der Juden in Deutschland, angeregt und mit 1,2 Millionen Euro unterstützt von Annette Widmann-Mauz (CDU), der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung.

Gespräch normaler Gläubiger

In Zeiten einer steigenden Zahl antisemitischer wie islamfeindlicher Straftaten oder Anfeindungen von Menschen wegen ihrer Religion, soll es eine Art Schutzimpfung bieten gegen solche Entwicklungen. Das Programm verlässt bewusst die Funktionärsebene und setzt auf die Begegnung "normaler" Gläubiger.

Start dieses bundesweiten jüdisch-muslimischen Dialogs in einer neuen Form war kürzlich in Berlin mit jungen Start-up-Gründern. Es folgen bis Anfang 2020 weitere Runden in anderen Städten mit Sportlern oder Sozialarbeitern. In Würzburg, der einzigen Station von "Schalom Aleikum" in Bayern, ging es um Familien, erweitert zum Trialog mit christlichen Vertretern.

Es liegt in der Natur der Sache, dass zu einer solchen öffentlichen Veranstaltung in einer jüdischen Einrichtung mit strikten Einlasskontrollen, die aus Sicherheitsgründen notwendig sind, nur höchst dialogbereite Gäste kommen. Die Schüler und ihre Mütter auf dem Podium und Teilnehmer der Diskussion sind sich einig, dass Tiraden des Hasses, wie sie die Suchmaschine ausspuckte, nicht hinnehmbar sind. Notfalls müsse man geäußerten Vorurteilen offen entgegentreten.

Die Kinder berichten von einem im Allgemeinen respektvollen Umgang unter Ihresgleichen. "Zu mir hat noch niemand gesagt, dass ich hier nicht hergehöre", erzählte die muslimische Gymnasiastin. Sie besucht eine "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage". Das ist ein Auftrag.

Ihre jüdische Freundin sagte: "Mich hat mal ein Junge minutenlang angestarrt, als ich ihm sagte, dass ich Jüdin bin." Eine Studentin und eine Erzieherin erzählen nach der offiziellen Gesprächsrunde auf dem Podium von ganz anderen Aussprüchen von Jugendlichen, die Andersgläubige massiv diskriminieren.

Die Religion verstecken?

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden und Hausherr in dem Würzburger Zentrum, betont die Bedeutung des Umgangs mit religiösen Themen an Schulen. "Es ist ja mittlerweile schon nicht mehr selbstverständlich, sich zum Christentum zu bekennen. Und sollen jüdische Kinder ihre Religion verstecken?", fragt er.

Lehrer, so Schuster, könnten in der Schule keineswegs alle Fehlentwicklungen bei Kindern aufarbeiten, die ihre Ursache etwa im Elternhaus haben. Sie könnten allenfalls als Korrektiv wirken, wenn religiöse Intoleranz ans Tageslicht komme. Dafür wüssten Pädagogen aber oft zu wenig über Religionen Bescheid, beklagt der Zentralratspräsident, sie seien hilflos: "In der Lehrerausbildung müsste da einiges verbessert werden."

Michèl Schnabel, Lehrer für Islamischen Unterricht und Vorstandsmitglied des Vereins Selam Mainfranken, unterstützt das. Es fehle bei Lehrern häufig eine "Grundkompetenz" in Sachen Religion. In Bayern, so Schnabel weiter, mangle es zudem am politischen Willen, das Fach, das er unterrichtet, an den Schulen so auszubauen, wie es notwendig ist.

Er sieht zudem ein Defizit beim interreligiösen Dialog. "Der ist in vielen Fällen zu oberflächlich", meinte Michael Schnabel. Man begegnet sich freundlich und zugewandt bei Foren und in Gremien. Es wüchsen dabei aber zu wenig Freundschaften. Es fänden Begegnungen statt, es komme aber kaum zu Beziehungen.

Eine löbliche Ausnahme nennt er aus Nürnberg. Dort gibt es die "Begegnungsstube Medina", die seit fast 25 Jahren den Austausch von Muslimen mit Andersgläubigen pflegt, auch mit der jüdischen Gemeinde in der Stadt. Die würden, so Schnabel, zum Beispiel gemeinsame Reisen unternehmen, etwa nach Israel. Dabei entstünden zwischen einzelnen Menschen unterschiedlicher Religion tragfähige Brücken des Verständnisses.

MICHAEL KASPEROWITSCH

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