Rätsel gelöst

Schwabach: Mittelalter-Krimi um gefälschtes Kaiser-Wappen

14.10.2021, 06:00 Uhr
Ausschnitt aus dem Wappenbrief von 1523: Die  Initiale C für Carolus (Karl) mit dem neuen Frauentraut-Wappen. Sieht eindrucksvoll aus, stammt aber nicht von Kaiser Karl V.

Ausschnitt aus dem Wappenbrief von 1523: Die  Initiale C für Carolus (Karl) mit dem neuen Frauentraut-Wappen. Sieht eindrucksvoll aus, stammt aber nicht von Kaiser Karl V. © Stadtarchiv Schwabach, NN

Stadtarchivar Wolfgang Dippert kamen hinsichtlich der Urkunde der Frauentrauts. Er bat den Schwabacher Wappenexperten Eugen Schöler nachzuforschen. Und der renommierte Heraldiker hat Erstaunliches herausgefunden: "Es ist ein kleiner Krimi", sagt Eugen Schöler, "quasi eine spätmittelalterlichen Urkundenfälschung".

Im 16. Jahrhundert war der Name Frauentraut in der Schwabacher Bürgerschaft ein Begriff. Denn Ende 1502/Anfang 1503 wurde Konrad Frauentraut das hohe Amt des Stadtschreibers übertragen, später übte er zusätzlich noch die Funktion eines öffentlichen Notars aus.

Geheimnisträger Nummer 1

Er war damit, wie seine Berufskollegen zum Beispiel in den Reichsstädten, der bestinformierte Bürger und hinsichtlich wirtschaftlicher sowie politischer Vorhaben von Stadtrat und Bürgermeistern gleichsam Geheimnisträger Nummer 1.

1539 sollte ihm sein Sohn Johann Frauentraut der Ältere in diesen Funktionen folgen, wobei der Vater auch weiterhin (bis zu seinem Tod 1553) als Notar wirkte und Urkunden ausstellte.

Können und Vertrauenswürdigkeit von Vater und Sohn hatten sich schließlich bis in die markgräfliche Residenz Ansbach herumgesprochen. Deshalb wurden beide, wenn die hohe Stelle eines markgräflichen Amtmanns zeitweise unbesetzt blieb, mit dieser hohen Funktion betraut: der Stellvertretung des jeweiligen adeligen Repräsentanten des regierenden Ansbacher Markgrafen für das gesamte Oberamt Schwabach.

Und dazu gehörten in Schwabach neben dem Stadtrichteramt auch das Kastenamt (also die Steuerbehörde), dazu die Richterämter in Wendelstein, Schwand und Kornburg. Dienstsitz des Oberamtmanns war das Haus mit der heutigen Straßenbezeichnung Königsplatz 21.

Spuren bis heute

Bis heute ist ihr Familienname in Schwabach durch die Frauentrautgasse und das Frauentraut´sche Haus (Königsplatz 23) präsent geblieben, aber auch durch die segensreich wirkende Frauentrautstiftung (die Johann der Ältere 1584 errichtet hatte und die erst 1964 der Hospitalstiftung zugeführt wurde).

Das Frauentraut-Grabmal in der Dreieinigkeitskirche: Johann der Ältere Frauentraut wurde 1587 auf dem Alten Friedhof beigesetzt. Sein Grabstein wurde später gehoben und in die Dreieinigkeitskirche gebracht.

Das Frauentraut-Grabmal in der Dreieinigkeitskirche: Johann der Ältere Frauentraut wurde 1587 auf dem Alten Friedhof beigesetzt. Sein Grabstein wurde später gehoben und in die Dreieinigkeitskirche gebracht. © Stadtarchiv Schwabach, NN

Keine Frage, dass Vater und Sohn ihren hohen gesellschaftlichen Rang – wie damals üblich – auch in einem attraktiven Familienwappen zum Ausdruck bringen wollten. Im Stadtarchiv Schwabach werden zwei Frauentraut-Wappenbriefe aufbewahrt, beide 1521 bzw. 1523 ausgestellt für Konrad Frauentraut. Darstellungen des Familienwappens finden wir außerdem in der Stadtkirche und in der Dreieinigkeitskirche.

Der Wappenbrief vom 24. September 1521 bestätigt ein bereits vorher vorhandenes Familienwappen. Nach der heraldischen Beschreibung zeigte dieser Schild auf weißem Hintergrund zwei vom Schildfuß aus wachsende schwarze Bergspitzen. Als Helmzier werden zwei schwarz/weiß bzw. weiß/schwarz geteilte Büffelhörner genannt.

Kaiserliches Gnadenzeichen

Der Helm trug eine goldene Blattkrone (keine Rangkrone!), die der amtierende Kaiser Karl V. als besonderes Gnadenzeichen genehmigt hatte. Außerdem sollten, gemäß kaiserlichem Urteil, Konrad und seine Nachkommen „…für ewigklich recht geboren edel- und rittermessig leut sein…“. Heraldisch wurde diese Ehre durch einen „offenen“ Spangenhelm zum Ausdruck gebracht.

Rätselhafter Wappenbrief

Der zweite Wappenbrief allerdings gibt Rätsel auf: Ausgestellt wurde er – gemäß Unterschrift und wie im Text angegeben – von Kaiser Karl V. am 5. Januar 1523 in Valladolid (in Spanien). Darin ernennt er Konrad Frauentraut zum Hofpfalzgrafen und gewährt ihm ein deutlich „gebessertes“ Wappen: Der nunmehr geteilte Schild zeigt oben einen schreitenden Löwen und unten die beiden (diesmal silbernen) Bergspitzen aus dem Wappen von 1521. Zwischen den beiden Büffelhörnern ist ein wachsender Löwe mit ausgeschlagenen Pranken dargestellt.

Angeblicher "Hofpfalzgraf"

Wie 1521 ziert auch das neue Wappen eine goldene Krone auf dem Helm. Anzumerken ist, dass ein „Hofpfalzgraf“ kein Graf im adelsrechtlichen Sinne war, sondern lediglich ein Notar (!), unter anderem mit der Befugnis, mit kaiserlicher Lizenz und gegen Gebühr Wappenbriefe auszustellen.

Totenschild in der Stadtkirche für den 1587 verstorbenen Johann Frauentraut den Älteren.

Totenschild in der Stadtkirche für den 1587 verstorbenen Johann Frauentraut den Älteren. © Ursula Kaiser-Biburger

Befremden muss aber, dass das neue Frauentraut-Wappen in die kaiserliche Initiale C (zu Kaiser Carl V.) eingefügt worden ist. Damit kann dieses Dokument nicht in der kaiserlichen Kanzlei entstanden sein. Dort wäre das neue Wappen, wie üblich, in einem Freifeld in der Mitte des Textes abgebildet worden. Kein Wappenmaler der Kanzlei hätte es gewagt, das Wappen eines Wappenempfängers in die kaiserliche Initiale einzufügen.

Zweifel an Unterschrift

Damit muss auch Misstrauen gegenüber der angeblich authentischen Unterschrift des Kaisers erlaubt sein. Denn neben dem handschriftlichen „Carolus“ fehlt die unerlässliche Bestätigung der eigenhändigen Unterschrift des Herrschers durch den Leiter der Kanzlei, wie zum Beispiel in der Abschrift von 1521 klar festgehalten: Carolus – ad mandatum domini imperatori proprio manu/ Nicolaus Ziegler, vicecancellarius. Damit sollten Fälschungen vermieden werden!

Außerdem begannen kaiserliche Urkunden (auch Adels- und Wappenbriefe) üblicherweise mit dem „Wir….“ , es folgte der Vorname des Herrschers und anschließend, wie im Text von 1521, die Aufzählung der gesamten Titulatur des Herrschers. Erst danach wurde der Empfänger genannt und das Wappen ausführlich beschrieben.

Hier aber beginnt der Text in der ersten Zeile mit dem als goldfarbene Initiale herausgehobenen Anfangsbuchstaben C für Carolus, danach wurden wohl aus rein dekorativen Gründen einzelne Buchstaben der ersten Zeile ziemlich willkürlich (in gleichem Abstand) ebenfalls als goldfarbene Initialen herausgehoben.

Willkommene Einnahmequelle

Das alles drängt den Verdacht auf, dass Konrad Frauentraut sich dieses Dokument selber ausgestellt hat beziehungsweise von wem auch immer hat anfertigen lassen. Nur warum?

Mit diesem angeblich kaiserlichen Dokument konnte er jedenfalls werbewirksam potentielle „Kunden“ beeindrucken. Denn immerhin war das Ausstellen von Wappenbriefen an Mitbürger für „Hofpfalzgrafen“ eine willkommene Einnahmequelle. Und die Mitbürger hatten dafür die Gewähr, einen Wappenbrief quasi von allerhöchster Stelle in Händen zu halten.

War aber Konrad Frauentraut überhaupt berechtigt, den Titel „Hofpfalzgraf“ zu führen ? Hat er vielleicht diesen Titel zu einem anderen Zeitpunkt von Kaiser Karl V. erhalten, und ist das diesbezügliche Dokument nur verloren gegangen?

Staatsarchiv Wien: "Keinerlei Nachweis"

Die Antwort darauf konnte nur ein Blick in das erhaltene Hofpfalzgrafen-Register am ehemals kaiserlichen Hof in Wien bringen, in dem alle einstigen Hofpfalzgrafen erfasst sind. Auf meine schriftliche Anfrage teilte mir das Österreichische Staatsarchiv in Wien (es bewahrt gleichzeitig das Archiv des Habsburger Kaiserhauses auf) mit Datum vom 16. August 2021 mit, dass sich „in den in unserem Haus überlieferten Reichsregistern Kaiser Karls V. keinerlei Nachweis zu Konrad Frauentraut findet. Auch eine kurze Recherche in dem von Jürgen Arndt bearbeiteten Hofpfalzgrafen-Register war erfolglos“. Senatspräsident Jürgen Arndt ist jahrzehntelang der 1.Vorsitzende der Heraldiker-Vereinigung "Herold" in Berlin gewesen.

Der Kaiser hat sich zwar – nach den Recherchen des Österreichischen Staatsarchivs – im Januar 1523 in Valladolid aufgehalten, für den 5. Januar „belegen die Reichsregister jedoch keine Eintragung“. Folglich kann an diesem Tag kein Wappenbrief ausgestellt worden sein.

Bleibt die Frage: Wieso?

Damit ist leider der Beweis erbracht, dass Konrad Frauentraut sich 1523 oder danach Wappen, Wappenbrief und sogar den Titel Hofpfalzgraf offenbar selber verliehen hat. Warum aber Konrad Frauentraut das getan hat, wird wohl immer ein Rätsel bleiben.

Er hätte doch jederzeit ein Gesuch an den Kaiserhof richten können, um ganz offiziell in den Kreis der Hofpfalzgrafen aufgenommen zu werden und die entsprechende Urkunde zu erhalten. Niemand hätte ihn übrigens gehindert, privat ein neues Familienwappen anzunehmen, auch ohne Genehmigung von höchster Stelle.

Offen bleiben muss auch die Frage, auf welchen Umwegen Konrad Frauentraut erfahren hat, dass der Kaiser im Januar 1523 in Valladolid weilte: Vielleicht durch Fernhändler, denn damals hatte es sich in Europa herumgesprochen, dass der ansonsten ständig in seinem Riesenreich herumreisende Kaiser wenigstens zwischen 1518 und 1528 bevorzugt in Valladolid, der „Hauptstadt der katholischen Könige“, anzutreffen war.

Familiengeschichte endet 1677

Konrad Frauentrauts Sohn Johann der Ältere hat jedenfalls das neue Wappen des Vaters beibehalten, wie wir auf seinem künstlerisch exzellent gestalteten Totenschild und auf seinem Grabstein sehen können. Der letzte Frauentraut ist 1677 verstorben. Dem heraldischen Brauch entsprechend hätte deshalb ein Totenschild mit dem gestürzten Familienwappen an das Erlöschen der Familie erinnern sollen. Ein Inventarverzeichnis von 1979 der einst in Schwabacher Kirchen oder im Stadtmuseum aufbewahrten Epitaphien und Totenschilde enthält dazu aber keinen Hinweis.

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