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Seit 20 Jahren ein steter Tropfen nach Siebenbürgen

Die Hilfsaktion der Höchstadter Christuskirche ist für die Diakonie in Mediasch nach wie vor eine willkommene Unterstützung - 06.10.2011 13:32 Uhr

Schlange stehen für ein paar Lebensmittel. Die Bedürftigsten der Gemeinde bekommen die von den Höchstadtern finanzierten Pakete zugeteilt.

06.10.2011 © Grillenberger


Die Freude ist Ana Soos ins Gsicht geschrieben. Die 83-Jährige aus Mediasch ist nämlich eine der 340 Gemeindemitglieder, die heuer ein von der Höchstadter Partnergemeinde finanziertes Lebensmittelpaket bekommen hat.

Ana Soos hat ihr Paket sogar „frei Haus“ geliefert bekommen, was genau genommen gar kein Grund zur Freude ist, denn Ana Soos hat eine offene Wunde am Bein, die sie seit Monaten ans Haus fesselt. Auch sonst scheint das Schicksal der betagten Frau auf den ersten Blick nicht gerade Anlass zur Zufriedenheit zu geben. Sie ist seit vielen Jahren Witwe, hat keine Verwandten mehr in Rumänien und lebt deshalb allein und praktisch ohne Kontakte nach außen in ihrer bescheidenen kleinen Wohnung in der praktisch nur ein Fernseher die Verbindung zur Außenwelt ist.

Und Mihaela Odolean, die Mitarbeiterin der Mediascher Diakonie schaut regelmäßig bei der alten Dame vorbei, versorgt ihre Wunde, geht für sie einkaufen, hat ihr auch ihr Paket aus Höchstadt gebracht und ist praktisch die einzige Abwechslung im eintönigen Alltag von Ana Soos.

Und trotzdem: „Mir geht es gut“ sagt Ana Soos mit einer Überzeugungskraft, dass man ihr das sogar glauben will. Trotz der gerade einmal 150 Euro Rente, die die frühere Kinderpflegerin bekommt und davon ihren Lebensunterhalt bestreiten muss. Und das bei Preisen, die ständig steigen und zum Teil schon deutsches Niveau erreicht haben.

Das hat besonders in diesem Jahr auch Irmgard Conrad zu spüren bekommen. Seit 20 Jahren organisiert und koordiniert sie die Hilfslieferungen der Höchstadter Christusgemeinde. Im vorigen Jahr konnte sie, neben einer Reihe von Sachspenden noch über 400 Pakete mit Grundnahrungsmitteln wie Reis, Zucker, Mehl, Nudeln, Öl, Margarine, dazu eine Dose Fisch, ein paar Kekse, sowie Schokolade und Seife finanzieren. Heuer sind es nur 340 geworden, zum einen, weil die Spendierfreude der Höchstadter langsam erlahmt, vor allem liegt es aber an den steigenden Preisen in Rumänien.

Um Transportkosten zu sparen werden nämlich die Lebensmittel vor Ort gekauft, denn längst haben sich in Mediasch auch die bei uns bekannten Märkte und Discounter etabliert. Aber Nudeln zum Beispiel, sind in Rumänien selbst in den Billigmärkten schon teuerer als bei uns. Dazu kommt noch eine galoppierende Inflation: Als die Diakonie den Inhalt der Pakete eine Woche vor der Ankunft der Höchstadter „auf Pump“ einkaufte, wollten ihr kaum ein Marktleiter in Mediasch garantieren, dass bei der Bezahlung noch der gleiche Preis gilt.

Deshalb konnten Ursula Juga Pintican und ihre Mitarbeiter heuer nur gut 300 Mitgliedern der evangelischen Kirchengemeinde darüber informieren, dass sie ein Päckchen bekommen würden. „Wir wählen die Leute nach Alter und Höhe der Rente aus, dann Arbeitslose und kinderreiche Familien“, sagt die Chefin der Diakonie, die im besten Sinn des Wortes „den Laden“ schmeißt.

Zur Diakonie gehört nämlich auch noch eine Küche, in der täglich 100 „Essen auf Rädern“ gekocht werden, es gibt einen mobilen Pflegedienst und die Organisation eines Altenheims gehört auch noch zum Aufgabengebiet der umtriebigen Multi-Managerin.

Angesichts der Fülle der Aufgaben ist die jährliche Unterstützung der Höchstadter natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber ein fest eingeplanter und eigentlich unverzichtbarer. „Die Leute kommen mit dem Paket aus Höchstadt ungefähr ein Monat aus sagt Ursula Juga Pintican. Und dann? „Wir haben auch noch andere Spender aus Deutschland“, denn allein mit der Hilfe aus Deutschland würde die Diakonie nicht überleben können. Neben Höchstadt engagieren sich beispielsweise auch Gruppen aus Berlin, Herrenfeld auf der Schwäbischen Alb und Hameln in Mediasch.

Aderlass nach der „Wende“

Dabei ist das Klientel, um das sich die Diakonie kümmert mit den Jahren recht überschaubar geworden. Gab es vor der „Wende“ wie das Ende der Ära Ceausescu 1989 auch bei den Rumänen in die Geschichte eingegangen ist noch über 11000 deutschsprachige Siebenbürger Sachsen in der Gemeinde, so sind es jetzt nicht einmal mehr 900.

Die Chance, wieder nach Deutschland zurückkehren zu können hat viele Angehörige der Volksgruppe, die vor rund 1000 Jahren aus dem Gebiet des heutigen Luxemburg nach Siebenbürgen eingewandert sind, in den Westen gelockt. Häufig sind nur die Alten ihrer Heimat treu geblieben.

Zum Kirchenbezirk von Mediasch gehören auch eine ganze Reihe von umliegenden Dörfern, die von insgesamt vier Pfarrern betreut werden. Eines davon in Hetzeldorf, wo das ungewöhnlich organisierte Altenheim der Diakonie liegt, das ebenfalls Ziel der Höchstadter Spenden war. Dort werden in drei nebeneinander liegenden ehemaligen Bauernhöfen 30 Senioren betreut, die die Höfe noch nach besten Kräften bewirtschaften und damit zu ihrem Unterhalt beitragen. Die Senioren züchten ein paar Schweine, Hühner und Hasen, beackern Kartoffel- und Getreidefelder, pflegen einen Gemüsegarten und ziehen sich sogar ihren eigenen Wein. Die Sachspenden aus dem Aischgrund, beispielsweise Rollstühle, viele Windeln, aber auch Kleidung wurden von Alten dankbar angenommen.

In Hetzeldorf fand am vergangenen Wochenende auch das zentrale Erntedankfest des Kirchenbezirks statt, bei dem die Höchstadter nicht nur Ehrengäste waren, sondern auch einen gerne gehörten Beitrag leisteten: Verstärkt durch einige Musiker aus Erlangen waren nämlich Heinz Friedrich Kiel und Mitglieder des Posaunenchors nach Siebenbürgen gekommen, hatten Festgottesdienst und Festnachmittag musikalisch begleitet und auch in der Mediascher Margarethenkirche ein Konzert gegeben. Und zu Ehren der Höchstadter Gäste luden die Mediascher auch noch zu einem geselligen Abend in ihr nagelneues Gemeindehaus ein.

Und gerade diese menschlichen Begegnungen waren es, die die auf den ersten Blick durchaus berechtigte Frage, ob die doch recht bescheiden gewordene Höchstadter Hilfe überhaupt noch Sinn mache eigentlich von selbst beantworte. Sie mache sehr wohl Sinn, sagte dazu Ursula Juga Pintican fast ein wenig beleidigt. Nicht nur aus materieller Sicht, sondern auch, weil sie den Siebenbürger Sachsen in Mediasch das Gefühl gebe, in Deutschland nicht vergessen zu sein.

Neue Pläne geschmiedet

Und in diesem Sinn wurden von den Höchstadtern dann auch schon Pläne geschmiedet. Eine Partnerschaft der Kirchenchöre beider Gemeinden wäre denkbar und selbst eine politische Partnerschaft wolle man nicht ausschließen. Schließlich habe sich Bürgermeister Brehm beim Jubiläumsbesuch der Mediascher im März dieser Aussicht nicht abgeneigt.

Angesichts solcher Aussichten hat dann auch Irmgard Conrad, die seit 20 Jahren die Seele der Höchstadter Hilfe ist und auch schon einmal an dem Fortbestand ihrer Aufgabe gezweifelt hat, beim Abschied die Frage eindeutig beantwortet: „Dann bis nächstes Jahr“.

Weitere Bilder unter www.nn-herzogenaurach.de

VON J. GRILLENBERGER

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