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Senioren protestieren gegen Kindergarten

Nürnberger Altenheim-Bewohner fühlen sich von Diakonie und Stadt übergangen - 21.09.2011 15:45 Uhr

Der Kindergarten im Erdgeschoss der „Wiesengrundresidenz“ in der Marpergerstraße ist bereits in Betrieb. Die dort wohnenden Senioren protestieren dagegen, wollten sich aber nicht fotografieren lassen.

© Manuela Prill


Wie berichtet, hat das Jugendamt auf den erhöhten Bedarf an Betreuungsplätzen im Stadtteil reagiert und kurzfristig 20 neue Kindergartenplätze geschaffen. Allerdings nicht, wie in einer Presseerklärung der SPD-Stadtratsfraktion gemeldet, in einem leerstehenden Café des Seniorenzentrums „An der Radrunde“, sondern in Räumen der Seniorenanlage „Wiesengrundresidenz“, die von der Diakonie angemietet sind und zuletzt als Begegnungsstätte für Demenzkranke genutzt worden waren.Wohnungseigentümer der Anlage reagieren nun empört auf den Einzug des Kindergartens, der bereits seinen Betrieb aufgenommen hat. Zum einen monieren sie, man habe sie nicht rechtzeitig informiert und in die Planung einbezogen. „Wir haben erst am 19. Juli durch Zufall davon erfahren“, sagt Wolf-Dietrich Birke, Sprecher der Eigentümergemeinschaft.

Der Zorn richtet sich gegen das Jugendamt und vor allem gegen den Geschäftsführer der Diakonie Nürnberger Süden, Bernd Michelberger. „Wenn er auf die Eigentümer zugegangen wäre, hätten wir wenigstens eine Chance gehabt,über alles zu reden, aber da wurde nun in Gutsherrenart über unsere Köpfe hinweg entschieden“, schimpft Birke.

Zum anderen sehen die Eigentümer die Nutzungsänderung der Räume als juristisch problematisch an. Bereits seit vier Jahren klagen sie gegen den Bauträger, die concepta Hausbau GmbH aus Brandenburg, um die genauen Besitzverhältnisse der besagten Räumlichkeiten. Denn ein Teilbereich der Fläche sei ihnen beim Kauf der Wohnungen als nutzbare Gemeinschaftsfläche versprochen worden. Eben dieser Bereich wird aber nun durch den Kindergarten belegt. „Hier läuft ein schwebendes Verfahren, man hätte gar keine Genehmigung für diese Nutzung erteilen dürfen“, meint Birke.

Teuer eingekauft

Damit nicht genug. Die gesamten Räume, die nun den Kindergarten beherbergen, seien ursprünglich als internes Restaurant für die Bewohner ausgelegt gewesen. „Wir haben uns nicht zuletzt wegen dieser versprochenen Versorgung hier teuer eingekauft und uns darauf verlassen, dass es so kommt“, so Monika Birke. Auch Doris Bär, deren Eltern eine Wohnung in der Residenz besitzen, ist darüber empört: „Man hat uns das Blaue vom Himmel versprochen, davon ist nichts übrig geblieben. Und jetzt ist da ein Kindergarten. Das passt überhaupt nicht zusammen.“

Bernd Michelberger von der Diakonie weist die Vorwürfe zurück. „Alles was wir versprochen haben, haben wir eingehalten.“ Das Restaurant habe man geschlossen, weil es von den Bewohnern nicht angenommen worden sei. Auch der Versuch, es als öffentliches Lokal zu führen, sei fehlgeschlagen, weil die Nachfrage zu gering gewesen sei.

aher habe man sich entschlossen, die Räume als Tagesstätte für Demenzkranke und nun für den Kindergarten zu nutzen. Michelberger verweist darauf, dass die Diakonie einen Mietvertrag für die gesamten Räumlichkeiten habe und vom Eigentümer eine Genehmigung für die Nutzungsänderung erteilt wurde. „Was der Bauträger den Leuten vor dem Kauf versprochen hat, das ist nicht unsere Sache. Das müssen die Eigentümer direkt mit ihm klären.“ Für den verloren gegangenen Ge-meinschaftsraum stellt er den Bewohnern Ersatz in Aussicht durch den Umbau einer nicht genutzten Sauna.

Auch beim Jugendamt wehrt man sich gegen den Protest. „Es stimmt, dass wir die Leute etwas spät informiert haben“, so Günter Richter. „Dafür haben wir uns bereits bei einem Vor-Ort-Termin entschuldigt.“ Im Hinblick auf die juristischen Unstimmigkeiten zwischen der Eigentümergemeinschaft und dem Bauträger winkt Richter ab: „Das sind privatrechtliche Streitigkeiten, die uns wirklich nicht interessieren“, sagt er, räumt aber ein: „Sollte es tatsächlich zu einem Urteil kommen, dass ein Teil der Räume Gemeinschaftseigentum ist, dann müssten wir ausziehen. Die Frage ist nur, ob man das wirklich will, die Kinder auf die Straße zu setzen.“

Genau darüber ist man sich innerhalb der Gemeinschaft nicht einig. Während einige der Meinung sind, Kindergarten und Seniorenresidenz passen nicht zusammen, oder gar befürchten, der Kindergarten stelle eine Wertminderung ihrer Eigentumswohnungen dar, sagen andere: „Wir wollen nicht dass die Kinder raus müssen. Es geht um die Art und Weise, wie man mit uns umgeht.“
 

Von Manuela Prill E-Mail

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