Verstärkung auf der rechten Seite

Aus dem Hamburger Chaos zum Club

Fadi Keblawi
Fadi Keblawi

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6.7.2022, 05:55 Uhr
Neuzugang auf der rechten Seite: Jan Gyamerah.

© Sportfoto Zink / Daniel Marr, Sportfoto Zink / Daniel Marr Neuzugang auf der rechten Seite: Jan Gyamerah.

Über den netten Versuch kann Jan Gyamerah immerhin schmunzeln. Wäre ja eine nette Überschrift, dass da einer aus Hamburg kommt und sich dann das große Ziel gibt, beim 1. FC Nürnberg den anerkannten Haus-Rechtsverteidiger und Ehren-Ultra Enrico Valentini schnörkellos auf die Ersatzbank zu verbannen.

Vorbei wäre es dann mit den schönen Valentini-Geschichten, die einmal quer über die Regensburger Straße auf das Vereinsgelände führen und ihrer Schönheit wegen vielleicht einmal zu viel erzählt worden sind.

In der letzten Saison sind die Valentini-Erzählungen schon weniger geworden, weil da plötzlich Kilian Fischer den Rechtsverteidiger geben durfte. Weil Fischer ebenso plötzlich nach Wolfsburg gewechselt ist, mussten sie beim Club Ersatz finden: Gyamerah.

Der spielte bis vor kurzem noch beim Hamburger SV und will jetzt natürlich der erste Rechtsverteidiger werden. Dass man so etwas aber nicht offensiv formulieren sollte, wenn man neu in Stadt und Verein ist und einen wie Valentini zum Kontrahenten hat, das weiß er auch. Er ist schon länger als Profi unterwegs.
Also formuliert er im Gespräch sehr freundlich, aber eben manchmal auch so, wie man das kennt in diesem durchorchestrierten Geschäft. Also sagt Gyamerah über sich und Valentini: „Er will spielen und ich will auch spielen.“ Er hat sogar die Idee, dass sich vielleicht ein System findet, in dem sie beide Verwendung haben, aber das muss man nicht so sonderlich ernst nehmen.

Entspannte Vorbereitung

Manchmal spricht auch der freundlichste und reflektierteste Fußballprofi in den Phrasen der Branche. Eine davon: Wie gut die Integration in einer neuen Mannschaft funktioniert. Gyamerah hat das einst erzählt, als er zum HSV gewechselt ist, und er sagt das jetzt ganz ähnlich. Er sagt aber auch, dass das im Fußball vielleicht einfacher ist als in anderen Jobs, „weil man das macht, was man wirklich mag und am besten kann.“ Vielleicht, sagt sein Trainer, liegt es einfach auch am Zeitpunkt der Saison. In der Vorbereitung, sagt Robert Klauß, gibt es eben noch nicht so viele Unzufriedene. Ob die Integration funktioniert hat, zeigt sich dann, wenn es ernst wird und einer vielleicht häufiger auf der Bank sitzt, als es ihm lieb ist.

Gyamerah will das nicht erleben. Er will wieder spielen. So, wie er das vor seinem Wechsel zum HSV in Bochum getan hat. Nach der Ankunft in Hamburg brach er sich das Wadenbein, was ihn zurück warf und vor allem geprägt hat. Gesund bleiben, sagt der 27-Jährige, ist seit diesem dramatischen Trainingsunfall wichtiger geworden als vorher.

Verwirrender Walter-Ball

Er ist seitdem auch gesund geblieben, hat in Hamburg aber nicht mehr so oft spielen dürfen, wie er es sich vorgestellt hat. Trotzdem schwärmt er, wenn er über die Zeit in Hamburg spricht. Über die Mitspieler, aber auch und vor allem über den Fußball, den sie unter dem sehr eigenwilligen Trainer Tim Walter gespielt haben.

Der sogenannte „Walter-Ball“ ist eine Marke geworden in Deutschland. Übersetzt wird das oft mit Chaos. Der Rechtsverteidiger kann da schonmal als Linksaußen auftauchen, wenn alles funktioniert. Wie Chaos, sagt Gyamerah, hat sich das auch für sie manchmal angefühlt, aber irgendwann haben sie sich nur noch darüber gefreut, dass sie die Gegner verwirren konnten. In Nürnberg muss er sich wieder an einen anderen Stil gewöhnen. Aber das klappt schon, sagt Gyamerah, unterfordert fühlt er sich nicht. Dann lächelt er. Wieder keine reißerische Überschrift produziert.

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