Heidenheims NLZ-Leiter im Interview

Prinzens Rolle 2014: "Einige Spieler waren mit den Köpfen schon woanders"

Nürnberg , am 17.07.2020..Ressort: Lokales Foto: Eduard Weigert.., {even....Uli Digmayer..........Mitarbeiterportrait
Uli Digmayer

Sportredaktion

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20.10.2021, 15:47 Uhr
Nach dem Abstieg 2014 blieb Roger Prinzen (r., mit Mike Frantz) nur noch die Rolle des Seelentrösters.

Nach dem Abstieg 2014 blieb Roger Prinzen (r., mit Mike Frantz) nur noch die Rolle des Seelentrösters. © imago sportfotodienst, NN

Herr Prinzen, Chelsea-Coach Thomas Tuchel hat im Sommer bei seiner Wahl zu Europas Trainer des Jahres gesagt, vielleicht müsste man den Preis eher nach Heidenheim fahren, „weil dort überragend gearbeitet wird“. Was macht man denn in Heidenheim so überragend?

Prinzen: Was den Verein von anderen vielleicht ein bisschen unterscheidet, ist die Kontinuität in der Zusammenarbeit. Ich darf hier ja auch schon in mein viertes Jahr gehen. Vorstand Holger Sanwald, einst ehrenamtlicher Abteilungsleiter in der Landesliga, hat das alles erarbeitet, der 1. FC Heidenheim ist sein Lebenswerk. Und er hat mit Frank Schmidt seit 14 Jahren einen Trainer an seiner Seite, der genauso tickt. Beide haben den Anspruch, sich immer weiterzuentwickeln, sich zu verbessern und mit dem Erreichten nie zufrieden zu sein, dabei aber auch stets realistisch und mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben. Als wir 2020 in der Relegation gegen Werder Bremen nach zwei Unentschieden wegen der Auswärtstoreregel nicht aufgestiegen sind, war das sehr bitter. Aber das hat uns auch geprägt: nie aufgeben, nie aufhören, an sich zu glauben! Und man achtet auch sehr darauf, welche Spieler geholt werden: Da geht es nicht nur darum, dass einer gut kicken kann, es muss auch charakterlich passen.

Frank Schmidt wird, wenn alles normal läuft, bald Volker Finke als deutschen Rekordtrainer ablösen. Wäre der 1. FCH ohne ihn überhaupt noch denkbar?
Prinzen: Im Moment kann sich das keiner vorstellen. Der Verein hat seine Prinzipien, nach denen er lebt und arbeitet. Wir sind beständig und haben Strukturen vorgegeben, die erfolgreich waren und an denen man festhält.

Wobei sich in Heidenheim auch niemand vorstellen konnte, dass es mal ohne Marc Schnatterer weitergehen kann…
Prinzen: Das stimmt. Auch da hat es sich der Verein nicht leicht gemacht, Marc war und ist in Heidenheim ja eine Kultfigur. Aber der Verein steht immer im Vordergrund und nicht einzelne Personen. Das ist bei uns keine Phrase.

Sechs Eigengewächse im Kader

Vor dieser Saison wurden wieder zwei Spieler aus der U19 zu den Profis befördert, aktuell stehen insgesamt sechs Eigengewächse im Zweitliga-Kader. Das spricht auf den ersten Blick für eine hohe Durchlässigkeit, wirklich Stammspieler ist aber eigentlich nur Kevin Sessa. Auch in Heidenheim ist eine Profikarriere also nicht unbedingt ein Selbstläufer?
Prinzen: Da wir anders als der 1. FC Nürnberg keine U21 haben, kann der Sprung zu den Profis nur direkt über die U19 gehen. Das ist auch ein riesiger Vertrauensbeweis der sportlichen Leitung unserem „Hartmannn NachwuchsLeistungsZentrum“ gegenüber. Wir haben wieder zwei Talente hochgezogen, die jetzt die Chance haben, mit der ersten Mannschaft zu trainieren, sich dabei auch körperlich weiterzuentwickeln und das Spieltempo anzunehmen. Tim Seifert wurde immerhin schon eingewechselt, das zeigt, dass den Jungs auch vertraut wird. In den letzten drei, vier Jahren haben es schon viele nach oben geschafft, auch wenn sie der zweite Weg dann vielleicht in die 3. Liga oder Regionalliga geführt hat. Natürlich wollen wir Spieler für unsere Profiabteilung entwickeln, aber auch Persönlichkeiten. Wenn sie es hier nicht schaffen, dann schaffen sie es woanders. Und haben im besten Fall noch ein gutes Abitur gemacht.

Sowohl die U17 als auch die U19 spielen in der Bundesliga. Wie wichtig ist die Zugehörigkeit dieser Teams zur höchsten Spielklasse für den Verein als Fundament?
Prinzen: Die Liga an sich ist für uns intern wichtig, damit wir am Wochenende einen guten Vergleich haben und sehen können, wo wir stehen. Wenn wir mal wie die U17 vor zwei Jahren absteigen, ändert das aber an unserer Arbeit nicht viel. Wir sind fleißig und bleiben dran.

Wie schwierig ist es, im Einzugsgebiet der Bundesligisten VfB Stuttgart und FC Augsburg Talente nach Heidenheim zu locken?
Prinzen: Das ist sicher nicht optimal, wenn die finanziell ernst machen, haben wir keine Chance. Mittlerweile kommen aber auch Spieler auf uns zu, wenn sie merken, dass sie es dort vielleicht nicht ganz schaffen. Auch deren Eltern und Berater sehen, dass das „Hartmann NachwuchsLeistungsZentrum“ in Heidenheim ein Sprungbrett sein kann. Wir sind ehrlich, bodenständig, fleißig. Unser Anspruch ist es aber, zuerst in unserer Region nach Talenten zu schauen, da wollen wir auch der Gesellschaft etwas zurückgeben. Wir werden keinen jungen Spieler aus Hamburg, Berlin oder Wolfsburg holen.

Andreas Wolf, Ihr ehemaliger Co-Trainer bei der Nürnberger U23, hat jetzt die U19 übernommen und sie an die Tabellenspitze der Junioren-Bundesliga geführt. Sind Sie überrascht, dass er das so hinkriegt?
Prinzen: Ein bisschen schon (lacht). Wer den Andi kennt, weiß: Laptop-Trainer ist er keiner, sondern ein sehr bodenständiger Typ. Die Zusammenarbeit damals war hervorragend, wir haben uns super ergänzt. Seine Entwicklung als Cheftrainer freut mich, die Ergebnisse sprechen für ihn. Bei uns haben sie Anfang Oktober ein enges Spiel mit 2:1 gewonnen. Und er hat gesagt, er hat auch ein paar Sachen von mir gelernt (lacht).

Pflegen Sie sonst noch Kontakte nach Nürnberg?
Prinzen: Zu Dieter Nüssing oder Oscar Cuquejo habe ich noch einen guten Draht. Auch mit NLZ-Leiter Michael Wiesinger habe ich mich in der Corona-Phase öfter mal ausgetauscht.

"Marek und ich haben unser Bestes gegeben"


Wiesinger hatten Sie im Oktober 2013 nach dessen Beurlaubung kurzzeitig als Interimscoach beerbt. Ihre zweite Mission als Nothelfer nach Gertjan Verbeeks Rauswurf endete mit dem Abstieg. War es im Nachhinein ein Fehler, erneut den Nothelfer zu geben, weil die Mannschaft tot war und nicht mehr zu retten?
Prinzen: Es war sehr ärgerlich, denn der Abstieg hätte nicht sein müssen. Einige Spieler waren mit ihren Köpfen schon woanders, da innerhalb von zwei Wochen noch den Schalter in der Mannschaft umzulegen, war schon fast unmöglich. Aber wenn ein Trainer vom Vorstand gefragt wird, ob er aushelfen kann, würde niemand nein sagen. Wenn ich nur an mich gedacht hätte, hätte ich es nicht machen dürfen. Marek Mintal und ich haben damals jedenfalls unser Bestes gegeben. Und ich glaube, die zwei Jahre danach als U21-Trainer konnte ich zeigen, dass ich Nachwuchsspieler zu Bundesligaspielern entwickeln kann und darüber hinaus eine damals junge Mannschaft zu einem Aufstiegskandidaten zur 3. Liga geformt habe.

Vermissen Sie es manchmal, als Trainer auf dem Platz zu stehen?
Prinzen: Als im Sommer unser U19-Trainer Timm Fahrion ausgefallen ist, habe ich da ausgeholfen, die Vorbereitung geleitet und die Mannschaft ein paar Spiele lang betreut. Die ersten ein, zwei Wochen waren schon heftig, bis man wieder in den Rhythmus reinkommt, da ich ja als sportlicher Leiter im „Hartmann NachwuchsLeistungsZentrum“ tätig bin. Aber im Herzen bin ich Trainer, nur deshalb kann ich diese Position auch so umsetzen.

Was trauen Sie denn dem Club in dieser Saison noch zu?
Prinzen: Sie stehen defensiv sehr stabil, das ist in der 2. Liga das wichtigste – ähnlich, wie es unter René Weiler der Fall gewesen ist, auch wenn Robert Klauß noch mehr in Pressing-Situationen will und öfter mit Raute spielt. Ich schätze, dass sich der Club am Ende der Saison in der Tabellenregion bewegen wird, in der er jetzt steht. Mit etwas mehr Glück und wenn keine Ausfälle oder Sperren dazukommen, ist vielleicht sogar noch ein bisschen mehr drin.

Ist Heidenheim am Samstag die erste Mannschaft, die den Club schlagen kann?
Prinzen: Ich habe gelesen, dass die letzten fünf Mal für uns in Nürnberg nicht viel zu holen war (zwei Remis, drei Niederlagen, Anm.d. Red.). Aber ich wünsche es uns natürlich umso mehr.


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