Abschied im Achteck

Totengedenken beim FCN: Darum spielte der Club mit Trauerflor

Andreas Pöllinger
Andreas Pöllinger

Online-Redaktion, Sport

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23.10.2021, 19:32 Uhr
Er ist nicht mehr da! Richard Albrecht wurde am Sonntag von den Fußballfreunden in Nürnberg würdevoll verabschiedet.

Er ist nicht mehr da! Richard Albrecht wurde am Sonntag von den Fußballfreunden in Nürnberg würdevoll verabschiedet. © Sportfoto Zink / Daniel Marr, Sportfoto Zink / Daniel Marr

Sie stellten sich sich auf in der Mitte des Spielfeldes, hielten vor dem Anpfiff inne. Doch auch im das rot-schwarze Feld umrahmenden Achteck - in den Kurven, auf der Haupttribüne und Gegengerade - rührte sich nichts. Die 22 in beiden Startformationen aufgebotenen Akteure und die 23.065 Zuschauer in Nürnberg schwiegen. Und gedachten Richard Albrecht. Dem Mann, den sie Nussknacker nannten.

Warum sie ihn so nannten? Damals schon in Markt Berolzheim, woher Richard Albrecht stammte. Wegen seines markanten Kinns, das vor dem Heimspiel gegen Heidenheim von der Anzeigetafel prangte. Vermutlich. Weil er als athletischer Angreifer da bereits gegnerische Abwehrriegel in Serie knackte? Im Auftrag des oberhalb der Altmühl ansässigen Fußballclubs. Vorstellbar.

Traurig auf der Jahreshauptversammlung

Richard Albrecht selbst kann man nicht mehr danach fragen. Der Meisterspieler von 1961 und Pokalsieger von 1962 ist nach langer und schwerer Krankheit bereits am 9. Oktober - vor zwei Wochen also schon - gestorben. Die Meldung dazu hatte der FCN am selben Tag noch auf seine Website gestellt. Und Aufsichtsratsboss Thomas Grethlein die Nachricht in die damals steigende virtuelle Mitgliederversammlung getragen. Es schließe sich, sagte der Chef des Kontrollgremiums traurig, damit ein Kreis. Mit dem Totengedenken beginnt der Club traditionell das Treffen mit seinen Mitgliedern.

1957 war Albrecht über den TSV Roth und Empfehlungsschreiben in der Bayernauswahl, der Schwager von Heiner Müller vermittelte ihn letztlich an den Alten Zabo, als Torschützenkönig zum Club gestoßen. Bei diesem machte der spielgewandte, schnelle und (abschluss-)starke Linksaußen einfach mit dem Toreschießen weiter. Auch wenn er beim Meistercoup gegen Dortmund 1961 aufgrund einer Meniskusverletzung fehlte, durfte sich Albrecht als Club-Champ fühlen. Beim Endspiel im Folgejahr - als sich nicht die Nürnberger, sondern die Kölner den Titel schnappten - bildete der Nussknacker neben Gustav Flachenecker, Max Morlock, Heinz Strehl und Reinhold Gettinger den altmeisterlichen Angriff. Als der Club im selben Jahr gegen Düsseldorf zum dritten Mal Pokalsieger wurde, war Albrecht ebenfalls mit von der Partie.

Lebendig im Kollektivgedächtnis

Bis 1965 bestritt der Stürmer, der bei Nürnbergs Bundesliga-Auftakt gegen die Hertha auf der linken Club-Bahn Otto Rehhagel begegnete, 137 Spiele. Und markierte dabei 40 Treffer. "Wir sind sehr traurig über den Tod von Richard Albrecht. All unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei den Angehörigen", wurde Niels Rossow damals auf der vereinseigenen Website zitiert. "Richard Albrecht wird für immer in den Club-Herzen und somit ein bedeutender Teil der Club-Geschichte bleiben", ergänzte an gleicher Stelle Dieter Hecking.

Im Kollektivgedächtnis der Stadt und des Vereins ist die Erinnerung an Richard Albrecht lebendig. An den Mann, der die gegnerischen Abwehrriegel in Serie knackte. Das merkte man auch während der Schweigeminute vor dem Anstoß gegen Heidenheim. Und daran, dass der Club im Gedenken an den Nussknacker mit Trauerflor spielte. Nachdem sie sich aufgestellt und innegehalten hatten. In der Mitte des Feldes.

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