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100 Jahre kicker: Montags und donnerstags war "Bibelstunde"

Die Redakteure von NN und NZ erinnern sich - 14.07.2020 08:49 Uhr

Günter Netzer und Wolfgang Overath lesen gemeinsam den kicker.

© e-arc-tmp-20200708_154737-8.jpg, NN


Marco Puschner: VfR OLI Bürstadt, Wormatia Worms, Rot-Weiß Lüdenscheid, VfB Eppingen. Es dürfte im Herbst 1980 gewesen sein, als ich mit sieben Jahren auf diese lustigen Vereinsnamen stieß. Mein Vater hatte mich ganz klischeemäßig in jener Saison 1980/81 erstmals mit zum Club genommen. Der spielte seinerzeit zwar in der Bundesliga, war aber (wie sollte es anders sein) abstiegsgefährdet, und deswegen interessierte ich mich wohl gleich auch für die 2. Liga. Die war damals noch zweigeteilt (in die Staffeln Nord und Süd) und bot daher besagten Exoten Raum. Schon 1981 legte der DFB die beiden zweiten Ligen freilich zu einer zusammen und machte die bunte Vielfalt platt. In der neuen Langweiligkeit war für Bürstadt und Co. kein Platz mehr.

Ich wähnte die Underdogs im Fußball-Nirvana, doch der kicker bot Trost. Dort entdeckte ich nämlich Ende 1981 die Seite mit den acht Tabellen der (damals drittklassigen) Oberligen. Und hier fand ich nicht nur den VfR OLI Bürstadt wieder, sondern auch ganz viele andere tolle Namen. Etwa TuSpo Ziegenhain, Atlas Delmenhorst, Hassia Bingen, STV Horst-Emscher, SuS Hüsten 09 oder Eintracht Glas Chemie Wirges. Noch heute, 40 Jahre später, beginne ich meine kicker-Lektüre meist ganz weit hinten und gucke, was zum Beispiel Optik Rathenow oder der FK Pirmasens in der viertklassigen Regionalliga so treiben. Wen interessiert da schon Bayern München?


100 Jahre jung: Der kicker feiert Jubiläum


Uli Digmayer: Montag, 7.40 Uhr, im Klassenzimmer eines oberfränkischen Gymnasiums, irgendwann zu Beginn der 80er Jahre. Die Notenkonferenz tagt. Gerhild aus Pottenstein, Alexandra aus Kleinkirchenbirkig (Namen von der Redaktion nicht geändert) und der Autor stecken die Köpfe zusammen und sezieren mit kritischem Blick die Zensuren der Bundesliga-Profis unter besonderer Beachtung des 1. FC Nürnberg und des 1. FC Köln. Die Mädels standen auf "Litti", ich verehrte Jürgen Täuber, Horst Weyerich und Rudi Kargus. Wurden sie schlechter als mit einer 3 bewertet, empfanden wir das als persönliche Beleidigung. Keine Ahnung, diese Schreiberlinge! Und doch war ihr Wort Gesetz. Und jeden Montag und Donnerstag Bibelstunde.

Seit 100 Jahren ein Heft für alle Alters - und Leistungsklassen: Hier lesen die Nationalspieler Berti Vogts (li.) und Hannes Löhr bei der Weltmeisterschaft 1970 den kicker.

© Foto: imago


Im Laufe der Jahre sammelten sich im Kinderzimmer imposante Papierberge, die dort auch noch lagerten, als der Sohn des Hauses längst ausgezogen war. Irgendwann warf meine Mutter heimlich einen kompletten Jahrgang: in den Müll. Wird er schon nicht merken.

Er merkte es. Das kicker-Gate beschwor einen der größten Konflikte unserer ansonsten harmonischen Familiengeschichte herauf. Irgendwann musste aber auch ich mir eingestehen, dass man bei Bedarf die Torschützen zum 3:0 gegen den FC Homburg vom 25. Mai 1985 recht praktisch in diesem Internet nachschauen kann. Mehrere Kartons wanderten zur Altpapiersammlung, pro Kilogramm gab es für die Kirchengemeinde bares Geld. Wie es heißt, sollen sie vom Erlös noch heute ihr jährliches Dorffest in der Gemeinde finanzieren.

Mein Kindheitstraum, kicker-Redakteur zu werden, hat sich leider nicht erfüllt. Bis ins Nebengebäude habe ich es aber immerhin geschafft. Gelegentlich durfte ich auch ein paar Zeilen fürs Fachblatt schreiben. Und ich war sogar schon selbst drin: Als wir mit unserer Sportjournalisten-Auswahl ein Hallenturnier gewannen, kürte uns der Kollege auf der letzten Seite der Donnerstagsausgabe samt Foto zur "Mannschaft der Woche". Ich hoffe inständig, Gerhild aus Pottenstein und Alexandra aus Kleinkirchenbirkig haben es auch gesehen.


Carlo Wild beim kicker: Aus Liebe zum Spiel


Andreas Franke: Es war Anfang Oktober 1990. Ich hatte meinen ersten Tag als Volontär bei den Nürnberger Nachrichten. Mittags gingen wir Neulinge ehrfurchtsvoll in die Kantine des Verlags. Da fiel mein Blick auf das Nachbargebäude. kicker, stand da. Hm, komisch, dachte ich im ersten Moment. Wie das Fußball-Magazin, dass ich schon als ZwölfjJähriger im Abo in meiner Heimatstadt gelesen hatte. Als Fan vom VfL Osnabrück und Werder Bremen verfolgte ich damals natürlich den Liga-Betrieb, auch im kicker.

Moment mal, dachte ich mir, kommt der kicker etwa tatsächlich aus Nürnberg? Das ist ja ein Zufall. Direkt neben dem Verlag, in dem ich als Jung-Journalist angefangen hatte. Als ich meinen "Volontärs-Vater" darauf ansprach, erklärte er mir: Der kicker erscheint im Olympia-Verlag, und der gehört zu dem Unternehmen, in dem ich als Volontär eingestellt worden war.

Heute, 30 Jahre später, verfolge ich immer noch den Liga-Betrieb; wenn auch nicht mehr so intensiv wie früher. Montag und Donnerstag gehört aber weiterhin dem kicker. Gerade donnerstags erinnert mich die jeweilige Ausgabe noch an die alten Hefte von früher. Sonst nutze ich die App auf meinem Handy. Und muss immer wieder feststellen: In Nürnberg wissen viele gar nicht, so wie ich damals, dass das kicker-Sportmagazin in ihrer Stadt erscheint. Schade eigentlich . . .

Sebastian Böhm: Boateng spielt also immer noch beim FC Bayern. Soso. Ben entdeckt derlei Ungeheuerlichkeiten neuerdings beim Frühstück. Ein Glas Wasser, das unangerührt noch immer so dasteht, wenn Ben längst im Kindergarten ist, eine Schüssel Dinkelpops, in die Mama heimlich Haferflocken reinrührt, ein kicker. Diesmal das Sonderheft zum Start der abgelaufenen Bundesliga-Saison. Zu dessen Erscheinung war Ben vier Jahre alt und Boateng egal. Seit ein paar Wochen zerrt er statt des Lego-Katalogs einen kicker hervor. Genauso wie das bei Henri war. Bens Bruder aber liest den kicker nicht mehr, er atmet ihn ein. Er liebt Aufstellungen, Noten, Ranglisten, Pardon, DIE Rangliste. Zufrieden ist er damit nie. "Schwolow auf elf – ernsthaft?" Ich versprach ihm, rüber zu gehen und nachzufragen, wie es dazu hatte kommen können. Ben und Henri spielen gerne Fußball, aber ohne Leidenschaft. Selten ist der Fernseher eingeschaltet, noch seltener läuft Fußball, Ben und Henri schauen dann zu, aber sie verlangen nie danach. Zu Fußball-Fans hat sie der kicker gemacht. Henri leidet mit Dortmund. Ben schwärmt für den 1. FC Köln. Ein echtes Tier als Maskottchen, wie cool ist das denn?
Mir ist der kicker zu langweilig, zu bemüht. Meine Söhne lieben ihn. Dass ihr Papa über Sport schreibt, würdigen sie bestenfalls mit einem mitleidigen Lächeln. So lange ich nicht für den kicker schreibe, werden sie mich nicht ernstnehmen können.

Auch digital ein Erfolg: Der kicker hat sich weiterentwickelt.

© Foto: Stefan Hippel


Katharina Tontsch: Der Weg zum Zweit-Job war nicht weit. Während meine Kollegen Feierabend machten, ging es für mich eine Tür weiter zur nächsten Schicht. Nürnberger Nachrichten und kicker haben ihre Zentrale direkt nebeneinander, über eine Abkürzung im Keller kommt man von einer Redaktion in die andere, ohne das Haus zu verlassen. In meiner Ausbildung bin ich diesen Weg häufig gegangen. Ich war parallel zu meinem NN-Volontariat auch Mitarbeiterin bei kicker online.

Freunde und Kollegen haben mich damals für verrückt erklärt, weil ich zusätzlich zu einer Vollzeit-Stelle noch Abend- oder Wochenenddienste übernommen habe. Für mich aber war das gar keine Frage. Selbst nicht, als ich einmal den halben Abend
verzweifelt versuchte, in der Europa-League-Gruppenphase die Spieler von Qarabag Agdam bloß nicht falsch zu schreiben. Stunden habe ich in der kicker-Redaktion vor Computer und Fernseher verbracht. Zuhause war ich meist erst gegen Mitternacht.

Doch es hat sich nie angefühlt wie Arbeit. Es war bezahltes Fußballschauen mit gleichgesinnten Sport-Verrückten. Zwar nicht auf dem Sofa und in der Regel ohne Bier. Stattdessen aber gab es einen Adrenalinschub nach dem anderen, wenn kurz vor Schluss ein Tor fällt, der Spielbericht längst hätte fertig sein müssen oder der Kollege am Nachbar-Schreibtisch beim Siegtreffer laut aufschreit. Diese Emotionen waren unbezahlbar. Und jeden Weg nach meinem Volo-Feierabend wert.

Jo Seuss: Zum ersten Mal hatte ich den kicker bei meinem Bäckeronkel in der Nähe von Kulmbach in der Hand. Deshalb verbinde ich ihn bis heute mit dem Duft von frischen Brötchen, der all die Zahlen, Daten und Fakten über den Fußball umspült. Später war der kicker die erste Zeitschrift, die ich mir
als Sechstklässler vom Taschengeld gekauft habe. Nach dem Maschineschreiben-Unterricht am Montagnachmittag im Johannes-Scharrer-Gymnasium ging ich nebenan in den Schreibwarenladen, wo mir der nette Herr Haas bald eine Ausgabe zurücklegte, weil er wusste, dass ich kommen würde.

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Den Montagskicker für zwei Mark las ich von vorn bis hinten. Weil einfach mehr drin stand, als im Radio und Fernsehen berichtet worden war. Nicht zuletzt die Noten für die Spieler interessierten mich sehr. Und ich fühlte mich als Experte, wenn der kicker das Club-Spiel ähnlich bewertete wie ich. Immer noch im Ohr ist mir die sägend-näselnde Stimme, die in der Halbzeit im Stadion erklang, wenn "der Ergebnisdienst von kicker Sportmagazin, Deutschlands größter Sportzeitung" den Spielstand der anderen Partien durchgab.

Damals hielt man den Atem an, heute genügt ein Blick auf die "kickerApp", um Bescheid zu wissen. Ja, die (Fußball-)Welt hat sich verändert, der kicker ist zum Glück noch da. Und gern denke ich an die "Starschnitte" zurück, die ich sammelte und zusammengeklebte. Wie Klaus Fischer beim Fallrückzieher. Er hing lange bei mir an der Wand.

Marco Puschner, Uli Digmayer, Andreas Franke, Sebastian Böhm, Katharina Tontsch, Jo Seuss

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