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100 km am Laufband: Regionale Ausdauer-Szene staunt

Ultraläufer Florian Neuschwander stellte inoffiziellen Weltrekord auf - 06.02.2021 11:12 Uhr

Ultraläufer Florian Neuschwander stellte auf dem Laufband in einer Turnhalle im bayerischen Chiemgau einen inoffiziellen Weltrekord über 100 Kilometer auf. Der von Sponsoren unterstützte Profi vermarktete seine Aktion auf digitalen Kanälen prominent.

05.02.2021 © Foto: Pushing Limits Mediahouse/dpa


Mit Extremen kennt sich Richard Kirschner bestens aus. So zog der Dietfurter im vergangenen August "spontan" los, um die Strecke des Jurasteig Nonstop Ultratrail (Junut) an einem Wochenende im Alleingang zu absolvieren.

Vom Heimatort entlang des Altmühltals über Kelheim, Regensburg und Schmidmühlen ließ er sich nach zwölf Stunden etwa alle sechs Stunden Essen bringen, gönnte sich jedoch bei keiner Rast nennenswerten Schlaf und brachte trotzdem genug Körner auf, nach 170 km bei Kastl auch noch den längeren Rundkurs über Neumarkt zu vervollständigen. 2019 legte Kirschner die 239 km mit knackigen 7500 Höhenmetern unter Wettkampfbedingungen in 44 Stunden zurück, weiß deshalb die "Riesenleistung" eines Szenekollegen umso besser einzuordnen.

Lust auf kulinarische Belohnung durchbricht enge Gedankenwelt

Florian Neuschwander, ein 39-jähriger Ultraläufer aus dem Saarland, startete am 30. Januar in einer Turnhalle im Chiemgau zu einem 100-km-Rekordversuch auf dem Laufband, unterbot in 6:26:12 Stunden am Ende tatsächlich die bisherige Bestmarke eines US-Amerikaners um satte 13 Minuten. Während der Aktion allein aufgrund der Kontaktbeschränkungen die offizielle Anerkennung durch einen Eintrag ins Guiness-Buch verwehrt bleiben wird, klatschten prominente Triathlon-Stars wie Patrick Lange oder Sebastian Kienle aus der Entfernung digitalen Beifall. Über Videoschalte wurden sie wie viele andere Interessierte nicht nur passive Zeugen, sondern begleiteten Neuschwander zu Fuß oder auf dem Rad ebenfalls in Bewegung.

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Der Ansporn durch die Geselligkeit, die Optimal-Bedingungen ohne Steigungen und Witterungseinfluss, schmälern die Herausforderung aus Sicht von Richard Kirschner nur geringfügig. "Für so etwas musst du wahnsinnig fit sein", konstatiert der 23-Jährige, der in flachem Gelände einmal 73 Kilometer am Stück hinter sich gebracht hat. "Es braucht eine perfekte Verpflegung. Nach den ersten drei bis vier Stunden geht es ans Eingemachte, die Muskulatur verkrampft sich und manchmal kommen Magenprobleme dazu. Man muss die Zähne zusammenbeißen und sich immer wieder motivieren, sein Tempo gleichmäßig zu halten, obwohl es richtig weh tut. Mit jeder Gehphase wird es nur schwerer."


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Dabei bewies Neuschwander, den Kirschner über soziale Kanäle seit längerem beobachtet, besonderes Geschick darin, die Kraftreserven ohne die Hilfe eines Pulsmessers einzuteilen. Bis die Erschöpfung auf der Zielgerade von einem natürlichen Adrenalin-Schub für kurze Zeit überlagert wird, kreisen die Gedanken des Dietfurter Dauerbrenners hauptsächlich um die taktischen Vorgaben und den eigenen Rhythmus, hin und wieder erlaubt sich Kirschner allerdings die Vorstellung an eine spätere kulinarische Belohnung. "Sonst dreht man am Rad." Noch unangenehmer aber erscheint ihm, der momentan neben der Vollzeit-Arbeit locker 150 Kilometer pro Woche ausschließlich an der frischen Luft abspult, die mentale Belastung auf dem Laufband. 69582 Schritte "auf eine statische Wand zu starren, das wäre die Hölle für mich", sagt Kirschner.

Kälte, Nässe, Wind, zieht zur Not auch ein Michael Lang der Monotonie vor. Im geschlossenen Raum traut sich der Laufband-Verweigerer aus Postbauer-Heng "maximal zehn Kilometer" zu. Immerhin wagte sich der international hochdekorierte 39-Jährige, der in den vergangenen Jahren einen bestechenden Ehrgeiz in Cross- und Straßenlauf-Disziplinen entwickelte, schon an den Marathon heran. Wobei es von Experten bei derlei Distanzen als völlig normal erachtet werde, im Training nicht mehr als 60 bis 70 Prozent der Wettkampflänge zu testen. "Der erste Teil vergeht ohnehin wie im Flug. Spätestens ab Kilometer 35 fangen dann die Probleme an. Ein kleiner Teufel auf der Schulter rät einem zum Aufhören. Doch Umkehren dauert noch länger, rede ich mir an der Stelle ein", verrät Lang.

Exzessiver Uhrentick führt zu Unruhe

Mehrfach rechne er im Kopf nach dem aktuellen Stand der Geschwindigkeit die verbleibende Zeit herunter und schielt hoffnungsfroh auf die Wegmarkierungen, doch übertreiben sollte man es mit dem Uhrentick nicht. "Sich öfter als einmal pro Kilometer zu überprüfen, führt nur zur Hektik." Dankbar um jede Abwechslung, sauge er als Solist, der sich zur fortgeschrittenen Rennzeit kaum an einen Vordermann heranpirschen kann, die Anfeuerungen von Zuschauern oder Landschaftseindrücke auf. Freilich geschehe die Wahrnehmung der Atmosphäre für Sekundenbruchteile mehr oder weniger "unterbewusst".

Umso größer ist Langs "Respekt" vor einem "positiv Verrückten" Florian Neuschwander, dessen von Sponsoren finanziertes Projekt er als "Werbung für den Laufsport" begrüßt. Sicherlich "kannst du so etwas nicht jeden Tag machen".

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