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15 Freunde und ein Fußball-Märchen: Der Club 1968

Der Meistertitel von damals blieb der bis heute letzte für den 1. FC Nürnberg - 25.03.2018 11:48 Uhr

Die Nürnberger Meister mit der Schale im Städtischen Stadion (von oben links): Georg Volkert, Gustl Starek, Zvezdan Cebinac, Heinz Müller, Heinz Strehl, Helmut Hilpert, Trainer Max Merkel, Luggi Müller, Hubert Schöll (hintere Reihe), Horst Leupold, Charly Ferschl, Fritz Popp und Gyula Toth. Auf dem Bild fehlen (wie erstaunlicherweise auf allen Meister-Mannschaftsfotos aus dem Stadion) die Stammspieler Roland Wabra, Nandl Wenauer und Franz Brungs. © dpa


Wäre es nach dem 1. FC Nürnberg gegangen, hätte es diese Bundesliga damals noch gar nicht gegeben. Beim Club sah man, wie fast überall in Süddeutschland, die Idee skeptisch. Eine nationale Spielklasse, das würde nicht zu Deutschland passen, noch knapp ein Jahrhundert nach der Reichsgründung 1871 pflegte man im Fußball die Kleinstaaterei. Von den Kosten ganz zu schweigen: Viel zu teuer, das war eine verbreitete Befürchtung, würde die Bundesliga für die Vereine werden.

Fußballspieler konnten damals zwar längst Geld verdienen, 250 bis maximal 1200 D-Mark im Monat sollten es sein, in Ausnahmefällen – "für besonders qualifizierte Spieler", wie es in den Regeln hieß – bis zu 2500 Mark, darüber befanden Gutachter des neuen Bundesliga-Ausschusses. Aber in der Professionalisierung des Spiels sah man ein Risiko, der Amateurgedanke war noch sehr modern. Und das Geld: Würde es das Publikum nicht abschrecken?

Ob der Nürnberger Club, damals mit acht Meistertiteln der mit Abstand erfolgreichste Verein im Land, und diese 1963 gegründete neue Bundesliga zusammenpassen würden, war in Franken die bange Frage – sie ist erstaunlich aktuell im Rückblick auf mehr als ein halbes Jahrhundert, im Grunde ist sie nie ganz beantwortet worden, und die größte Geschichte, die der 1. FC Nürnberg im Fußball-Oberhaus schrieb, steht seither sinnbildlich für diesen Verein.

Sie beginnt im Winter 1966/67, sie beinhaltet: alles. Selbst Heiner Stuhlfauth, Nürnbergs Torwart-Legende aus den Goldenen Zwanzigern, in denen der Club als fünfmaliger Meister der hellste Stern am deutschen Fußball-Himmel war, kommt noch vor; seine letzten Lebensjahre verbrachte Stuhlfauth auch damit, sich um seinen Club zu sorgen. Zwar hatte der 1. FC Nürnberg für die Entlohnung seiner Lizenzspieler mehrheitlich Sondergenehmigungen erhalten, aber finanzieller Aufwand und sportlicher Ertrag standen in einem Missverhältnis.

Der Club lief dem eigenen Anspruch hinterher; "Altmeister", den Begriff konnte man tatsächlich schon damals lesen. Nürnberg: "Eine der Traditionsmannschaften, die geweckt werden müssen", das sagte 1967 der Alt-Bundestrainer Sepp Herberger – auch dieser Satz klingt nach Jahrzehnten erstaunlich aktuell.

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Als das Nürnberger Stadion einmal Victory-Stadium hieß

Das "Max-Morlock-Stadion", der oft geäußerte Wunsch vieler Club-Fans, ist Realität geworden. Die Arena des Altmeisters ist nun nach der Vereinsikone, die Deutschland 1954 in Bern zum Weltmeister machte und für den FCN über 22 Jahre lang Treffer an Treffer reihte, benannt. Doch wie hieß die Spielstätte der Rot-Schwarzen eigentlich früher? Auf jeden Fall vielversprechend: Ausgerechnet Victory-Stadium tauften sie die Amis nach dem Zweiten Weltkrieg.


"Der Verein gefällt mir gar nicht mehr", sagte Stuhlfauth in seinem letzten Interview. Und der zu seinen Glanzzeiten wohl beste Torwart der Welt war erst seit einem halben Jahr gestorben, als der 1. FC Nürnberg im Februar 1967 auf den letzten Platz der Bundesliga absackte. Alle Hoffnungen, der alte Glanz, begraben mit Stuhlfauth – so mutete es an, mit dem zuvor reaktivierten Jenö Csaknady war gerade wieder, zum siebten Mal seit 1963, ein Trainer entlassen worden. "Der Club", spottete der feinsinnige Ungar, "ist ein Trainer-Friedhof." Das Publikum murrte erst und blieb dann aus. Krisen sind keine Erfindung des modernen Fußballs.

Aber "ein böser Traum", wie es Nürnbergs Jahrhundertspieler Max Morlock, einer der Weltmeister von 1954, gut zwei Jahre später sagte, sollte es erst noch werden – einer, für den sich das Schicksal eine Volte ausdachte, die einzigartig blieb in der Sportgeschichte. Der 1. FC Nürnberg stieg zwar tatsächlich ab. Aber erst im Mai 1969 und als Deutscher Meister. Bis heute rätselt die Fußball-Forschung, welche der beiden Sensationen wohl die größere war.


+++ Der Champions-Blog! Nürnbergs Meisterstück 1968 +++


Im Januar 1967 hatte in Nürnberg die Moderne begonnen. Mit dem Moneten-Max, wie er genannt wurde, dem Trainer Max Merkel, "der schon ein Profi war, als es dieses Wort noch gar nicht gab", wie der damalige Nürnberger Jugendspieler und spätere Club-Kapitän Dieter Nüssing über den Wiener noch heute sagt. Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger verdiente damals 8822 Mark im Monat, Merkel in Nürnberg sagenhafte 11 000 (mehr als doppelt so viel wie Zlatko Cajkovski beim FC Bayern). Er war der erste Star-Trainer, als es auch diesen Begriff noch nicht gab, und früher als alle anderen erkannte er, welches Unterhaltungspotenzial das Spiel und dessen Vermarktung haben könnten.

Der Sohn eines preußischen Offiziers und einer Wienerin, gestartet mit zunächst vier sieglosen Spielen, kurierte diesen Club auf seine Art. "Geld ist die beste Psychologie", davon war Merkel überzeugt, er kürzte die Grundgehälter, führte Prämien ein – und scheuchte das Team auf bis dato unbekannte Weise über den Trainingsplatz. Im Sommer 1967 hatte sich Nürnberg auf Rang zehn gerettet, mehr als Mittelmaß traute man dem Club aber nicht mehr zu. "Und das alles muss man bedenken, wenn man sieht, was dann passiert ist", sagte Heinz Strehl, der Mannschaftskapitän, im Rückblick auf eine Spielzeit, die manchmal anmutete wie ein zu groß, zu schön geratener Traum.

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Heißer Stuhl mit Kurzzeitpolster: Die Club-Trainer seit 1963

Seit Gründung der Bundesliga ist der 1. FC Nürnberg durch bewegte Zeiten gegangen. Zahlreichen Abstiegen steht eine Meisterschaft und der Gewinn des DFB-Pokals entgegen. An der Seitenlinie: Wechselnde Besetzung. Wir haben die Trainer in Bildern.


"Die härteste Vorbereitung, die ich je erlebt habe", nannte Stürmer Franz Brungs die Wochen vor dem Spieljahr 1967/68, in das Hannover 96, das den jungen Mönchengladbacher Stürmer Jupp Heynckes verpflichtet hatte, als einer der Favoriten ging. Auch der aufstrebende FC Bayern München mit Talenten wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier galt als Anwärter, in Mönchengladbach wuchs die Fohlenelf um Günter Netzer heran. Der Titelverteidiger hieß Eintracht Braunschweig.

Max Merkel, der ein Jahr zuvor den TSV 1860 München zum Meistertitel geführt hatte, verpflichtete mit Gustl Starek von Rapid Wien und dem Jugoslawen Zvezdan Cebinac von der PSV Eindhoven zwei neue Stammkräfte – aus dem Ausland, das war noch ungewöhnlich, ganze 24 Ausländer spielten 1967/68 in der Bundesliga. Der Trainer-Zampano hatte einen sicheren Blick für die in Nürnberg versammelten Möglichkeiten – und verstand es, den Ehrgeiz einer unterschätzten Mannschaft "mit Zuckerbrot und Peitsche" (wie er seine 1968 erschienene Autobiografie betitelte) anzustacheln.

"Die Leute kamen zurück ins Stadion und staunten"

"Max Merkel wusste, was er tun musste, um uns bei Laune zu halten", sagte Franz Brungs. Motivation, so heißt das heute. "Wir waren keine Spitzenmannschaft, aber Merkel hat uns hochgetrimmt", erklärte der Abwehrstratege Nandl Wenauer. Das heißt heute Methodik, Trainingssteuerung. Und was man heute ein mündiges Team nennt, führten zum Beispiel Neuzugang Cebinac und der Ur-Nürnberger Horst Leupold vor. Der jugoslawische Rechtsaußen und der Verteidiger aus der Gartenstadt, der dem 1. FC Nürnberg an seinem zehnten Geburtstag beitrat, dachten sich ein modernes Wechselspiel auf dem Flügel aus, wie es später die holländische Schule zur Vollendung bringen sollte.

Was Nürnberg dann erlebte, nennt man noch heute so: einen Lauf; die Mannschaft war auf einmal stärker als die Summe ihrer Teile, mit jedem Sieg wuchs das Vertrauen, die Leute kamen zurück ins Stadion – und staunten, sie liebten diese Mannschaft. "Wir Spieler, der Club, Nürnberg, alte und junge Menschen, alles war eins", sagt Leupold, "jeder war stolz auf den Club, das vergisst man nie." "Wir haben einen Lauf gehabt, wie man ihn selten erlebt", sagt Torjäger Brungs.

Nach drei Spieltagen und einem 4:0 über den HSV steht der 1. FC Nürnberg an der Spitze – eine Momentaufnahme, glaubt die Konkurrenz, aber es folgt ein kunstvoll herausgespieltes 1:0 über Borussia Mönchengladbachs Fohlenelf, am 2. Dezember 1967 sorgt ein rauschhaftes 7:3 über den FC Bayern für Furore im ganzen Land. Mit sieben Punkten Vorsprung liegt der Club zur Saison-Halbzeit vorne – und gibt Platz eins nicht mehr ab.

Die Mannschaft ist austrainiert, aber nicht müde, es gibt keinen einzigen verletzungsbedingten Ausfall, und von der in dieser Saison erstmals eingeräumten Möglichkeit, einen Spieler auszuwechseln, macht Merkel raffiniert Gebrauch. Der Wiener Starek avanciert zu einem der ersten Joker der Liga.

Nur zwölf Fußballer kommen regelmäßig zum Einsatz, drei weitere sporadisch, insgesamt ist es die kleinste Mannschaft der Liga, weniger Spieler setzte in 54 Jahren Bundesliga kein Meister ein. Die Stammelf gibt sich keine Blöße, ein aus Heidenheim geholtes Talent namens Horst Blankenburg spielt in der Liga nicht eine Minute – und wird Jahre später an der Seite des Jahrhundert-Genies Johan Cruyff mit Ajax Amsterdam drei europäische Meisterpokale gewinnen. Bis auf Starek, Cebinac, den ungarischen Ersatztorwart Gyula Toth und den Rheinländer Brungs kommen die angehenden Meister allesamt aus Franken. "Wir waren 15 Freunde, fast eine Familie", sagt Horst Leupold – und noch heute treffen sie sich einmal im Monat.

Udo Jürgens sang auf der Weihnachtsfeier

"Wir haben uns ja seit Jugendzeiten gekannt", sagt Leupold, der wie Nandl Wenauer keine Spielminute verpasste, und so hielten sie zusammen, als im März 1968 vier Wochen lang kein Sieg mehr gelang. Das 2:0 über den FC Bayern im Grünwalder Stadion von Giesing machte am 18. Mai die Sensation perfekt, der neunte Meistertitel für Nürnberg war der unerwartbarste – der eineinhalb Jahre zuvor schon abgeschriebene Club schien endlich richtig angekommen in der Bundesliga.

Auf der Meisterfeier sang Udo Jürgens, der Club war chic, der angehende Weltliterat Peter Handke schrieb "Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. 1. 1968", Heldengesang und Figurengedicht und heute Zeugnis einer Epoche, die mit dem Abstieg der Meister im Mai 1969 als Nürnberger Tragödie ein einmaliges Kapitel der Fußball-Historie darstellt. Merkel wollte aus dem Club ein internationales Ereignis machen, krempelte das Team völlig um – mit Brungs musste sogar der erfolgreichste Torschütze gehen – und verlor Maß und Ziel. Er hatte völlig unterschätzt, was die Mannschaft so stark gemacht hatte, für Werte wie Freundschaft oder wenigstens Zusammenhalt sah er keinen Platz im modernen Fußball. Merkel demontierte, was sie gemeinsam aufgebaut hatten.

Das schöne Glück zerbrach so jäh, wie es gewachsen war, für neun lange Jahre stürzte Nürnberg in die Zweitklassigkeit, es waren die Jahre, in denen der Fußball begann, richtig zum Geschäft zu werden. Sieben Auf- und weitere sieben Abstiege sollten folgen. Die Bundesliga wurde zur Erfolgsgeschichte – ohne "der Deutschen liebstes Fußball-Kind". Das schrieb damals der Spiegel – in einem Nachruf auf einen Club "mit ungewisser Zukunft". Auch dieser Satz hat seine Gültigkeit nie mehr verloren. 

Hans Böller E-Mail

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