Legendäres Traininslager 1965

Als das DFB-Team in Zirndorf gastierte

19.6.2021, 06:00 Uhr
Noch ein Empfang: Die Nationalmannschaft im Rittersaal der Nürnberger Burg am Tag vor dem England-Spiel.

Noch ein Empfang: Die Nationalmannschaft im Rittersaal der Nürnberger Burg am Tag vor dem England-Spiel. © e-arc-tmp_20150401-174403-001.jpg, NN

Von den deutschen Fußball-Nationalspielern mitzubringen waren: "Zwei Paar in gutem Zustand befindliche Fußballschuhe, darunter die Nockenschuhe. Zur Ausrüstung zählen fernerhin Laufschuhe, Badehose, Waschzeug, Schuhputzzeug, Schlafanzug und eine für die angegebene Zeit ausreichende Ausstattung an Ober- und Unterwäsche sowie Strümpfen." Die Spiel- und Trainingskleidung stellte der DFB, allerdings nicht für die Torhüter.

Also machten sich am 9. Mai 1965 genau 16 Spieler auf den Weg nach Nürnberg. Einen Tag, nachdem das Aufgebot im "zweiten Programm des Fernsehens" veröffentlicht worden war. So steht es im offiziellen, auf einer Schreibmaschine verfassten Informationsschreiben an die Fußballer. Betreff: Einladung zur Teilnahme am Länderspiel Deutschland – England am 12. Mai in Nürnberg.

Darin aufgeführt sogar die Zugverbindungen zur jeweiligen Anreise. Karl-Heinz Thielen, Wolfgang Overath und Heinz Hornig zum Beispiel sollten den "Rheinpfeil" nehmen. Köln ab 10.57 Uhr – Nürnberg an 15.47 Uhr. Im "Rheinpfeil" saßen irgendwann auch der Bochumer Hans Tilkowski, die Schalker Willi Schulz und Heinz Nowak sowie die Duisburger Manfred Manglitz und Werner Krämer. Überhaupt nicht weit hatte es hingegen Heinz Strehl vom Club.

Zirndorf bei Nürnberg

Wer nicht konnte, hatte bis Samstag, 20 Uhr, gefälligst bei Bundestrainer Helmut Schön anzurufen ("Wiesbaden 42800 mit Vorwahl 06121"). Ebenso die, die "unter Umständen verhindert gewesen sind, die Sportsendungen des Fernsehens am Sonnabend abend abzuhören und deswegen nicht über ihre Berufung in die Nationalmannschaft im Bilde sind".

Spätestens um 16 Uhr sollten alle im Carlton-Hotel eingetroffen sein, von wo es mit einem "Autobus" nach "Zirndorf bei Nürnberg" weiterging, so die damalige Anschrift, ins dortige Kneippkurhaus. Drei Tage blieb die Nationalmannschaft da, auf Einladung von Otto Wolff, einem Fachmann für die gesamte Kneippanlage, also Kur- und Bäderhaus, wie die Geschichtswerkstatt Zirndorf recherchiert hat. Otto Wolff hatte früher die Kneipp’sche Lehre in Bad Wörishofen unterrichtet. Sein Sohn Jürgen, ein über die Stadtgrenzen hinaus bekannter Physiotherapeut, kümmerte sich neben Masseur-Gott Deuser um die Beine der prominenten Gäste.

In Anzeigen warb Otto Wolff wie folgt für sein 1933 erbautes und 1956 wieder eröffnetes Haus am Achterplätzchen: "Fremdenzimmer mit Frühstück und voller Pension. Tages-Café." Das Gesamtpaket schien auch dem Deutschen Fußball-Bund zu gefallen, zumal im nahen Bäderhaus auch Moor- oder Salhuminbäder eingelassen wurden.

25 Betten für den DFB

"Trotz gewisser Schwierigkeiten", die es bei einer Besichtigung ein paar Wochen vorher wohl gegeben hatte, sagte der DFB am "9. Februar 2965", wie es im Briefkopf steht, verbindlich zu. Vielleicht wollte der offenbar noch nicht im Geld schwimmende Verband einfach nur den Preis drücken, auch über die Verpflegung musste erst noch gesprochen werden: "Auf diesem Gebiet sind Sie im Übrigen nicht unerfahren", wusste DFB-Funktionär Hermann Joch.

Gemeint war damit natürlich: Otto Wolff, der seinerzeit auch namhafte Bundesligavereine wie Borussia Dortmund vor ihren Auftritten beim 1. FC Nürnberg in Zirndorf beherbergte. Zu einer Zeit, als der Home Ground, wo die DFB-Auswahl gerade logiert, noch Kneippkurhaus hieß.

Der DFB buchte also 25 Betten, fünf davon in Einzelzimmern. Geübt wurde ab dem 10. Mai auf dem ASV-Platz an der Leichendorfer Straße, ohne Sicherheitsdienst und andere Schikanen für Schaulustige. So mussten die Nationalspieler vor einigen hundert Zuschauern zunächst "eine gymnastische Übung vorexerzieren", wie diese Zeitung schrieb; nach Feierabend führten Wolfgang Overath und Heinz Hornig, umringt von Kindern und Jugendlichen, noch ein paar Tricks vor. Am Nachmittag dann: "eine kleine Invasion". Nicht nur 22 Buben aus Stadeln "unter Führung von Lehrer Böhm" fielen im Kneippkurhaus ein, um mal Hallo zu sagen.

Schön stellt seine Spieler vor

Der Bundestrainer soll nicht gerade begeistert gewesen sein, ließ sich aber erweichen. Und zwar so sehr, "daß er den kleinen Gästen seine 16 Spieler vorstellte" und sie außerplanmäßig auch noch tüchtig Autogramme schreiben ließ. Später schaute auch Bürgermeister Virgilio Röschlein kurz vorbei, um der "zur Kaffeestunde" erneut versammelten Mannschaft Erinnerungspokale und Muster des Zirndorfer Königstrunks auszuhändigen. Und ins "Goldene Buch" durften sie sich natürlich auch noch schnell eintragen.

Am nächsten Tag folgte im Rittersaal der Nürnberger Burg noch ein Empfang; die Vorbereitung auf den Mittwochabend verlief somit eher unruhig bis holprig, als nach 27 Jahren erstmals wieder ein Länderspiel in Nürnberg stattfand. 70.000 Zuschauer, Endstand 0:1, weil Terry Paine im Testlauf des WM-Finales 1966 traf. Anschließend spendierte die Stadt den müden Deutschen und Engländern, darunter Bobby Moore und Jack Charlton, noch ein Abendessen in der Meistersingerhalle.

Übernachtet wurde gleich in Nürnberg, die Bremer Josef Piontek, Horst Höttges, Heinz Steinmann und Max Lorenz fuhren am nächsten Vormittag trotzdem wieder zurück ins Kneippkurhaus. Um sich mit dem SV Werder, vier Tage zuvor Deutscher Meister geworden, auf das letzte Spiel der Saison am Samstag in Nürnberg einzustimmen.

Im Kneippkurhaus dürfte es wieder hoch hergegangen sein.

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