Dienstag, 07.07.2020

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Als erster Deutscher: Draisaitl wird Scorerkönig der NHL

Sein Vater war Trainer bei den Nürnberger Ice Tigers - 29.05.2020 20:04 Uhr

Leon Draisaitl richtet sich nicht nach dem Puck, der Puck richtet sich nach Draisaitl.

© ELSA


Es war ein guter Tag, um dem Sohn vorzuführen, wie der Papa so sein Geld verdient. Die Ice Tigers hatten gewonnen, was im Herbst 2011 nicht selbstverständlich war. Und aus der Ecke des Pressekonferenzraums beobachtete der 16 Jahre junge Leon Draisaitl, wie sein Vater gut gelaunt Fragen beantwortete. Unter anderen auch die Frage nach seinem Sohn. "Ein bisschen", sagte Peter Draisaitl, "sehe ich mich selbst in ihm – mit allen positiven und negativen Seiten. Das ist schon ganz witzig."

Achteinhalb Jahre später sieht nicht nur er in seinem Sohn den nachweislich besten Eishockeyspieler der Welt. Diese Frage beschäftigt in Nordamerika Sportjournalisten zwar seit Generationen und natürlich kann man argumentieren, dass Verteidiger und insbesondere Torhüter im Eishockey wichtiger sind als Stürmer. Weil aber auch in dieser Sportart Tore entscheiden, gilt derjenige, der die meisten Tore schießt und vorbereitet als der beste Spieler. Und das ist seit diesem Mittwoch erstmals in der 103-jährigen Geschichte der National Hockey League (NHL) ein Deutscher: Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers.


Viererpack und mehr! Draisaitl ist nicht aufzuhalten


43 Tore hatte Draisaitl geschossen und 67 weitere unmittelbar vorbereitet, er hatte also 110 Punkte gesammelt, ehe in Nordamerika auch die NHL-Saison unterbrochen wurde. Am Dienstag hat nun Gary Bettman, Commissioner der NHL, verkündet, dass die Saison 2019/2020 fortgeführt wird – allerdings mit einer Art Playoffs, die an zwei Standorten in Nordamerika durchgeführt werden sollen. Für die dem Topscorer gebührende Art Ross-Trophy aber sind die Zahlen der Punkterunde maßgeblich und die Punkterunde brach Bettman ab, weshalb Draisaitl nicht nur deutsche Eishockeygeschichte schrieb.

Außergewöhnlicher Topscorer

Topscorer in der NHL waren bislang in Sakatchewan geboren, wie Elmer Leach, der seinen strenggläubigen Eltern stets entwischte, um auf dem Weiher Eishockey zu spielen statt brav dem Gottesdienst beizuwohnen. Topscorer in der NHL zogen in Brantford in die Varadi Avenue, weil ihnen ihr Vater da eine Eisfläche in den Garten bauen konnte, wie der Vater des großen Wayne Gretzky. Und nachdem die NHL erkannt hatte, dass die besten Spieler der Welt nicht zwangsläufig aus den Provinzen Kanadas oder den kalten Staaten der USA stammen mussten, kamen Topscorer auch aus Trencin wie der unvergleichliche Jaromir Jagr oder aus Örnsköldsvik in Schweden wie die Sedin-Zwillinge. Leon Draisaitl ist der erste Topscorer der NHL, der in Köln, in Deutschland geboren wurde.


Draisaitl und die Ice Tigers: Edmonton statt Nürnberg


Wie außergewöhnlich das ist, erschließt sich weder in Nordamerika noch in Deutschland jedem. Für manche Beobachter der NHL ist ein Spieler aus Germany nicht aufregender als ein Spieler aus Tschechien. Im populären Podcast "Spittin‘ Chiclets" behauptete der Ex-Profi Paul Bissonnette so lange, dass Draisaitl offenbar ein Parfum, ein Kölnischwasser auf den Markt bringen wolle, bis ihn seine Kollegen darauf hinwiesen, dass Draisaitl nicht mit einem Cologne Geld verdienen wolle, sondern aus Cologne stamme. Zu Hause wird Draisaitls erstaunliche Entwicklung vom eigensinnigen Talent zum Superstar nur von einem Fachpublikum wahrgenommen, weil Deutschland schläft, wenn Draisaitl für die Oilers Tore schießt. Dirk Nowitzki kennt das. Und wie den Basketballer aus Würzburg scheint es auch den Eishockeyspieler aus Köln kaum zu stören.

Erst das Team, dann der Leon

Draisaitls Lebensmittelpunkt ist seit acht Jahren der Westen Kanadas. Im Sommer nach seinem Besuch in Nürnberg wechselte er in die Juniorenliga. Mittlerweile unterscheidet er sich in seiner Persönlichkeit kaum noch von den Gretzkys, Crosbys und MacDavids, seinen prominenten und etwas langweiligen Vorgängern. "Natürlich fühle ich mich durch die Art Ross Trophy sehr geehrt", sagte der 24-Jährige, "doch im Mittelpunkt steht für mich immer das Team." Das muss er bei der Pressekonferenz der Ice Tigers gelernt haben.

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