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Boxer Ralf Markert: Aufstehen, immer wieder aufstehen

Eine Lebensgeschichte zwischen Ost und West - 28.12.2020 17:09 Uhr

Ralf Markert feuert seine Schüler beim Training an. Die Boxhalle ist seine Arena, er der Dompteur.

15.12.2020 © Foto: Dominik Mayer


Geht man die kurze Treppe zum Ring hinauf, sieht der Gegner plötzlich furchteinflößend und gefährlich aus. Der Boxring, dessen Maße von unten recht überschaubar wirken, scheint binnen weniger Sekunden gewaltig groß zu werden. Die Atmung wird flacher, die Knie weicher, der Magen zieht sich zusammen.

"Wer die fünf Stufen nicht gegangen ist, der kann nicht mitreden", sagt Ralf Markert. Er muss es wissen. Über 150-mal hat er im Laufe seiner Karriere seinen massigen Körper durch die Ringseile gezwängt und sich dem Gegner gestellt. Mann gegen Mann, von Angesicht zu Angesicht. Meistens war er es, der sich später als Sieger feiern lassen durfte. Die Treppe zum Ring ist trotzdem immer eine Herausforderung geblieben.


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Als Markert von seiner Zeit als erfolgreicher Amateurboxer erzählt, sitzt er in der Boxhalle auf dem Sportgelände des TV Gunzenhausen. Seit mehr als zehn Jahren ist er dort jetzt Trainer. An den Wänden hängen Wimpel, Plakate, Fotos und Trikots. Reminiszenzen an frühere Erfolge, nicht nur die eigenen, auch die des Vereins.

"Das Schönste, das es gibt"

Der 53-Jährige ist eine beeindruckende Erscheinung. Gut 1,90 Meter groß, 110 Kilo schwer, Hände groß wie Radkappen. Ein Tattoo ziert seinen linken Unterarm, er trägt Glatze, an seinem Kinn wuchert eine Art Ziegenbart. Markert erzählt lebhaft, spricht laut, brüllt auch mal, wenn er das Gesagte betonen will. Aber dann, wenn es ihm wirklich wichtig ist, wird seine Stimme leise. Etwa, wenn er von seinem Idol Mohammed Ali spricht oder von seinen Schülern im Boxtraining.

Er zeigt auf eine Collage an der Wand, die ihm ein Mädchen geschenkt hat, das einige Zeit unter seinen Fittichen trainiert hat. "Sie hieß Olivia. Ist mit ihrer Mutter aus Polen hierher gekommen. Die hat sich aber nicht wohlgefühlt in Deutschland und wollte wieder zurück", erklärt er, während er gedankenverloren auf die Bilder an der Wand blickt. "Danke für die beste Zeit meines Lebens", ist auf der Collage zu lesen. "Sowas ist für mich das Schönste, das es gibt", haucht Markert.


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Er schenkt seinen Schülern nichts, das Training bei ihm ist hart und anspruchsvoll. Seine Jungs haben ihm zu Weihnachten einen Boxhandschuh geschenkt. "Ralf, unser Schinderhannes", ist darauf zu lesen. Erfolg ist für ihn das Ergebnis des unbedingten Willens, der Disziplin, manchmal auch der Qual. Trotzdem liebt er jeden einzelnen seiner Schützlinge, die zum Teil auf bayerischen und deutschen Meisterschaften um Titel kämpfen. Wenn ein junger Boxer sich nach einem siegreichen Kampf bei ihm für das harte Training bedankt, geht Markert das Herz auf.

Training dreimal am Tag

Was es bedeutet, dem Sport alles unterzuordnen, bis zur Selbstaufgabe für ein großes Ziel zu arbeiten, das hat er selbst schon früh erfahren. 1967 in Gera geboren, streift er sich im Alter von zehn Jahren zum ersten Mal die Boxhandschuhe über. Ohne Kopfschutz, ohne Mundschutz. Seinen Zähnen sieht man das heute noch an, sagt sein Zahnarzt. Schnell wird klar, dass Markert Talent hat. Die DDR-Sportförderung sieht in dem schlaksigen Jungen einen, der es weit bringen kann. Er kommt auf ein Sportinternat, sein Leben besteht nur noch aus Boxhandschuhen, Sandsäcken und Sparringspartnern. "Wir haben sieben Tage die Woche trainiert. Meistens dreimal am Tag. Wenn du oben dabei sein willst, bleibt dir nichts anderes übrig."

Markert beim Chemie-Pokal in Halle. Oft kämpft er im Schwergewicht, manchmal auch im Superschwergewicht

15.12.2020 © Foto: Privat


Sein Leben im Internat ist voll auf den Sport ausgerichtet. Eine normale Jugend hat er nicht. Dafür kümmert sich das System um ihn. Südfrüchte, ein Farbfernseher – Markert geht es nicht schlecht in der DDR. Er hat keinen Grund, den autoritären Staat in Frage zu stellen. Schließlich hat er ein Ziel: Einmal die Nummer eins sein, in seinem Land, der DDR. Jahr für Jahr arbeitet er sich nach oben, kämpft, leidet, beißt. Die Bedingungen sind knüppelhart, fast unmenschlich. Als er 15 ist stirbt sein Opa, Markert ist da gerade auf einem Turnier in Neubrandenburg. Er will heim, zurück nach Gera, um seinen Großvater trauern. "Davon wird er auch nicht wieder lebendig", entgegnet ihm einer der Trainer und verbietet die Heimreise.

Doch der Drill zahlt sich aus. Markert gehört zur Nationalmannschaft, gewinnt hochkarätig besetzte Turniere in Polen, Ungarn, der Sowjetunion, Tschechien, Dänemark und Italien. Nicht ohne Stolz trägt er das DDR-Emblem auf der Brust. Die besten Trainer des Landes leiten ihn an. Fritz Sdunek, Bodo Andreas – und auch der legendäre Ulli Wegner. "Da wollte ich hin, zu diesen Spitzenleuten, die haben Weltmeister und Olympiasieger geformt."

Endlich die Nummer 1?

Markert trainiert regelmäßig mit Boxern, die später zu prägenden Figuren ihrer Sportart werden sollten: Henry Maske, Enrico Richter, Uli Kaden. In den achtziger Jahren gehört Markert konstant zu den besten Boxern der DDR. Dreimal wird er für die SG Wismut Gera Vizemeister im Juniorenbereich. Bei den Männern holt er 1986, mit gerade einmal 19 Jahren, den dritten Platz im Superschwergewicht. Vor allem seine starke Führhand, die wie eine Peitsche ins Gesicht seiner Gegner schnellt, macht ihn gefährlich. Doch die zweiten und dritten Plätze nagen an seinem Selbstvertrauen. "Das gibt es doch nicht, was bin ich nur für eine Pfeife", denkt er sich damals.

Der Traum von der Nummer eins, er ist geplatzt. Ralf Markert (links) unterliegt im Finale der DDR-Titelkämpfe 1988 Axel Schulz.

15.12.2020 © privat


1988 soll es endlich klappen mit dem Platz an der Spitze. Zum vierten Mal steht Markert im Finale der DDR-Titelkämpfe, diesmal bei den Männern. Es ist sein Heimkampf, in seinem Wohnzimmer, der Erwin-Panndorf-Halle in Gera. Ein paar Tausend Zuschauer sind gekommen, wollen ihren Jungen gewinnen sehen. In der Ringecke gegenüber steht Axel Schulz. Markert dominiert den Kampf zunächst – doch am Ende erklären die Ringrichter Schulz zum Sieger. Wieder nur Zweiter.

Wie konnte das passieren? Anruf bei dem Mann, der Markert damals als Trainer betreut hat. "Auf meinen Ralf lasse ich nichts kommen. Das ist ein toller Mensch", stellt Rudolf Ködelpeter klar, wenige Sekunden nachdem er den Hörer abgenommen hat. Die beiden haben ein freundschaftliches Verhältnis. Ködelpeter war nicht nur ein Trainer, er ist immer auch Mensch gewesen, sagt Markert. Nach der Wende hat es auch Ködelpeter bald in den Westen verschlagen. In Schwabach und Weißenburg war er als Trainer aktiv.

Aus der DDR in eine Gartenlaube

An den Kampf gegen Axel Schulz im Dezember 1988 erinnert er sich noch gut. "Der Ralf kam nach der ersten Runde zu mir in die Ecke und hat gestöhnt, ich kann nicht mehr", berichtet der 73-Jährige. "Ich hab‘‘ ihm gesagt, dass er den doch im Griff hat – aber seine Nerven haben nicht mitgespielt." Vielleicht, sagt Ködelpeter im Rückblick, war Markert ein bisschen zu weich für die Sportart. "Sonst wäre er vielleicht ein ganz Großer geworden." Markert kann hart sein zu anderen, am härtesten ist er aber immer zu sich selbst – bis heute.

Nach der Niederlage will er dem Boxen den Rücken kehren. Er bewirbt sich als KFZ-Mechaniker, den Beruf hat er parallel zum Boxen erlernt. Die Bemühungen bleiben ohne Erfolg – weil die DDR-Sportfunktionäre verhindern wollen, dass einer ihrer besten Boxer aufhört. Doch Markert ist entschlossen, lässt sich nicht zu einer Rückkehr in den Ring nötigen.

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Zahnschutz, gepolsterter Helm und ein Hauch von Babyspeck: Auch die Jüngsten, die am Sonntag auf dem Volksfest in den Ring stiegen, hatten schon alles dabei, um die härtesten Schläge abzuwehren. Es waren neun Freundschaftskämpfe, die – zumindest für Box-Laien – alles andere als freundschaftlich aussahen. Vom Halbfliegen- bis zum Halbschwergewicht traten im Festzelt Papert 16 Boxer und zwei Boxerinnen an.


Längst hat er verstanden, wie das System tickt, welche Rolle Spitzelei und Einschüchterung spielen. Aus der Not heraus arbeitet er schließlich sogar im Bergwerk. Uranabbau, eine brutale Schinderei. Kurz nach der Wende soll er zum Wehrdienst eingezogen werden, doch er flieht über die Grenze nach Westberlin, wohnt ein halbes Jahr bei einem befreundeten Boxtrainer in der Gartenlaube.

Inzwischen boxt er ab und zu wieder, 1990 auch auf einem Turnier in Weißenburg. Es gefällt ihm hier, er beschließt zu bleiben. Ein Jahr später wird er dann doch noch die Nummer eins. Nicht in der DDR, sondern in seiner neuen Heimat. Für den BC Weißenburg gewinnt er im Circus Krone die Bayerische Meisterschaft im Superschwergewicht. "Das war Wahnsinn, wenn mir das zwei Jahre zuvor einer erzählt hätte, das hätte ich nie geglaubt", sagt er. Meister im kapitalistischen Ausland, unvorstellbar für ihn. Noch heute schüttelt er ungläubig den Kopf, wenn er davon erzählt.

Aufopferung bis zum Burnout

Ein Jahr später holt er sich erneut den Titel. In den neuziger Jahren wird er mehrmals Frankenmeister, boxt in der Bundesliga, wird kurz nach der Jahrtausendwende Bayerischer Landestrainer. Zeitgleich beginnt er bei der Lebenshilfe in Weißenburg zu arbeiten, dort ist er bis heute angestellt, als Hausmeister und Gruppenleiter.

Markert mit einer traditionellen Ringuhr, die er von alten Boxern aus Gunzenhausen geschenkt bekommen hat. 

15.12.2020


In seiner Zeit als Leistungssportler hat Markert gelernt, immer alles zu geben, auf eigene Bedürfnisse keine Rücksicht zu nehmen, sich aufzuopfern. "Ich gebe immer 100 Prozent, im Sport, im Beruf und im Privatleben", sagt er. Seine Frau ist mit ihm aus Gera nach Weißenburg gekommen, die Tochter ist 27 und schon "bei euch drüben" geboren, wie Markert sagt. Mittlerweile ist er sogar Opa. Der glatzköpfige Hüne ist ein Familienmensch. Und einer, der immer für andere da ist. Tag und Nacht.

Bis er 2010 einen schweren Burnout erleidet. Sein Körper ist ausgelaugt, der Kopf leer, irgendwann sitzt er nur noch da und zittert. Inzwischen hat er sich erholt und gelernt, besser auf sich aufzupassen. "Heute laufe ich auch einfach mal an der Altmühl entlang und genieße, wie schön das da ist."

Doch wenn es ans Boxen geht, ist er noch immer unerbittlich. Weil er weiß, was es bedeutet, im Ring zu stehen. "Wenn Leute von uns anfangen wollen, Boxkämpfe zu machen, nehme ich sie oft mal mit zu einem Wettkampf. Damit die sich das anschauen können", berichtet Markert. "Viele sagen dann, nein, das will ich doch nicht. Das nehme ich keinem übel." Die fünf Stufen in den Ring, nicht jeder ist bereit, sie zu gehen.

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