Charakterfragen auf der Club-Großbaustelle

12.5.2014, 05:58 Uhr
Blick in die Zukunft: Der in Fankreisen umstrittene Vorstand Martin Bader darf bleiben, bekommt aber einen sportlichen Leiter zur Seite gestellt.

Blick in die Zukunft: Der in Fankreisen umstrittene Vorstand Martin Bader darf bleiben, bekommt aber einen sportlichen Leiter zur Seite gestellt. © Sportfoto Zink

„Sehr positive Sachen“ seien in der kollektiven Kurvendiskussion zu hören gewesen, berichtete der verletzte, aber natürlich trotzdem mit ins Revier gereiste und an vorderster Front um Deeskalation bemühte Kapitän Raphael Schäfer später, man müsse den Anhängern „ein Kompliment machen, wie das heute hier abgelaufen ist“.

Was einigermaßen erstaunte, denn noch direkt nach der finalen 1:4-Klatsche beim FC Schalke 04 waren die demütig vor ihre Fans getretenen „Versager“ mit den in solchen Situationen üblichen verbalen Schmähungen und beleidigenden Gesten abgestraft worden. „Manchmal hasst man das, was man doch liebt“, stand während der Partie auf einem Transparent zu lesen – eine Liedzeile der Ost-Band Karat als resignative Replik auf den gutgemeinten, aber irgendwann zur hohlen Phrase verkommenen Slogan „Ich bereue diese Liebe nicht!“

Eine Liebe, die zuletzt eher sado-masochistische Züge trug. „Da muss man nichts schönreden: mit 26 Punkten abzusteigen, ist ein brutaler Niederschlag“, räumte Sportvorstand Martin Bader sichtlich mitgenommen ein, während zwei Meter daneben Mittelfeldspieler Mike Frantz mit verquollenen Augen vor den TV-Kameras stand und wie in Trance versuchte, sein Seelenleben in Worte zu fassen. Auch Javier Pinola, der dieses Gefühl der absoluten Leere noch gut aus dem Jahr 2008 kennt, rang um die richtigen Formulierungen.

Ob es diesmal schlimmer sei, wurde gefragt. „Jeder Abstieg“, flüsterte Pinola, „tut weh.“ Und wie damals würde das Urgestein, dessen Vertrag nicht für die 2. Liga gilt, auch diesmal gerne bleiben und den Betriebsunfall reparieren helfen, „ich hoffe, dass der Verein das auch will“. Gleiches gilt für Schäfer, der in Nürnberg längst sesshaft geworden ist und mit 35 Jahren keine Lust auf eine Luftveränderung mehr verspürt. Der Keeper nahm auch gleich die Kollegen moralisch in die Pflicht: „Wer Charakter hat und bleiben will, darf auch bleiben.“

Entscheiden werden das aber natürlich höhere Instanzen. Und die Zeit drängt. Schon Anfang August, drei Wochen vor dem Bundesliga-Start, öffnet das Unterhaus seine Tore – und der Club gleicht einer Großbaustelle. Man braucht eine neue Mannschaft, einen neuen Trainer und, so meint Volkes Stimme zu wissen, auch einen neuen Sportvorstand. Doch dazu wird es kaum kommen. Erst in der vergangenen Woche hat der Aufsichtsrat seinem leitenden Angestellten das Vertrauen ausgesprochen. Wohl auch, weil eine Demission des dominanten Sportökonomen den Verein in eine Führungskrise stürzen und nahezu handlungsunfähig machen würde.

Ein sportlicher Leiter soll Bader unterstützen

Die brodelnde Stimmung an der Basis, die derzeit eifrig um Unterschriften für eine außerordentliche Mitgliederversammlung wirbt, einfach ignorieren und zur Tagesordnung übergehen, das dürfte aber kaum funktionieren. Deshalb wird man am Valznerweiher den goldenen Mittelweg wählen und Bader, dem mangels eigener Profikarriere gern fußballerische Kompetenz abgesprochen wird, einen Sportlichen Leiter zur Seite stellen.

Der Schwabe scheint sich mit diesem Kompromiss bereits arrangiert zu haben, er begrüßt ihn sogar. Es sei „nur logisch“, den Verein ob der gestiegenen Anforderungen „breiter aufzustellen und im sportlichen Bereich jemand dazuzuholen“. Als Degradierung mag Bader die Strukturreform auf der Führungsetage nicht empfinden: „Starke Leute sind nur dann stark, wenn sie starke Leute um sich herum haben.“

In den nächsten Tagen wird sich der Aufsichtsrat mit dieser Personalie beschäftigen, auch Planspiele für die Besetzung des vakanten Trainerpostens habe man laut Bader „schon in der Schublade“. Zudem stehen Gespräche mit vielen Profis an. Ein größerer Umbruch scheint ebenso unvermeidbar wie notwendig, allerdings will Bader versuchen, „die eine oder andere Korsettstange zu überzeugen, dass man etwas zu korrigieren hat“. Neben Schäfer und Pinola hat auch Makoto Hasebe prinzipiell Bereitschaft signalisiert, an der Mission Wiederaufstieg mitzuwirken, die Routiniers Per Nilsson und Markus Feulner scheinen ebenfalls gesprächsbereit.

So gut wie perfekt ist hingegen der Wechsel von Josip Drmic zu Bayer Leverkusen, auch Hiroshi Kiyotake wird den Club trotz gültigen Kontrakts verlassen. Interessenten geben soll es für Frantz (Berlin), Marvin Plattenhardt (Augsburg) und Timothy Chandler (Schalke). Keine Rolle in den Planungen mehr spielen wohl Emanuel Pogatetz, Hanno Balitsch, Robert Mak, Tomas Pekhart, Berkay Dabanli und die von Interimscoach Roger Prinzen aussortierte Leihgabe José Campaña.

Die zu erwartenden Transfererlöse, die sich vor allem dank der WM-Teilnehmer Drmic und Kiyotake im zweistelligen Millionenbereich bewegen dürften, können laut Bader trotz der zu kompensierenden Mindereinnahmen vor allem beim Posten TV-Gelder „zum größten Teil“ wieder in den Kader reinvestiert werden. „Der Verein ist wirtschaftlich kerngesund“, betonte Bader, man sei „in der Lage, eine schlagkräftige Mannschaft aufzustellen.“ Die möglichst schon nach der Saison 2014/15 wieder vor ihre Fans treten soll – dann aber zum gemeinsamen Feiern. Als Rekordaufsteiger.

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