Donnerstag, 21.11.2019

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Daheim werden die Hanteln in den Keller verbannt

Veronika Mull und Jewgenij Kondraschow zählen zu den besten Kraftdreikämpfern Deutschlands - 28.08.2011 18:56 Uhr

Veronika Mulls Bestleistung im Kniebeugen liegt derzeit bei 160 Kilogramm. Doch sie will sich noch weiter steigern, um auch international oben mitzumischen.


Veronika Mull und Jewgenij Kondraschow sind Kraftdreikämpfer – Kniebeugen, Bankdrücken und Kreuzheben sind die Disziplinen, in denen die beiden Nürnberger schon seit vielen Jahren sämtliche Titel abräumen. Veronika Mull ist unter anderem sechsfache deutsche Meisterin, außerdem hat sie bereits zweimal den internationalen Bavaria Cup gewonnen. 160 Kilogramm kann die 21-Jährige auf ihren Schultern stemmen, während sie dabei eine Kniebeuge absolviert, beim Bankdrücken schafft sie 90 Kilogramm. Und beim Kreuzheben liegt ihre Bestmarke sogar bei 165 Kilo.

„Viel zu hübsch für diesen Sport“

Es ist Mittwochabend, Veronika Mull steht in ihrem Sportdress im Freihantelbereich eines Fitnessstudios in der Nürnberger Südstadt und absolviert mit leichten Gewichten einige Aufwärmübungen. Die Nürnbergerin erfüllt rein äußerlich betrachtet ganz und gar nicht das Bild, das so manch einer von einer Kraftsportlerin haben mag. Mull ist groß gewachsen und schlank, ihre blauen Augen fallen sofort auf. Sie hat dezentes Make-up aufgetragen und sich die blonden Haare zum Zopf gebunden. „Du bist doch viel zu hübsch für diesen Sport“ – solche und ähnliche Sätze bekommt die Studentin der Politikwissenschaften und Soziologie des Öfteren zu hören, wie sie verrät.

„Ich habe schon immer eher frauenuntypische Sportarten betrieben“, erzählt Mull achselzuckend und meint damit zum Beispiel ihre Zeit als Karate-Kämpferin beim VfL Nürnberg. Vor fünf Jahren entdeckte sie die Liebe zum Kraftdreikampf, seither trainiert sie bis zu sechsmal pro Woche, um ihr nächstes Ziel zu erreichen, nämlich auch auf internationaler Ebene oben mitmischen zu können.

Mulls Freund Jewgenij Kondraschow ist dabei stets an ihrer Seite. Bei ihrem ehemaligen Verein, dem ASC Nürnberg, lernten sich die beiden kennen. Seit sechs Jahren sind sie inzwischen ein Paar, leben und trainieren gemeinsam und tingeln an den Wochenenden von Wettkampf zu Wettkampf.

Der 28-jährige gebürtige Ukrainer – selbst mit zahlreichen nationalen und internationalen Titeln dekoriert – ist auch so etwas wie ein Trainer für seine Freundin. „Ob ich seine Tipps annehme, entscheide ich aber immer noch selbst“, sagt Mull lachend, und Kondraschow scherzt zurück. „Ich bin ja auch eigentlich eher so etwas wie ein Aufpasser für sie.“

Obwohl der Kraftsport freilich einen großen Teil im Leben des jungen Paares einnimmt, sei spätestens in den heimischen vier Wänden Schluss damit. „Wir haben zu Hause keine Hanteln, die liegen alle bei uns im Keller rum“, erzählt Kondraschow, der im Hauptberuf als Techniker bei Siemens arbeitet. Auch ein spezielles Ernährungsprogramm verfolgen die beiden nicht. „Wir essen das, worauf wir Lust haben, und versuchen einfach, möglichst auf Fast Food zu verzichten“, meint Veronika Mull und räumt dann noch mit einem anderen Klischee auf, nämlich, dass Kraftdreikampf den Gelenken schade. „Ganz im Gegenteil“, sagt sie. „Beim Kraftdreikampf geht es um reine Maximalkraft. Wenn man die Technik sicher beherrscht, ist das Verletzungsrisiko äußerst gering.“

Dass sie in ihrer Alters- und Gewichtsklasse, bei den Juniorinnen bis 84 Kilogramm, auf nationaler Ebene stets so gut abschneidet, rechnet die Nürnbergerin mehreren Aspekten zu. „Meine Körpergröße ist sicher ein Vorteil, da die Konkurrentinnen meistens viel kleiner sind als ich“, mutmaßt die 1,73 Meter große Sportlerin. Sie muss allerdings auch eingestehen, dass die Zahl an Gegnerinnen gerade auf nationalem Parkett doch recht überschaubar ist. „International sieht das schon ganz anders aus, da gibt es sogar sehr viele Frauen, die diesen Sport betreiben“, sagt sie.

Seit sechs Jahren sind Veronika Mull und Jewgenij Kondraschow ein Paar. Und sie teilen eine gemeinsame Leidenschaft, den Kraftdreikampf. Wenn es sein muss, wird beim Training auch schon mal improvisiert. © Wolfgang Zink


Dass die beiden seit etwa zwei Jahren in einem Fitnessstudio statt auf einem Vereinsgelände trainieren und bei Wettkämpfen für einen Münchner Klub, den KSC Puch, an den Start gehen, hat mit dem unrühmlichen Ende der Mitgliedschaft in ihrem ehemaligen Verein, dem ASC Nürnberg, zu tun. Ausländerfeindliche Äußerungen habe es damals vereinsintern gegeben, erzählt Kondraschow, außerdem heftige Anfeindungen gegenüber Frauen – alles in allem, sagt er, habe ein Klima geherrscht, das für einen reibungslosen Trainingsablauf nicht mehr tragbar gewesen sei. Neben Mull und Kondraschow haben damals insgesamt 40 weitere Mitglieder den Verein verlassen. Auch Veronika Mulls Bruder Jakob ist mitgegangen, trainiert nun ebenfalls an der neuen Übungsstätte.

Um ihren Sport intensiv betreiben zu können, sind Mull und Kondraschow glücklicherweise nicht auf Vereinsstrukturen angewiesen. Wo sie trainieren, ist letztlich auch egal. Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Der nächste Wettkampf steht Ende Oktober ins Haus, dann muss Mull bei der deutschen Meisterschaft in Landshut ihren Titel verteidigen.

Zuvor warten allerdings erst noch einige entspannte Tage mit ihrem Liebsten am Roten Meer. Und wenn das mit dem Fitnessraum doch nicht so hinhaut, wie sie sich das vorgestellt hatten, dann wird eben ein wenig improvisiert. Kondraschow lächelt: „Ich habe auch Veronika schon auf die Schultern genommen und sie als Gewicht benutzt.“

Stephanie Händel

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