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Das Derby als Chance für die Trendwende beim Club

Desolate Abwehrleistung in Bochum sorgt beim FCN für Ratlosigkeit - 19.09.2016 07:36 Uhr

Krisengipfel: Trainer Alois Schwartz (links) und Sportvorstand Andreas Bornemann hatten nach der 4:5-Pleite in Bochum einiges zu besprechen. © Sportfoto Zink


"Zeit zum Schwartz ärgern" hatte das Stadionmagazin des VfL Bochum anlässlich des Heimspiels gegen den 1. FC Nürnberg keck getitelt. Dessen Trainer fand das Wortspiel mit seinem Namen allerdings nicht so lustig, wie er in der Pressekonferenz nach der 4:5-Niederlage anklingen ließ. Alois Schwartz ist dünnhäutig geworden, der 49-Jährige wirkt dieser Tage wie ein frustrierter Frischvermählter, der feststellen muss, dass die vermeintliche große Liebe vielleicht doch mehr Makel und Macken hat als gedacht. Und dazu eine extrem anstrengende Verwandtschaft.

Schon nach zwei Monaten befinden sich der Club und sein neuer Coach in einer handfesten Ehekrise. Und es mehren sich die Zweifel, ob diese ungewohnt schnell sehr kritisch beäugte Liaison noch ein Happy End nehmen kann. "Ich weiß ja nicht, was die Leute hier für Ansprüche haben. Vielleicht ist es ja so, dass der 1. FC Nürnberg ein gefühlter Bundesligist ist, und den muss ein Guardiola, Magath oder Klopp trainieren. Aber es trainiert einfach nur ein Schwartz", sieht der vom Provinzverein SV Sandhausen gekommene Coach in Franken plötzlich seine berufliche Reputation infrage gestellt. Er räumt aber auch ein: "Wenn die Ergebnisse fehlen, hat man keine Sympathien."

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Alarmierende Zwischenbilanz

Tatsächlich ist die bisherige Bilanz des glücklosen Weiler-Nachfolgers alarmierend. Nur zwei Punkte aus fünf Spielen, 8:15 Tore – ins Derby gegen Fürth am Dienstag, auch ohne eine solche tabellarische Schieflage schon von großer emotionaler Sprengkraft, geht Nürnberg nur deshalb nicht als Schlusslicht, weil es öfter getroffen hat als der punkt- und tordifferenzgleiche 1. FC Kaiserslautern. Noch ist Platz 17 vielleicht nur eine hässliche Momentaufnahme, die nicht gleich Panik auslösen muss. Doch vermittelt Schwartz derzeit eben nicht unbedingt den Eindruck, die bedrohliche Abwärtsspirale stoppen zu können.

Der Ex-Profi wirkt zunehmend ratlos und fast schon ein bisschen resigniert. "Wir hatten uns vorgenommen, erst einmal sicher zu stehen und den Gegner vom Tor wegzuhalten", bilanzierte Schwartz kopfschüttelnd. Es gelang gerade mal drei Minuten, weil Bochum bereits den ersten Angriff erfolgreich abschließen durfte – durch ein Tor, "das relativ leicht zu verteidigen war", wie Schwartz befand: "Und dann stehst du da draußen und denkst, das kann doch nicht sein." Ein Eindruck, der sich bei der grotesken Elfmeterfehlentscheidung zum 0:2 sowie den drei weiteren Gegentoren noch verstärkt haben dürfte.

Individuelle Aussetzer wie Laszlo Sepsis amateurhaftes Zweikampfverhalten vor dem 1:3, sagt Schwartz, seien unerklärbar, "so etwas hat ja nichts mit Training oder Taktik zu tun." Das teils absurde Abwehrverhalten seiner Elf stellt den früheren Mittelfeldmann vor ein Rätsel – gerade weil eine kompakte Defensive eigentlich immer die Grundlage seiner Arbeit bildete. "Sechs und fünf Gegentore auswärts, das ist für mich Neuland", betont Schwartz, "im ersten Jahr in Sandhausen habe ich 17 Spiele ohne Gegentreffer überstanden."

Doch just die vermeintlich eingespielte Viererkette entpuppt sich bislang als Problemzone Nummer eins. In Bochum gab der seit Wochen indisponierte Sepsi nur noch die Karikatur eines Linksverteidigers, dem dafür vom Hof gejagten Javier Pinola dürften daheim in Argentinien die Augen tränen. Auf rechts wackelt Kapitän Miso Brecko ebenfalls bedenklich. Und in der Mitte muss nach dem Ausfall von Georg Margreitter ein kampfstarker, aber fußballerisch limitierter Haudrauf wie Dave Bulthuis plötzlich den Abwehrchef geben. Kein Wunder, dass der talentierte Youngster Lukas Mühl in diesem höchst fragilen Gebilde noch überfordert wirkt. Aber auch der erfahrene, jedoch chronisch labile Even Hovland erweckte nach seiner Einwechslung nicht den Eindruck, zu mehr Stabilität beitragen zu können.

"Wie wir kollektiv verteidigen, das reicht nicht für die 2. Liga. Das ist Wahnsinn", gestand Tim Leibold. Und der von seinen Vorderleuten schmählich im Stich gelassene Keeper Thorsten Kirschbaum merkte konsterniert an: "Wie wir hinten die Tore herschenken, so viel kannst du vorne ja gar nicht schießen."

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Desolate Defensivleistung

Die desolate Defensivleistung ließ auch einige positive Aspekte dieser dritten Niederlage in Folge in den Hintergrund rücken. Sowohl nach dem frühen 0:2-Rückstand als auch nach dem erneuten Nackenschlag des 1:3 hatte die Mannschaft diesmal Moral bewiesen, sich couragiert ins Spiel zurückgekämpft und dabei endlich wieder ein bisschen an den Club der vergangenen Saison erinnert.

Der quirlige Doppel-Torschütze Edgar Salli kann mit seinem Tempo ein Gewinn sein, auch wenn er mitunter noch zu eigensinnig und in der Rückwärtsbewegung sorglos agiert. Der erstmals unter Schwartz in die Startelf beorderte Kevin Möhwald rechtfertigte das Vertrauen schon allein mit seinen präzisen, brandgefährlichen Standards. Und der für den mit einem Innenbandanriss im Knie früh ausgeschiedenen und mehrere Wochen fehlenden Enis Alushi gekommene Youngster Cedric Teuchert ging erfreulich forsch und unbekümmert zu Werke und holte immerhin den Elfmeter zum 3:3 heraus.

Auch wenn der Club nach dem erneuten Rückstand nicht mehr viel zuzusetzen hatte und Shawn Parkers später Anschluss zum 4:5 nur noch die finale Pointe eines phasenweise slapstickhaften Schützenfests darstellte, verabschiedeten die 1000 mitgereisten Fans ihr Team mit aufmunterndem Applaus. Sportvorstand Andreas Bornemann, in Nürnberg angetreten mit einem Plädoyer für mehr Kontinuität vor allem auch auf der Trainerposition, stärkte derweil seinem leitenden Angestellten den Rücken. "Die Mannschaft hat es verdient, mit Cheftrainer Alois Schwartz da rauszukommen", sagte Bornemann der Bild-Zeitung – wohl wissend, dass auch er selbst sich bei einer Turbodemission seines erklärten Wunschtrainers, dessen Verpflichtung sich der Verein immerhin 400.000 Euro Ablöse kosten ließ, angreifbar machen würde.

Somit ruhen nun alle Hoffnungen auf dem für die fränkischen Befindlichkeiten so bedeutsamen Derby, das eine besondere Chance bietet, "den Turnaround zu schaffen", wie es Kirschbaum formulierte: "Man hat ja letztes Jahr gesehen, wie viel Selbstvertrauen man aus einem Derbysieg ziehen kann. Das kann auch ein Startschuss sein." Im Falle einer weiteren Pleite aber vielleicht auch schon ein unvermeidlicher Schlussstrich.

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Uli Digmayer E-Mail

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