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Das "Ein-Frau-Team" Kristin Möller funktioniert

Die Triathletin testet gerne ihre körperlichen Grenzen aus - 31.05.2013 11:00 Uhr

Der Erfolg gibt ihr recht: Kristin Möller wollte nach der Auflösung ihres Teams nicht aufhören. © Rüger


Die Notizen lagen bereit. Als sie zurückgerufen hat, wurden sie aber eigentlich nicht mehr benötigt. Für schüchterne Journalisten ist Kristin Möller wie so viele andere Triathleten ein Glücksfall. Mehr als ein freundliches „schön, dass Sie zurückgerufen haben, wie geht’s Ihnen denn?“ ist gar nicht nötig, um ihr wunderbare Sätze zu entlocken. Selbstbewusste Fragesteller kommen da allerdings nur zu ihrem Recht, wenn sie es unhöflich einfordern. Pardon, Frau Möller.

Kristin Möller, vor 29 Jahren in Gera geboren, wohnhaft in Stadeln, startberechtigt für den TV 48 Erlangen und den LAC Quelle Fürth, hat viel zu erzählen, denn es ist viel passiert. Zum Beispiel am Sonntag, als sie sich nach erfrischenden 750 Metern im Freibad von Bayern 07 ohne eine Jacke auf ihr Rad setzte, mit durchwegs stark angespannten Muskeln („um mich selbst zu wärmen“) durch den Regen schoss und in der zweiten Wechselzone als Führende des Altstadttriathlons umfiel.

„Das Herz-Kreislaufsystem hat nicht mehr mitgemacht“, sagt sie, „der Kreislauf ist einfach...“ Es ist an der Zeit, sie ein erstes Mal zu unterbrechen und zu fragen, warum sie sich das überhaupt angetan hat, eine Woche nach Lanzarote? „Weil ich für die Mannschaft eingeplant war und eigentlich hätte ich das locker verkraftet, ist doch schöner als alleine zu trainieren.“ Ach? „Na, ich bin als lockere Athletin bekannt, die sich nicht mit der Frage belastet, ob das jetzt 100 Prozent Sinn macht.“

Die Antwort auf die Frage, mit der sie sich nicht belasten wollte, hat ihr dann ihr Körper beantwortet. 100 Prozent Sinn gemacht, hat es nicht, eine Woche nachdem sie sich in einem der härtesten Langdistanzrennen der Welt eine Weltklasseleistung abgefordert hat, bei diesem Hundewetter ins Wasser zu springen. Dass es Kristin Möller trotzdem gemacht hat, verrät viel über ihre Einstellung, ihre Loyalität, ihre Freude am Sport und ihre Lust, sich im Wettkampf zu messen.

Einen halben Marathon lang Gegenwind

So wie auf Lanzarote. 3,8 Kilometer Schwimmen im Atlantik, 180 Kilometer im Sattel auf dieser unwirtlichen, bergigen Insel und 42,195 Kilometer Laufen an der Uferpromenade von Puerto del Carmen – und so war das: „Da gab es überhaupt keine Ruhepausen, wenn es mal nicht bergauf ging, dann ging es entweder halsbrecherisch bergab oder der Wind war so stark, dass man auch den Berg runter hart treten musste. Und die Straßenverhältnisse waren, naja, so schlecht, dass die Muskeln schon deshalb unheimlich beansprucht wurden. Beim Marathon hatten wir dann nur Gegenwind, zumindest eine Hälfte lang.“

Eine Qual und wunderbar zugleich, vor allem, wenn man wie Möller mit einer halben Stunde Vorsprung gewonnen hat. „Auf dem Rad habe ich richtig gepusht und bei 20 Kilometern die Führung übernommen, so früh wie noch nie. Und dann wollte ich noch was draufsetzen.“ Sie wollte diesen Klassiker nicht nur gewinnen, sie wollte, dass die Weltklassetriathletinnen staunend auf ihre Smartphones schauen, wenn sie die Zeit von 9:37:35 Stunden hinter dem Namen Kristin Möller sehen.

"Ich habe vieles richtig gemacht"

Nein, so hat sie das nicht gesagt. Sie ist bescheiden, bei der Pressekonferenz hatte sie noch alle Fragen nach ihrer Favoritenrolle zurückgewiesen. „Unterbewusst war mir aber klar“, sagt sie, „dass ich vieles richtig gemacht hatte, aber ich bin gut im Verdrängen.“ In Frankfurt bei ihrem nächsten Ironman und dann wahrscheinlich auf Hawaii wird das nicht einfacher. Kristin Möller ist nicht mehr die Athletin, „die zweitklassige Ironman-Rennen in Wales und England gewinnen kann“. Ja, das hat sie so gesagt.

Das ist also die Geschichte einer Frau, die ihre Grenzen austestet. Es gibt aber noch eine andere Geschichte. Ende Januar wurde das Team Abu Dhabi aufgelöst, es war ihr Team. „Da habe ich alles verloren, mein Einkommen, meinen Ausrüster, alles.“ Aber Kristin Möller wollte nicht aufgegeben, nicht nachdem sie so viel Zeit investiert hatte, nicht bevor sie selbst erfährt, ob sich all das gelohnt hat. Jetzt ist sie als Ein-Frau-Team unterwegs, unterstützt von einem „fantastischen Umfeld“, ihrer Familie, Christoph Schwerdt von Radsport Duschl, der Triathlon-Abteilung des TV 48 Erlangen, den Läufern des LAC Quelle Fürth, den Betreibern des triathlon.de-Shops in Nürnberg.

„Es ist wie bei einer Fußballmannschaft“, sagt sie und töricht wäre es, sie jetzt zu unterbrechen: „Nur dass da keine elf Spielerinnen auflaufen, sondern nur eine, sich dafür aber 20 Leute darum kümmern, dass diese eine Spielerin auch ein Tor schießt.“

VON SEBASTIAN BÖHM

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