Donnerstag, 01.10.2020

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Das größte Karate-Talent des TV Fürth 1860

Die 14-jährige Ukrainerin Anastasiya Semenenko sammelt jetzt schon Titel - 06.08.2020 11:02 Uhr

Anastasiya Semenenko kickt gegen ihren Trainer Dennis Schnauder. Die 14-Jährige gilt als sehr ehrgeizig, im Sport und in der Schule. In Wettkämpfen muss sie ihr Trainer jedoch auch mal beruhigen und geht mit ihr außerhalb der Halle spazieren.

© Foto: Markus Eigler


Der Spiegel gehört zu einem Dojo wie die Seitenlinie beim Fußball. Er dient den Kämpfern als Orientierung, zeigt ihnen, wie sie sich bewegen. In der fernöstlichen Tradition hat der Spiegel eine weitere Bedeutung: Er soll dabei helfen, das wahre, unverfälschte Selbst zu erkennen.

Auch im Dojo, im Trainingsraum, des TV Fürth 1860 hängen deshalb Spiegel. Vor ihnen hat Anastasiya Semenenko die Kampfhaltung gegen ihren Trainer Dennis Schnauder eingenommen. Die 14-Jährige sei das vielversprechendste Karatetalent, das der Verein derzeit in seinen Reihen hat, heißt es. Erst vor zwei Jahren ist sie mit ihren Eltern aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Geboren in Lwiw, hat sie sich schnell in der neuen Heimat zurechtgefunden, sie geht mittlerweile auf die Realschule.

Zwar kommen ihr die Worte leise und zurückhaltend über die Lippen, doch wenn sie in ihrem Element ist, ist davon nichts mehr zu spüren. Die Füße schnellen nach oben für einen Kick, der erfolgreich sein Ziel findet – im Jugendbereich jedoch nur mit minimalem Kontakt, schließlich dient Karate der Selbstverteidigung.

Sofort kommt sie wieder in die Ausgangsposition und fixiert den Gegner bereits für die nächste Aktion. Vielleicht gehört auch dieses Feuer zu ihrem wahren, unverfälschten Selbst dazu.

Gut im Raum

Dieses Feuer jedenfalls hat Anastasiya Semenenko im vergangenen Jahr zur Deutschen Schülermeisterin gemacht. Ihr Erfolgsrezept? "Anastasiya ist unglaublich ehrgeizig, hat aber auch sehr viel Talent, ohne das es nicht geht." Das sagt der Mann, der es wissen muss, ihr Trainer Dennis Schnauder. "Sie ist bereits jetzt sehr beweglich und gut im Raum. Ihre Erfolge sprechen für sich." Bereits mit vier Jahren hat sie mit Karate begonnen. Was sie dazu gebracht hat, das kann sie gar nicht mehr so genau erklären, doch sehr genau, warum sie diesen Sport so liebt. "Mir macht einfach alles Spaß daran", sagt sie mit einem Lächeln.

Die Fußtechnik ist die große Stärke, bei der Fausttechnik sieht der Trainer noch Potenzial, wenn die Karateka jetzt in die U 16-Altersklasse aufsteigt. Doch Schnauder hat wenig Bedenken, dass sein Schützling auch hier seinen Weg findet: "Durch ihre Größe, die Schnelligkeit und Beweglichkeit macht sie das wett", glaubt er.

Eine gewisse Coolness gehört auch dazu. Zwar stünden ihr manchmal die Nervosität oder ein zu großer Ehrgeiz etwas im Weg, bei den Deutschen Meisterschaften aber ist Anastasiya Semenenko nicht nervös geworden. "Da war ich relativ entspannt, weil wir davor sehr gut trainiert haben. Dennis hat mir da gut zugeredet und mich motiviert." Das Selbstvertrauen half.

Spaziergang bei Nervosität

Schnauder schildert seine Vorgehensweise: "Da muss man dann in Pausen auch einfach mal raus aus der Halle und spazieren gehen. Denn nur, wenn man von der ersten Sekunde an klar im Kopf ist, kann man gut kämpfen."

In Zukunft gehe es vor allem darum, neben dem Krafttraining, das die Karateka jetzt begonnen hat, und verbesserter Kondition den Taktikbereich aufzubauen, der mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnt. Anastasiya freut sich darauf: "Ich mag das Taktische, wenn der Kampf im Kopf geführt wird."

Beim TV Fürth 1860 fühlt sie sich gut aufgehoben, der Verein sei beim Karate bayernweit ganz vorne. Ein so großes Talent zu bekommen, sei auch für die 60er ein Glücksgriff gewesen, betont Schnauder. Jetzt gehe es darum, sie weiter zu verbessern, das Fernziel lautet Olympia.

In diesem Jahr wäre Karate zum ersten Mal eine olympische Disziplin geworden, 2028 in Los Angeles ist ein realistisches Ziel. 22 Jahre wäre Anastasiya dann, ein gutes Alter für eine Karateka. Doch das alles ist Zukunftsmusik. Bereits geschafft hat sie es in den Landeskader und in die Olympiaprojektgruppe.

Auch eine Einladung des Bundestrainers hat sie bereits erhalten, doch daraus wurde noch nichts, da sie aktuell noch ukrainische Staatsbürgerin ist. Das könnte sich bald ändern.

Ihren Titel kann Anastasiya durch die Corona-Krise aktuell nicht verteidigen, doch in Österreich und Tschechien stehen schon bald internationale Turniere an – ein erster Schritt zurück in den Wettkampfmodus. Vielleicht kann sie noch in diesem Jahr weitere Medaillen im Spiegel ihres Dojos betrachten.

MARKUS EIGLER

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