Traum von Olympia

Das macht ein Tischtennis-Toptalent aus Australien in Effeltrich

18.10.2021, 12:45 Uhr
Wunderkind aus Australien: Nicholas Lum ist am anderen Ende der Welt ein Riesentalent. In Deutschland muss er sich in der dritten Liga beweisen.

Wunderkind aus Australien: Nicholas Lum ist am anderen Ende der Welt ein Riesentalent. In Deutschland muss er sich in der dritten Liga beweisen. © Thomas Welker, NN

Ein anstrengendes Wochenende liegt hinter ihm. Zwei Spieltage, Samstag und Sonntag mit jeweils zwei Einsätzen im Einzel und Doppel. Nicholas Lum ist erschöpft. Das geplante Gespräch auf der Heimfahrt mit dem Zug von Erlangen nach Bad Aibling wird verschoben, denn es ist 21:15 Uhr. Zwölf Stunden später meldet sich ein aufgeweckter junger Mann mit sympathischen, australisch angehauchtem Englisch am anderen Ende des Hörers.

Die DJK SpVgg Effeltrich als Gastmannschaft im Glück

Lum dominiert die australische U19-Kategorie im Tischtennis, wird unangefochten auf dem ersten Platz gelistet. Auch im Erwachsenenbereich nimmt er einen Listenplatz unter den Besten ein. Im Alter von 16 Jahren. Doch ein geordnetes Liga-System mit gut funktionierenden Strukturen sucht er in Australien vergeblich. "Deutschland ist ein tolles Tischtennisland", sagt er. Perfekt, um erste Erfahrungen auf hohem Niveau in einer Liga zu sammeln.

Der australische und deutsche Tischtennisverband betreiben ein gemeinsames Projekt zur Förderung von Talenten. In der Tischtennisschule Bad Aibling stationiert, werden sie auf bayerische Vereine aufgeteilt. Die DJK SpVgg Effeltrich zieht das Glückslos, denn Nicholas Lum spielte am Wochenende gegen Bayern München für die erste Mannschaft. Jürgen Weninger, der Sportliche Leiter ist stolz: "Nicholas hat das toll gemacht, sein Einsatz für unsere Teams in der dritten Bundesliga und der Verbandsoberliga war hervorragend."

Mit deutlichen Siegen in seinen Einsätzen war er maßgebend an dem 6:2 Erfolg gegen die Bayern beteiligt. Mit Martin Guman gewann er das Doppel, auch Marius Zaus und Alexander Rattassep siegten gemeinsam. Im Einzel holten Guman, Zaus und Lum die Punkte für die DJK.

Nachwuchsarbeit made in Germany

John Murphy ist der australische Cheftrainer des Tischtennisverbands und erklärt, was es genau mit dem Projekt auf sich hat. "Die Nachwuchsarbeit ist das Rückgrat jedes Sports. Die Möglichkeiten, die Europa und hier insbesondere Deutschland bieten, sind einmalig." Denn neben der chinesischen Superliga ist die deutsche Tischtennis-Bundesliga als stärkste Liga der Welt einzustufen.

"Für Talente wie Nicholas ist es essentiell, Erfahrung und Motivation in echter Wettkampfatmosphäre zu sammeln", ergänzt er. Aktuell sind sieben australische Nachwuchsspieler in Europa, Lum ist einer davon. Australien befindet sich im Aufbau, in Hinblick auf Infrastruktur und Nachwuchsarbeit, die ersten wichtige Schritte sind laut Murphy getan. Doch um auf internationalem Niveau bestehen zu können, brauchen die Talente bereits heute ein Umfeld, wie es in Deutschland herrscht. "Das ist eine einmalige Chance, die den Weg zu einer erfolgreichen Karriere ebnen soll", meint Murphy.

Die Olympischen Spiele im Fokus

Lum spielt Tischtennis seitdem er sieben Jahre alt ist. Seiner Leidenschaft und dem Traum von Olympia ordnet er vieles unter, trainiert zwischen 25 und 30 Stunden wöchentlich, zwei- bis dreimal pro Tag für zwei Stunden. An der Platte, im Kraftraum oder bei der Theorie der Spielzüge, immer mit unermüdlicher Hingabe. Sein Trainer Murphy beschreibt ihn so: "Nicholas ist eines der größten, wenn nicht sogar das größte Talent im australischen Tischtennis. Er hat diese Fähigkeit, Dinge schneller zu verstehen als andere, dem Gegner immer einen Schritt voraus zu sein", schwärmt er von seinem Schützling. "Mit 16 Jahre ist Nicholas bereits sehr reif, agiert unter Druck professionell und zeigt die Führungsqualitäten eines Top-Spielers."

Doch Lum hält nicht viel von solchen Lobeshymnen, will sich aufs Hier und Jetzt fokussieren: "Ich bin aktuell einfach glücklich mit der gesamten Situation. Diese Chance zu haben ist einmalig, ich erfahre viel Unterstützung von meinen Freunden und Familie daheim, und wenn ich ehrlich bin, fühlt sich es hier in Deutschland bereits auch wie ein zweites Zuhause an."

Wenn Lum ausnahmsweise mal nicht den Kopf mit Tischtennis voll hat, kocht er in seiner Freizeit gerne, probiert Rezepte aus und tüftelt an der Herdplatte genauso akribisch an seinem Potenzial wie im Sport. Sein Lieblingsessen sind Nudeln, keine kulinarische Meisterleistung, doch an die deutsche Currywurst will er sich demnächst heranwagen: "Die schmeckt mir so gut, die muss ich einfach mal selber machen."

Ein spannender Winter steht bevor

In den kommenden Wochen ist das Programm von Lum straffer als so mancher Schmetterschlag. Neben den Einsätzen für die Effeltricher "Erste" stehen auch Einsätze auf internationalen Jugendturnieren in Italien oder der Slowakei an. Dazu kommt noch der Schulstress, denn auch die größten Nachwuchstalente sind nicht von der Schulpflicht befreit. "Die Schule läuft über ein Online-Portal ab", sagt Lum.

Nach Stress klingt das aber nicht. "Ich kann den Stoff und die Lerneinheiten machen, wann und wo ich will, es gibt keine Fristen", sagt er. Unter der Woche zwischen den Trainingseinheiten bleibt dafür genug Zeit. Trainer Murphy hat alles im Blick: "Nicholas ist seit mehreren Monaten in dem Talentförderungsprogramm, lernt also schon länger online. Doch seine Noten leiden darunter nicht, im Gegenteil, er ist hier genauso engagiert wie im Sport."

Für die nächsten drei Monate bleibt die Tischtennisschule in Bad Aibling das Zuhause von Nicholas. Eine große Hürde zur Eingliederung in deutsche Sportkultur hat er bereits genommen: "Am Anfang dachte ich mir, ich bin im falschen Film, als ich die Gemeinschaftsduschen in den Turnhallen gesehen habe", sagt er lachend. Aber auch an diesen Kulturschock hat er sich mittlerweile gewöhnt, seine Einzeldusche in Australien vermisst er nicht mehr. "Es fühlt sich alles nach einem zweiten Zuhause an." Auch wenn es manchmal anstrengend ist.

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