Fußball-EM

Die Fans sind zurück im Stadion: Das Ende der Stille

16.6.2021, 18:05 Uhr
Die EM dient in Sachen Zuschauer als Probelauf für die anstehende Bundesliga-Saison.

Die EM dient in Sachen Zuschauer als Probelauf für die anstehende Bundesliga-Saison. © Laci Perenyi via www.imago-images.de

Schon drei Stunden vor dem Anpfiff des EM-Gruppenspiels zwischen Deutschland und Frankreich herrscht am Dienstag rund um Fröttmanings Fußballtempel, der im normalen Liga-Betrieb Allianz Arena heißt, reges Treiben. Gutgelaunte Menschen in weißen oder blauen Trikots flanieren im Stadionumlauf, irgendwo grölt immer einer "Deutschland!".

Die mit 1000 Beamten angerückte Polizei ist damit beschäftigt, den sich von den Autobahnen ergießenden Verkehrsstrom zu kanalisieren. Wer sich nicht rechtzeitig online ein Ticket für das Parkhaus gesichert hat, muss umdrehen – und sich eben in der Peripherie einen Abstellplatz suchen. Viel Glück dabei.

Langsame Rückkehr zur Normalität

Ein Hauch von "Schland" liegt in der Luft – also jene schwarz-rot-goldene Partystimmung, wie sie seit der WM 2006 bei großen Turnieren die Nation befällt. Die Entbehrungen und Sorgen der Corona-Pandemie, sie scheinen plötzlich ganz weit weg zu sein. Die Rückkehr der Fans steht auch für eine Rückkehr zur Normalität, so wie Biergartenbesuche, Shopping ohne Terminvereinbarung oder erste kleine Open-air-Konzerte.

Trotzdem ist (noch) nicht alles wie früher. Es gibt keinen Alkohol im Stadion, was mancher gerade in Bayern, wo Bier ja als Kulturgut betrachtet wird, schon als kleine Zumutung empfinden mag. Auf den Rängen herrscht im Gegensatz zu anderen EM-Spielorten eine kategorische Maskenpflicht, jeder Zuschauer muss zudem eines der "3G"-Kriterien erfüllen, also geimpft, getestet oder genesen sein. "Es ist an alles gedacht, wir können das Spiel mit ruhigem Gewissen genießen", hatte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) versprochen.

Kimmich fand's brutal

Anders als den Landesvater, der natürlich auf der Tribüne sitzt und sich in den Sozialen Medien mit stilechter Rautenmaske inszeniert, scheinen die Begleitumstände potenzielle Besucher dennoch abzuschrecken. Laut des offiziellen Spielberichts der Uefa befinden sich am Dienstagabend nur 13.000 Zuschauer in der Arena, erlaubt gewesen wären immerhin 14.500. Schon in Baku, Bukarest, Kopenhagen, Sevilla, Glasgow und St. Petersburg waren zuvor die Kapazitäten nicht voll ausgelastet. König Fußball scheint in der Pandemie einen Teil seiner Untertanen verloren zu haben, die Sehnsucht ist vielleicht doch nicht so groß, wie Uefa und DFB das gerne glauben machen.

13.000 Zuschauer – was an Zweitliga-Standorten wie Sandhausen, Regensburg oder Heidenheim ein fast ausverkauftes Haus bedeuten würde, wirkt in der monumentalen Spielstätte des FC Bayern mit einem Fassungsvermögen von knapp 75.000 Menschen vergleichsweise putzig. Doch weil die Menschen im lückenhaften Rund gut verteilt sind, sieht es nach mehr aus. Und vor allem hört es sich nach mehr an. Nach viel mehr, vergleicht man es mit der lähmenden Stille der trostlosen Geisterspielzeit. "Brutal" fand der Münchner Nationalspieler Joshua Kimmich die Stimmung in "seinem" wieder zum Leben erwachten Stadion, "wir brauchen die Fans im Rücken". Auch wenn es beim 0:1 gegen den Weltmeister noch nicht viel genutzt hat.

"Es war ein sehr schönes Gefühl, als die Zuschauer um 18 Uhr in die Arena strömten", gesteht auch Professor Werner Krutsch, Mitglied der Corona-Task-Force von DFL und DFB und in München für die Uefa als leitender Hygiene-Officer tätig. Der neue Mannschaftsarzt des 1. FC Nürnberg sah die zahlreichen Maßnahmen "gut umgesetzt". In den Planungen mit Stadt und Regierung hatte man die Kriterien bewusst sehr hoch angesetzt, um ein maximales Maß an Sicherheit zu garantieren – wohl wissend, "dass es einen hundertprozentigen Schutz nie geben kann".

Als "Pilotversuch und Testlauf" für die Zukunft hatte Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek die vier Partien in München gepriesen, die Erkenntnisse sollen wissenschaftlich begleitet werden. Mit dem Auftakt war der CSU-Politiker zufrieden, auch wenn man bei der Maskenpflicht wohl noch etwas "nachschärfen" müsse. "Da habe ich schon gesehen, dass das bei einigen nicht geklappt hat", sagte Holetschek dem Deutschlandfunk. Auch eine höhere Auslastung kann er sich im Sinne des Infektionsschutzes aktuell nicht vorstellen.

Bilder wie in Budapest, wo beim 0:3 der Ungarn gegen Portugal über 55 000 Fans in einem vollen Stadion dichtgedrängt und maskenlos feierten, als wäre Corona nur eine mexikanische Biersorte, dürften hierzulande also kaum bald zu sehen sein. Der Weg zurück zur Normalität lässt sich eben doch nicht im Sprint erledigen.

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