E-Sport: Bester FIFA-Spieler kommt aus Franken

26.6.2021, 12:44 Uhr
Yannic Bederke zeigt auf dem Rasen der Augsburger WWK-Arena seine Meisterschale. Aufgrund der Corona-Pandemie musste die Meisterfeier aber ausfallen.

Yannic Bederke zeigt auf dem Rasen der Augsburger WWK-Arena seine Meisterschale. Aufgrund der Corona-Pandemie musste die Meisterfeier aber ausfallen. © Foto: FC Augsburg

Marco Richter hat es ihm versprochen. Er, der Stürmer des FC Augsburg, werde da sein. "Wenn du ein Tor brauchst, dann wird mein virtuelles Ich es erzielen", hatte Richter am Telefon versichert. Im Juni 2020 war das, wenige Stunden vor dem entscheidenden Spiel um die deutsche Meisterschaft. Yannic Bederke, E-Sportler ins Diensten des FCA sollte die Schwaben zum Titelgewinn gegen Bayer 04 Leverkusen führen. Nicht im echten Fußball natürlich, sondern in der virtuellen Bundesliga (VBL). Die Vereine der ersten und zweiten Liga treten dort an – statt real auf dem Rasen in FIFA, einem sehr beliebten Fußball-Simulationsspiel für Konsolen und PCs.


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Bederke ist die Freude auch mehr als ein halbes Jahr später noch anzuhören, wenn er erzählt, dass es am Ende tatsächlich der digitale Marco Richter war, der Augsburg, und damit auch Bederke, mit dem entscheidenden Treffer zum deutschen Meister in FIFA20 machte. Seitdem hat sich manches verändert für den schlanken jungen Mann aus Hüssingen. "Wenn ich irgendwo unterwegs bin, sprechen mich inzwischen immer wieder Leute an", sagt er. Das Medieninteresse ist ebenfalls gewachsen. Wie man Interviews gibt, weiß der 20-Jährige mittlerweile. Und auch der Druck ist etwas größer geworden. Die Szene schaut jetzt auf ihn, wenn er zum Controller greift. Zeigt er Schwächen? Ruht er sich auf dem Titelgewinn aus?

Duelle auf der X-Box

Um zu verstehen, wie aus Yannic Bederke Deutschlands bester digitaler Fußballer werden konnte, reicht ein kurzer Blick zurück in seine Kindheit. Als jüngster dreier Brüder muss er sich schon früh gegen die Älteren durchsetzen – auch auf der Konsole. "Ich habe jung angefangen zu spielen, FIFA begleitet mich eigentlich schon immer", sagt er. Vor allem Bruder Philipp entpuppte sich auf der X-Box als zäher Gegner.

"Am Anfang gingen allen Partien an ihn, irgendwann hat sich das Blatt aber gewendet", erzählt Bederke nicht ohne Stolz. Doch auch Philipp ist heute Teil des vierköpfigen E-Sport-Teams beim FC Augsburg. Im Doppel tritt das Brüderpaar regelmäßig gemeinsam an. Wie lange das noch klappt, lässt sich schwer sagen. Auch wenn es seltsam klingt: Mit seinen 31 Jahren ist Philipp für einen E-Sportler schon fast ungewöhnlich alt.

FC Augsburg suchte nach Talenten

Jenseits der 30 gibt es nur noch wenige, die auf höchstem Niveau mithalten können. "Ein Faktor könnte sein, dass die Reaktionsfähigkeit etwas abnimmt", meint Yannic. Außerdem erscheint jedes Jahr eine neue FIFA-Version. Die Spieler müssen sich immer wieder auf das neue Gameplay und neue Steuerungsbefehle einstellen. Das fällt den Jüngeren meist leichter.

Bederke hat den Sprung in den professionellen E-Sport früh geschafft. 2017 gelang es ihm, sich für die Deutsche Meisterschaft zu qualifizieren. Als Neuling überstand er auf Anhieb die Gruppenphase. Wenig später suchte der FC Augsburg nach Leuten, die den Verein im digitalen Sport standesgemäß vertreten könnten. Er fand Yannic Bederke, der als glühender Fan des FCA nicht nur regelmäßiger Stadionbesucher, sondern auch Vereinsmitglied war.

"Eigentlich wollte ich ja immer mal für den echten FC Augsburg auf dem Rasen stehen. Jetzt ist es eben anders gekommen", sagt Bederke. Der Fußballplatz ist ihm trotzdem nicht fremd. In der zweiten Mannschaft des TSV Oettingen steht er zwischen den Pfosten. Weil die Spiele in der virtuellen Bundesliga immer mittwochs, die Spiele in der echten B-Klasse aber meistens sonntags sind, lässt sich das ganz gut vereinbaren.

Ist das eigentlich Sport?

Der Trainingsaufwand für den E-Sport ist allerdings deutlich höher. Fast jeden Tag sitzt er zwei bis drei Stunden vor der Konsole. Doch ist das, was er da macht, eigentlich überhaupt Sport? Bederke kennt die Diskussion – und antwortet gelassen: "Es kommt eben immer drauf an, wie man Sport definiert. Wenn man ihn als Wettbewerbe definiert, in dem man Höchstleistungen abrufen muss, dann ist das, was wir machen, auf jeden Fall Sport." Vor dem Bildschirm sind vor allem Reaktionsschnelligkeit und Konzentration gefragt.


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Die virtuelle Bundesliga spielt in Doppelspieltagen. Jeder dieser Spieltage besteht aus einem Einzel auf der X-Box, einem Einzel auf der Playstation und einem Doppel. Beim Doppel entscheidet das Heimteam, auf welcher Konsole gespielt wird. Bederke spielt, wann immer es geht, auf der X-Box. Schließlich stand die auch seine ganze Kindheit über zu Hause.

Auf seiner Lieblingskonsole ist er aktuell zweitbester Spieler in der VBL. Und auch für das Team insgesamt läuft es gut. In der zweigeteilten Liga rangiert der FC Augsburg auf Rang drei in der 13 Teams starken Süd-West-Gruppe. Um die vielen Stunden vor dem Bildschirm gut wegzustecken, geht Bederke regelmäßig laufen, macht Stabilisationstraining für den Rücken. Ohne körperliche Fitness wird es im E-Sport schwer, genau wie im Profifußball.

RB Leipzig rüstet auf

Und noch eine Parallele gibt es zwischen dem realen Fußballgeschäft und seinem digitalen Pendant. Kommerzialisierung und Professionalisierung spielen eine immer größere Rolle. Vor der laufenden Saison hat Red Bull Leipzig mit Umut Gültekin – kürzlich zum E-Sportler des Jahres gewählt – und Richard Hormes zwei Stars der Szene verpflichtet. Und beim 1. FC Heidenheim kümmert sich Bernd Leno, Torhüter bei Arsenal London, mit seinem Team "Leno e-Sports" um fähiges Personal am Controller.

Vor dem Bildschirm vereint: Yannic Bederke (rechts) gemeinsam mit seinem Bruder Philipp im Trikot des FC Augsburg an der Konsole.

Vor dem Bildschirm vereint: Yannic Bederke (rechts) gemeinsam mit seinem Bruder Philipp im Trikot des FC Augsburg an der Konsole. © Foto: FC Augsburg

In Augsburg geht es noch ein wenig beschaulicher zu. In der Geschäftsstelle der Schwaben ist ein E-Sport-Raum eingerichtet, gut ausgestattet mit Monitoren und Konsolen. Den ganzen Tag trainieren kann Bederke aber nicht. Schließlich ist der gelernte Notariatsfachangestellte beim FCA nicht nur als E-Sportler, sondern auch als Mitarbeiter in der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit angestellt. Sonst könnte er von seinem Sport schwerlich leben.

Andere, wohl auch besser dotierte, Angebote hatte es vor der Saison gegeben. Aber Bederke wollte seinen FCA nicht verlassen. "Ich war halt schon immer Augsburg-Fan", kommentiert er die seine Entscheidung für den Verein. "Außerdem kann ich hier mit Philipp spielen." Und umziehen muss er auch nicht. Etwa eine Stunde Autofahrt ist es von Hüssingen nach Augsburg.

Es winkt ein Platz bei der WM

In den kommenden Monaten will Bederke seinen Meistertitel verteidigen. Zudem peilt er einen Start bei der Weltmeisterschaft an, die vergangenes Jahr wegen der Pandemie entfallen musste. Zu den besten 64 Spielern der Welt muss er gehören, um teilnehmen zu dürfen. In regelmäßigen Qualifikationsturnieren kämpfen die Sportler um die Startplätze. Momentan sieht es gut aus für den jungen Mittelfranken.

Seine Expertise in Sachen FIFA ist übrigens auch bei der Elf von FCA-Trainer Heiko Herrlich gefragt. "Mit Marco Richter verstehe ich mich zum Beispiel super und Rafal Gikiewicz will auch manchmal Tipps von mir für FIFA", berichtet Bederke. Gelegentlich fordern Profis ihn auch zum digitalen Duell heraus. Mehr als einmal dürften sie das hinterher bereut haben. "Das kann für die dann schon mal frustrierend enden", sagt Bederke lachend.

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