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Eckental: "Wurschtiger" Lokalmatador Härteis erreicht Hauptrunde

Tennis-Ass aus Postbauer-Heng übersteht Qualifikation zum ATP Challenger souverän - 02.11.2020 06:04 Uhr

Qualifikations-Mission erfüllt: Mit Siegen über Leopold Zima und Lukas Klein hat sich Lokalmatador Johannes Härteis beim ATP-Challenger-Turnier in Eckental fürs Hauptfeld empfohlen.
 

01.11.2020 © Klaus-Dieter Schreiter


Um sich das Leben zu erleichtern, wäre es manchmal ratsam, den Kopf auszuschalten. „Wurschtigkeit“ nennt Walter Otto jene mentale Einstellung, die seinem Schützling mitunter in entscheidenden Situationen abhanden kommt.

Von der frühen Jugend an begleitet Otto den Karriereweg von Johannes Härteis, der aus dem Landkreis Neumarkt zunächst steil nach oben führte. Der Wechsel aufs Internat des bayerischen Leistungszentrums Oberhaching ermöglichte es dem Vorzeige-Ass, sich voll auf den Sport zu konzentrieren. Härteis durfte im Nachwuchswettbewerb auf dem heiligen Rasen von Wimbledon vorspielen und sammelte Bundesliga-Erfahrung beim 1.FC Nürnberg, doch der Durchbruch bei den Erwachsenen steht noch aus.

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„Du wünscht dir zwar, dass es schneller geht. Aber die Konkurrenz ist extrem“, sagt der inzwischen 24-Jährige. Neben Verletzungsproblemen hätten ihn spielerische Krisen zurückgeworfen. Zuletzt indes konnte sich der knapp 1,95 Meter große Linkshänder über die zweite Liga der internationalen Tour, die Challenger-Serie, in der Weltrangliste kontinuierlich an die Top 300 heranpirschen. „Ab Platz 240 kommst du in die Qualifikations-Felder für die Grand Slams“, berichtet der gebürtige Nürnberger, „darauf arbeite ich hin“. Schließlich würden sich regelmäßige Ausflüge in jene höheren Sphären auch finanziell lohnen. Bisweilen fressen die Reisekosten das Gros der Preisgeld-Einnahmen wieder auf, wobei Corona die Karten teils völlig neu gemischt hat.

Wenig Praxis, dafür Zuschuss

Während renommierte Veranstaltungen ausfielen, erfreuten sich die wenigen verbliebenen Formate selbst an unbekannten Standorten plötzlich reger Nachfrage. Etablierte Routiniers sorgten nicht nur für unerwartet hochkarätige Besetzungen, sondern blockierten begehrte Startplätze der Nachzügler. So erreichte Johannes Härteis seit Ostern ein nie dagewesenes Fitness-Level und absolvierte mit wechselnden Sparringspartnern ein umfangreiches Trainingspensum auf den verschiedensten Anlagen der Region, kam jedoch kaum in den Genuss von Wettkampfpraxis. Zur Kompensation gab es von der ATP-Organisation einen vierstelligen Zuschuss.

Erst im Oktober klappte es mit Auftritten in Rumänien, Portugal und Ismaning, die trotz eines Doppel-Titels und einer Viertelfinal-Teilnahme unter dem Strich nicht von durchschlagendem Erfolg gekrönt waren. Umso größer war die Freude, als Härteis am vergangenen Freitag die Zusage für die Qualifikation in Eckental erhielt. Den nötigen negativen Corona-Test hatte er bereits in der Tasche. „Es ist schön, wenn du direkt vor der Haustüre spielen und im eigenen Bett übernachten kannst. Außerdem mag ich den speziellen Belag gerne. In Deutschland wächst du ja im Winter mit dem Hallen-Teppich auf. Mir liegt das schnelle Spiel, es bietet Außenseitern mehr Chancen als sonst“, erklärt Härteis, kurz bevor er mit Kumpel Maximilian Marterer aus Stein schon zum Einspielen auf der Anlage eintraf.

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Bezogen auf den Ort, halten sich bei Härteis – im Vergleich zum 2017 siegreichen Marterer – die Erinnerungen an sportliche Höhepunkte in Grenzen. Mehrere vergebliche Anläufe in der Qualifikation stehen dem Erreichen der zweiten Runde 2014 gegenüber. Eine Wiederholung des Coups als damals 18-jähriger Wildcard-Inhaber misslang 2019, doch dem Ruf eines berüchtigten Schafkopflers schadete es nicht.

Der gewohnte familiäre Charakter wird bei der neuerlichen Auflage freilich vom strengen Hygiene-Konzept überlagert. Im abgetrennten Spieler-Bereich entsteht kaum mehr als ein kurzer Plausch, weil die Protagonisten weder Duschen noch die Umkleidekabinen nutzen dürfen, per Shuttle zügig ins Hotel gebracht werden. Ein bisschen „trostlos“ empfindet Johannes Härteis die Atmosphäre ohne Zuschauer, nimmt die Situation aber mit professionellem Pragmatismus an. Den jungen Leopold Zima fegt der Lokalmatador aus Postbauer-Heng am Samstag im Eiltempo 6:0, 6:3 vom Feld und behält tags darauf gegen den Slowaken Lukas Klein ebenso souverän 6:1, 6:4 die Oberhand. Die Hauptrunde ist damit gebucht.

Dass sich der 24-Jährige eine „solide Leistung“ attestiert, zeugt indes nicht von ausgelassener Euphorie. „Es geht ja jetzt erst richtig los“, kündigt Härteis selbstbewusst an. Er fühle sich bereit, auf dem besonderen Boden jedes Favoriten-Kaliber zu schlagen. Gleichzeitig gilt es, die aufgrund der besonderen Saison-Konstellation aufgestockten Ranglistenpunkte und Preisgeldprämien im Geiste auszublenden. „Es ist kontraproduktiv, mir zu viel Druck zu machen“, weiß Härteis. Für den Moment scheint die von Trainer Walter Otto gewünschte „Wurschtigkeit“ vorhanden.

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