Martin Braun ist Anton Lubers Wegweiser

Ein Blinder läuft mit Begleiter Marathon

26.9.2021, 14:56 Uhr
Der blinde Anton Luber (links) hat mit seinem Begleiter Martin Braun schon viele Kilometer zurückgelegt.

Der blinde Anton Luber (links) hat mit seinem Begleiter Martin Braun schon viele Kilometer zurückgelegt. © Foto: Pia Hermann

"Vorsicht, Bordstein!", warnt Martin Braun aus Behringersmühle seinen blinden Lauf-Kollegen Anton Luber. "Vorsicht, Wurzeln!", folgt einige Zeit später der nächste Hinweis.


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Die beiden sind ein eingespieltes Team. Nur größere Hindernisse muss Braun ankündigen. Wenn es um Richtungswechsel geht, reicht Luber das vertraute Ziehen an seinem Ellbogen als Orientierung. Mit einem knapp halben Meter langen gelben Band sind die zwei Hobby-Läufer aneinandergebunden, während sie Kilometer um Kilometer zurücklegen. Können sie nicht nebeneinander laufen, wird das Band durch einen Blindenstock ersetzt und sie laufen hintereinander.

Aber das Band ist nicht das einzige, was sie verbindet. Es ist vor allem der Spaß am Laufen. Das Duo hat schon mindestens 20 Marathons gemeinsam bestritten, darunter vier Ultras und der Neckar-Lauf über sieben Tage. Das Kennenlernen: Ihr erstes Treffen und gleichzeitig ihr erster gemeinsamer Marathon fand im Februar 2018 statt. "Es war im Prinzip Zufall", erzählt Braun.

"Ich habe eine Mitfahrgelegenheit zum Thermen-Marathon in Bad Füssing gesucht. Mein Bekannter Roland Blumensaat hat mich dann Anton vorgestellt und gefragt, ob ich ihn begleiten würde, weil er an dem Tag nicht konnte." Luber fügt hinzu: "Der Roland war ein häufiger Begleiter von mir für Marathons und Ultras." Roland Blumensaat, der professionell Laufseminare anbietet, freut sich indes, dass er Anton einen jüngeren, schnelleren Begleiter vermitteln konnte. Seitdem kann Braun als Hauptbegleiter Lubers bezeichnet werden, vor allem für echte Veranstaltungen. Nur fürs Training zuhause assistiert dem Nürnberger ein Nachbar.

Zwei verschiedene Generationen

Auch wenn Braun mit 33 Jahren und der 56-jährige Luber zwei völlig unterschiedlichen Generationen angehören, hat es bei den beiden funktioniert. Braun erinnert sich: "Schon bei unserem ersten Marathon waren wir nur am Quasseln und dann viel schneller am Ziel als geplant." Luber ist voll des Lobes: "Martin macht das sehr, sehr gut. Er ist eine sehr angenehme Begleitung. Es passt eben, weil es uns beiden um den Spaß und nicht irgendwelche Bestzeiten geht."

Der Deutschlandlauf 2021: Das Team hat an diesem Tag bereits 50 Kilometer geschafft. Fehlen noch zehn, dann ist die heutige Etappe des Deutschlandlaufs geschafft. Eine von insgesamt 21 Etappen. Wettertechnisch haben die Läufer den ganzen Marathon über Glück gehabt. Ein paar einzelne Schauer sind das schlimmste, wodurch sie gestört wurden. "Der Wettergott muss ein Läufer sein", scherzt Braun.

Der drei Wochen lange Ultramarathon ist die größte Veranstaltung, die sie seit ihrem Kennenlernen bewältigt haben. Vom 22. August bis zum 11. September haben sie zusammen fast 1300 Kilometer zurückgelegt. Vom Startpunkt in Flensburg ging es los nach Lörrach an der Schweizer Grenze. Zu Beginn waren sie 20 Läufer, am Ende nur noch acht.

Jeden von ihnen kostet der Spaß 2000 Euro. Aber das war es wert. "Es war wie drei Wochen All-inclusive-Urlaub. Nur Laufen mussten wir selbst." Der Veranstalter des Deutschlandlaufs hat auch den Neckar-Lauf organisiert, an dem die Zwei vergangenes Jahr teilgenommen haben. Er sorgte für Essen, Verpflegungspunkte während des Laufens, die Markierung der Wege, den täglichen Transport des Gepäcks und die Schlafplätze in Sporthallen.

"Wie eine große Familie"

In den Hallen schliefen sie auf Sport- oder Isomatten. Ihre Tage begannen um sieben Uhr, Abendessen gab es um 18 Uhr und um 21 Uhr waren die Lichter aus. In jeder neuen Unterkunft hat Braun mit Luber erstmal eine kleine Orientierungsrunde gemacht, damit dieser sich auch allein und unabhängig zurechtfinden konnte. Zusammen mit den anderen Läufern und den Helfern war die Truppe "im Prinzip wie eine große Familie", beschreibt Luber die Erfahrung.

Ein besonderer Vergleich: Im Vergleich zu Luber läuft Braun weniger. Während der Begleiter zum Beispiel eine Winter-Lauf-Pause macht, ist sein Kollege auch dann noch unterwegs. Brauns größte Motivation beim Laufen ist eben eine andere. Während den älteren Athleten Distanz-Ziele antreiben, geht es dem jüngeren eigentlich mehr um die Gesellschaft. "Ich nutze das Laufen im Grunde als Stammtisch."


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Im Moment hat das Team noch keine neuen gemeinsamen Pläne. Erst einmal aber müssen die Blasen vom Deutschlandlauf heilen, zumindest bei Luber. Außerdem beklagen die beiden, dass es in der jetzigen Situation sowieso zu wenige ansprechende Veranstaltungen gebe. Aber mit Sicherheit kommt das gelbe Band trotzdem in nicht allzu ferner Zukunft wieder zum Einsatz.

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